Jeder glaubt das seine

Von Tabea Gregory, April 2011

»In der Altersgruppe bis 30 Jahre kenne ich kaum jemanden, der ein gutes Wort für die Kirche übrig hat und nicht zuallererst Missbrauchsfälle oder einen unglaubwürdigen Papst mit der Institution assoziiert«, stellt Tabea Gregory fest. Ist es vielleicht an der Zeit, ein neues Verständnis für Religion zu entwickeln? Die Schülerin aus der 13. Klasse der Waldorfschule München-Ismaning befragte dazu 800 Menschen.

Foto: Wolfgang Schmidt

Um die Einstellung der Altersgruppe der 15- bis 30-Jährigen zu Religion zu erfahren, entwickelte ich einen Fragebogen, der fünfzehn Fragen umfasst und Möglichkeit zum Ankreuzen sowie zur freien Meinungsäußerung gibt. Insgesamt habe ich Antworten von Schülern, Studenten und Passanten in der Fußgängerzone gesammelt und die Ergebnisse ausgewertet. 

Gefahren und Chancen von Religion 

Konflikte zwischen Religionen werden als die größte Gefahr gesehen. Dies ist umso erstaunlicher, als es bis auf den Nahostkonflikt, die Kreuzzüge und islamistischen Extremismus wenig Beispiele für Kriege zwischen Religionen gibt.

Diese Beispiele scheinen jedoch das Bild von Religion zu prägen und die Intention der Friedfertigkeit von Religion zu überdecken. Vermutlich trägt die einseitige Berichterstattung in den Medien zu dieser Sichtweise bei, die die Konflikte deutlich darstellt, die friedlichen Bemühungen jedoch außen vor lässt. 

Das Verhältnis zur Religion ist ambivalent 

Annähernd die Hälfte der Personen, die die Lehren ihrer Religion nicht glauben, geben dennoch an, dass sie ihre Kinder in dieser Religion aufziehen würden. Häufig folgt darauf sogar noch, dass sie Religion für etwas Unzeitgemäßes halten. Eine andere häufige Antwortkombination von Religionszugehörigen ist, dass sie an die Lehren ihrer Religion zwar glauben, sie aber gleichzeitig als unzeitgemäß betrachten. Woher rühren solche widersprüchlichen Aussagen? Offensichtlich sind die Befragten unzufrieden, haben aber noch nicht über Alter­nativen nachgedacht.  So paart sich der  Widerwille gegen Religion mit dem Wunsch, Traditionen zu wahren und seinen Kindern eine innere Kraft zu geben. 

Frauen und Männer haben ein unterschiedliches Verhältnis zur Religion 

Fast dreimal soviel Frauen wie Männer glauben an die Schöpfungsgeschichte. In einem ähnlichen Verhältnis steht das Ergebnis zum Glauben an die Erbsünde. Bezeichnend ist, dass alle von der Erbsünde Überzeugten Moslems oder griechisch-orthodoxe Christen waren. Mehr als doppelt soviel Frauen wie Männer haben bereits ausgiebig in der Bibel gelesen und fast 20 Prozent mehr Frauen als Männer finden Religion zeitgemäß. Diese Ergebnisse machen deutlich, dass die befragten Frauen stärker traditionellem religiösem Gedankengut verbunden sind als die befragten Männer. Gleichzeitig war das Interesse an dem Thema bei den Männern höher als bei den Frauen. Fast nur Männer fragen mich nach meinen Beweggründen, wie ich diese Fragebögen auswerten würde und was ich denn glaubte. Anhand der Antworten ist festzustellen, dass Männer sich durchschnittlich mehr als Frauen mit dem Thema auseinandergesetzt haben und daher eindeutigere Aussagen treffen. 

Studenten und Schüler reagieren verschieden 

Unter den Studenten finde ich die größte Gruppe an diesem Thema Interessierter. Manche scheinen nur darauf gewartet zu haben, ihre Meinung zu äußern und haben sich offensicht­lich schon genauer damit befasst. Ingesamt geben die Studen­ten die in sich stimmigsten Fragebögen ab. Damit stehen sie in direktem Gegensatz zu den Schülern, die teilweise genervt wirkten, sich mit dem Thema über mehrere Minuten befassen zu sollen. Die meisten Schüler haben sich kaum damit auseinandergesetzt und es scheint auch unwichtig für ihr Leben zu sein. Am Auffälligsten ist die Unklarheit der Antworten der Schüler. Es ist mir oft nicht möglich, aus den Angaben die erfragte »Glaubenseinstellung« herauszulesen. Die Schüler befinden sich zum Großteil noch in der Pubertät und sind somit primär damit beschäftigt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Die Aufmerksamkeit auf etwas Übermenschliches zu richten, ist in dieser Zeit besonders schwer und steht erst einmal hinten an. Ist die eigene Menschlichkeit jedoch erforscht, hat der junge Erwachsene die Möglichkeit, sein Ich im Zusammenhang mit der Umwelt zu erkennen. Das Bewusstsein weitet sich auf das Außen und er bildet seine Wahrheit von den Dingen, die um ihn sind. Diese Art des Denkens begünstigt eine Klarheit über den eigenen Glauben, wie auch immer dieser ausgerichtet ist. 

Wer seine eigene Wahrheit finden darf, schafft sich auch seinen eigenen Glauben 

Früher gab die Kirche das Verständnis von Gut und Böse vor. Die Menschen hatten noch nicht die Möglichkeit, sich selbst damit auseinanderzusetzen und waren abhängig von der Führung ihrer geistlichen Vertreter. Das Seelenheil lag in den Händen der Kirche. Heute wenden sich die Menschen von solchen vorgeschriebenen Denkmustern ab. Die Menschen beginnen, zu reflektieren und ihre eigene Wahrheit zu suchen – sich mit dem Ich zu beschäftigen.

Dieser individuelle Prozess verbindet den Glauben mit dem Bewusstsein und steht damit in Kontrast zum traditionellen Verständnis von Religion. Aus den Antworten der Befragten entnehme ich, dass die meisten keinen Unterschied zwischen Glauben und Religion machen.

Religion setzt sich zusammen aus Abkommen verschiedener Menschen über eine gemeinsam als wahr empfundene Glaubensbasis und wirkt daher kollektivierend. Diese Basis bilden zumeist heilige Schriften, ein Prophet oder andere Botschafter, die den Willen eines Gottes oder mehrerer Götter verkünden. Daraus folgen  Riten und Gebräuche, die sich über Zeiträume hinweg entwickeln. Die Religion schafft also die Rahmenbedingungen, um ähnliche Glaubensempfindungen gemeinsam leben zu können.

Glaube entsteht aus dem eigenen Erleben heraus und ist daher in erster Linie nicht kollektiv. Glaube ist eine Form von Wahrheitsempfinden und Wahrheit gleicht sich mit dem eigenen aktuellen Weltbild ab. Glaube ist ein ganz persönliches Gefühl; manche verknüpfen vielleicht Bilder damit, andere Worte. Glaube ist ein Spiegel der eigenen Innenwelt. Da keine Innenwelt eines Menschen der eines anderen genau gleicht, kann der Glaube eines Menschen nicht dem Glauben eines anderen genau gleichen.

In einer Welt, in der sich Tradition und Gleichschritt zu Individualismus wandelt, kann eine Kollektiv-Religion nicht mehr bestehen. Wir durchschreiten die Phase der Ich-Suche, mit der die alten von außen gegebenen Sichtweisen nicht mehr kompatibel sind. Die Freiheit eigenständigen Denkens, die uns heute gegeben ist, gibt uns die Möglichkeit, uns vollständig von dem Alten zu lösen. Wenn die Menschen ihren neuen individuellen Zugang zum Glauben gefunden haben – ein Glaube, der auch Nichtglaube und Andersglaube einschließt – kann vielleicht eine neue Form von Religiosität entstehen, die ein Wir-Denken möglich macht. 

Link: www.jugendsymposion.de

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