Kinder sind Kinder und keine Partner

Von Wolfgang-M.Auer, Dezember 2009

Auch dieses zweite Buch des Kinder- und Jugendpsychiaters Michael Winterhoff ist eigentlich gar nicht zum Bestseller prädestiniert. Und doch kam es, wie sein erstes schnell auf die Listen, weil die Menschen es zu Hunderttausenden kaufen. Wie kommt das? Zunächst einmal: es ist genau so undiplomatisch und einfach geschrieben, wie das erste. Winterhoff formuliert seine Aussagen unverblümt und gerade heraus. Das ärgert manche Leser. Einige, auch Fachkollegen, sogar so sehr, dass sie ihm eine autoritäre Pädagogik unterstellen. Nichts davon stimmt.

Wer mit Kindern zu tun hat, der weiß, wie schwer es vielen Eltern heute fällt, zu ihrem Kind eine angemessene Beziehung zu pflegen. Es sind oft Kleinigkeiten, mit denen das Problem beginnt. Sophie, zweieinhalb, ist bei der Tagesmutter. Wenn die Mutter sie abholt, gibt es immer wieder Theater. Sophie will, dass die Mutter sie zum Auto trägt. Die Mutter lehnt das ab und erklärt mit vielen Worten, warum sie das nicht tut und dass Sophie doch alt genug sei. Diese gibt nicht nach und fängt an zu heulen und zu schreien. Darauf die Mutter mit heftiger Stimme: Ich habe keine Zeit zum Diskutieren und … trägt ihr Kind zum Auto.

Die richtige Beziehung zum Kind, das Konzept »Kind als Kind«, wie Winterhoff es nennt, war früher selbstverständlich. Es entsteht, indem sich der Erwachsene »abgegrenzt« verhält, das heißt, nicht auf alles reinfällt, weil er weiß, dass er ein Kind vor sich hat und was für dessen Entwicklung richtig ist. Und wenn Winterhoff an dieser Stelle davon spricht, dass das Kind dem Erwachsenen untergeordnet ist, dann beschreibt er kein autoritäres Gehabe, sondern die natürliche Bedingung dafür, dass ein Kind sich am Vorbild des Erwachsenen orientieren kann. Wir müssen uns Zeit nehmen, Ruhe einkehren lassen, uns nach dem Sinn fragen, damit wir dem Kind wieder Orientierung geben können, statt uns am Kind zu orientieren.

Michael Winterhoff: Tyrannen müssen nicht sein. Warum Erziehung allein nicht reicht – Auswege. 192 S., geb. EUR 17,95. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009.

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