Vier Tage unter dem Zeichen der Zeit. Die Kasseler Jugendsymposien

Von Mira Wangenheim, März 2013

Sie sind mittlerweile eine feste Institution waldorfpädagogischer Nachwuchsförderung und auch aus der Kasseler Kultur- und Bildungsszene nicht mehr wegzudenken: die vom Lehrerseminar für Waldorfpädagogik in Kassel initiierten und seit 2009 stattfindenden Jugendsymposien. Die Teilnehmer des 7. Jugendsymposions näherten sich dem komplexen Thema »Zeit« aus unterschiedlichsten Richtungen. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, in welchem Zusammenhang die Zeit mit unserem Denken, Leben und Empfinden steht. Mira von Wangenheim, eine 17-jährige Teilnehmerin und Schülerin der Freien Waldorfschule auf den Fildern, fasst ihre Eindrücke der Tagung zusammen.

© Wolfgang Schmidt

Das Jugendsymposion will keine Antworten geben. Vielmehr ist es ein Ort, an dem Lehrer, Professoren und Waldorfschüler aus ganz Deutschland gemeinsam Fragen entwickeln, die keiner fertigen Antwort bedürfen, sondern Horizonte erweitern, die Brücken zwischen philosophischen und weltlichen Themen und dem Hier und Jetzt eines jeden Menschen schlagen.

Im Pendelschlag zwischen Jetzt und Ewigkeit

Dieser Pendelschlag gelang Christoph Hueck in einem Vortrag vom »Leben im Doppelstrom der Zeit«, in dem er die zwei für jeden erlebbaren Zeitströme an biographischen Beispielen veranschaulichte. Zum einen ist es unsere Vergangenheit, die unser Leben stark beeinflusst. Zum anderen erleben wir immer wieder, wie der Strom der Zukunft in unserem Leben wirkt. Er ist viel schwieriger zu fassen, da wir ihn mehr als Ahnung, als Gefühl von fragender Offenheit oder als Sehnsucht kennen.

In die Zukunft drängt es die Pflanze, wenn sie entgegen der Schwerkraft zum Licht und zum Himmel strebt, ebenso das Tier, das noch aktiver als die Pflanze in seinem Verlangen nach Wachstum dem Fortschreiten der Zeit folgt. Und der Mensch? Auch er empfindet dieses Verlangen. Es drückt sich aus in dem Bestreben nach Entfaltung, innerem Wachsen und Freiheit. Doch ist es dem Menschen nicht auch gegeben in diesem Doppelstrom der Zeit aufzustehen, ihn bewusst zu betrachten, also in ihm zu erwachen? Durch sein Aufrecht-Sein im Zeitstrom steht er in der Gegenwart, taucht in den Moment, das Jetzt, in dem sich die Zeitströme begegnen, ein.

Peter Lutzker vermittelte uns den Ton als anschauliches Bild für die Eigenschaften des Augenblicks. Denn obwohl wir bei dem Hören eines Musikstückes nur einen einzigen Ton auf einmal wahrnehmen, ist in ihm die ganze vorige Melodie, wie aber auch die Ahnung der Melodie, die noch folgen wird, enthalten. Übertragen auf das zeitliche Jetzt ist in einem einzigen Augenblick auf geheimnisvolle Weise sowohl die Vergangenheit wie auch der zarte Schimmer, durch den die Zukunft zu uns dringt, enthalten. Der Mensch kann durch sein Erwachen im Augenblick, durch sein Aufstehen im Zeitstrom »mit ihr tätig werden«. Wie der Same, in dem die vollständige Information eines späteren Baumes liegt, wie der Ton, in dem sich der Anfang wie das Ende einer Melodie ankündigt. Durch seine Existenz im »Pendelschlag zwischen Jetzt und Ewigkeit« kann er in sich, im vom Leben durchwirkten Jetzt, die Ewigkeit tragen.

Auf dem Weg zu den »Robotern der Menschlichkeit«

Angetrieben von einem Gesellschaftssystem, das auf Wachstum, Steigerung und Innovationsverdichtung basiert, sind wir Menschen in eine Situation geschleudert, die uns auf vielen inneren und äußeren Ebenen überfordert. Die Wirtschaft, das Herz der Beschleunigung, allen voran die Finanzmärkte, haben eine Geschwindigkeit erlangt, mit welcher der Mensch nicht mithalten kann. Das Szenario, das Hartmut Rosa zeichnete, sieht düster aus: Die Zahlen an der Börse wechseln innerhalb von Sekundenbruchteilen, sodass der menschliche Verstand nicht mehr in der Lage ist, sie zu erfassen. Die Entscheidungen über internationale Wirtschaftsgeschäfte fällen Computer. In vielen Wirtschaftssektoren werden Menschen, weil sie zu langsam und ungeschickt arbeiten, durch Maschinen ersetzt. Die ersten »Roboter der Menschlichkeit« werden erfunden, mit dem Ziel, bald auch Berufe wie Alten- und Krankenpflege oder sogar jeglichen zwischenmenschlichen Kontakt zu ersetzen. Wir haben unsere Mitgeschöpfe, die Tiere, gezwungen, sich unserem irrsinnigen »Wirtschaftlich-Sein« zu unterwerfen, und handhaben sie wie Produktionsmaschinen. Unser Streben nach individueller Freiheit, Wohlstand durch Wachstum und Verbesserung der Lebensverhältnisse hat uns längst von uns selbst und der Natur entfremdet und zu Arbeitsobjekten gemacht, die um jeden Preis wettbewerbsfähig bleiben müssen. Fixiert auf unseren individuellen Erfolg und Wachstumssteigerungen erleben wir immer weniger »Resonanz«. Ob es zwischenmenschliche Begegnungen, Wahrnehmung und Mitgefühl oder ob es Erlebnisse draußen in der Natur, am Meer oder in den Bergen sind – wir kommen immer weniger mit dem Leben selbst in Berührung. Aber Leben finden wir nur im Hier und Jetzt, im Augenblick, der uns verbindet, da er allen gemein ist.

Wir können die Zukunft in uns lebendig werden lassen

Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Situation, die wir wahrnehmen, wenn wir auf unsere Gesellschaft, unsere gemeinsame Welt und uns selbst in ihr schauen, und dem Gedanken des Erwachens im Jetzt, des Aufstehens im Zeitstrom und des zwischen Jetzt und Ewigkeit tätig Werdens. Denn ist nicht dieses Aufstehen im Jetzt, diese Art des Menschseins das, wonach wir uns in einer von der Natur entfremdeten Menschenwelt sehnen? Martin Buber sprach von den zwei Sehnsüchten des Menschen: der Sehnsucht nach Entfaltung und jener nach Begegnung. Beide Sehnsüchte bedingen einander. Kann ich mich, isoliert von anderen, wirklich entfalten? Ich denke nicht. Wie kann ich in einer individualisierten Gesellschaft ein gemeinschaftsfähiger Mensch werden? Es ist nicht nur eine Hoffnung auf ein menschlich erfülltes Leben, die mich zum »Pendelschlag zwischen Jetzt und Ewigkeit« macht, sondern auch ein Anspruch, eine Sehnsucht nach meinem eigenen Menschsein.

Wir können die Zukunft in uns lebendig werden lassen, die Veränderung selbst sein. Wir sind der Same, der in sich den Baum trägt; wir sind der Ton, der in sich Anfang und Ende der Welten-Melodie offenbart.

www.jugendsymposion-kassel.de

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