Klassenlehrer weltweit. Erste Ergebnisse einer Umfrage

Von Ricarda Kindt, Tomás Zdrazil, Dezember 2015

Die Internationale Konferenz der Waldorfschulbewegung hat sich den Klassenlehrer an der Waldorfschule zum Thema gemacht. Für Rudolf Steiner war die möglichst lange Betreuung einer Klasse durch einen Klassenlehrer besonders wichtig.

Foto: © Charlotte Fischer

Aus den Anregungen Steiners entstand bekanntlich ein achtjähriges Klassenlehrerprinzip: Von der ersten bis zur achten Klasse unterrichtet idealerweise ein Klassenlehrer täglich mindestens zwei Stunden im Hauptunterricht seine Klasse. Nun befindet sich das Klassenlehrerprinzip seit einiger Zeit vielerorts in einer Wandlung. Neben Maßnahmen, die zum Ziel haben, den Klassenlehrer bei seiner langjährigen Aufgabe zu unterstützen – hierzu gehören Hilfslehrer, Epochentausch oder Team-Teaching – wird bisweilen die Betreuungszeit durch einen Klassenlehrer radikal verkürzt. Zudem gibt es in den Niederlanden das Phänomen, dass es nicht mehr einen Klassenlehrer gibt, sondern dass sich zwei Klassenlehrer eine Klasse »teilen«, und an verschiedenen Tagen der Woche unterrichten.

Mit der Absicht, durch eine genauere Vorstellung über die Situation des Klassenlehrers in den jeweiligen Ländern, Gespräche anzuregen und die Diskussion zu versachlichen, hat sich die Internationale Konferenz entschlossen, eine Umfrage zu starten. Ziel dieser weltweiten Umfrage war es, zu ermitteln, wie die ersten acht Jahre in Bezug auf das Klassenlehrerprinzip an den Waldorfschulen gehandhabt werden. Wie viele Schulen verkürzen die Klassenlehrerzeit tatsächlich? Welche Mittelstufenmodelle schließen an die verkürzte Klassenlehrerzeit an?

Im Juli 2013 wurden Fragebögen von der Pädagogischen Sektion am Goetheanum in Dornach an alle Landesvertreter der Internationalen Konferenz versandt. Ausgenommen war Deutschland, da es hier bereits im Jahr 2012 eine vergleichbare Umfrage gegeben hatte. Die Landesvertreter der Internationalen Konferenz wurden gebeten, die Fragebögen an die Waldorfschulen in ihrem Land weiterzuleiten.

Die Umfrage wurde im Rahmen einer Masterarbeit koordiniert. Der Fragebogen bestand aus neun quantitativen und zwei freieren Fragen. Antwort gab es aus 25 Ländern. In vielen Ländern war die Beteiligung der Waldorfschulen an der Umfrage erfreulich hoch, in einigen Ländern eher gering. Bei der Betrachtung der Ergebnisse kann man feststellen, dass es Länder gibt, in denen die Waldorfschulen ausschließlich bestrebt sind, eine achtjährige, in einigen Fällen sogar neunjährige Klassenlehrerzeit zu realisieren. Um diese Länder auf der Landkarte zu finden, muss man sich von Deutschland aus gen Osten wenden. Es handelt sich hierbei um Japan, Slowenien, Tschechien, die Ukraine und Ungarn. Den Gegenpol, Länder in denen keine Schule mehr eine achtjährige Klassenlehrerzeit konzeptionell vorsieht, findet man in westlicher Richtung, repräsentiert durch Belgien und die Niederlande. In diesen Ländern gibt es laut Umfrage keine Waldorfschule mit einer achtjährigen Klassenlehrerzeit. In den Niederlanden haben sich 53 der 72 Waldorfschulen, in Belgien 9 der 15 Waldorfschulen an der Umfrage beteiligt. Auch in Australien, Neuseeland und der Schweiz ist die Klassenlehrerzeit an drei Vierteln der Waldorfschulen kürzer als acht Jahre. In Dänemark, Frankreich, Norwegen und Österreich wird an ungefähr der Hälfte der Waldorfschulen das achtjährige Klassenlehrerprinzip umgesetzt. In Italien und Deutschland spielt die Verkürzung der Klassenlehrerzeit zwar eine Rolle, fällt jedoch, prozentual gesehen, nicht ins Gewicht.

Wie werden nun die ersten acht Jahre an den Waldorfschulen gestaltet, die nicht in klassischer Weise das Klassenlehrerprinzip umzusetzen versuchen? An vielen dieser Waldorf- schulen wird die Klassenlehrerzeit auf sechs Jahre verkürzt, und es schließt ein Mittelstufenkonzept mit einem neuen »Mittelstufen-Klassenlehrer«, in seltenen Fällen in kollegialer Führung, an. In einigen Ländern wird eine siebenjährige Klassenlehrerzeit praktiziert, besonders häufig ist dies in Norwegen der Fall, wo es 16 Waldorfschulen gibt. Es gibt jedoch auch Länder, in denen die Waldorfschulen einen Klassenlehrerwechsel teilweise schon deutlich vor dem sechsten Schuljahr in ihrem Konzept vorsehen. In den meisten Ländern sind diese Schulen Ausnahmen, außer in den Niederlanden und Belgien, wo dies an über der Hälfte der Waldorfschulen geschieht.

In den Niederlanden kommt es vor, dass ein Schüler in den ersten sechs Jahren im Zweijahresrhythmus einen neuen Klassenlehrer bekommt – also drei verschiedene Klassenlehrer innerhalb von sechs Jahren – und das nicht etwa nur in Notfällen, sondern, weil es im Konzept der Schule so vorgesehen ist. Hier kann man wohl von einer völligen Abkehr vom Klassenlehrerprinzip sprechen.

Was bewegt einzelne Länder zu diesen Veränderungen?

Die Gründe sind von Land zu Land unterschiedlich, aber auch von Waldorfschule zu Waldorfschule. Ziel der Umfrage war es zunächst, die Handhabung zu ermitteln, weniger, die Beweggründe zu erforschen. Aus der Beschäftigung mit den Ergebnissen ergab sich eine genauere Betrachtung der Hintergründe zweier Länder. Zunächst soll auf Australien geschaut werden, wo das staatliche Schulsystem die Entscheidung, die Klassenlehrerzeit zu verkürzen, beeinflusst. Dann soll noch ein Blick in die Niederlande geworfen werden, wo – neben der oft starken Verkürzung der Klassenlehrerzeit – auch noch das oben erwähnte Phänomen auftritt, dass zwei Lehrer sich eine Klasse »teilen«.

Australien

In Australien gibt es viele Waldorfschulen, die keine Oberstufe anbieten. Die Schüler wechseln nach ihrer Waldorfschulzeit auf die staatlichen Schulen. Nun beginnt die High School in vielen Gegenden Australiens schon in der siebten, manchmal auch achten Klasse. Häufig ist es schwierig, einen Platz in den weiterführenden Schulen zu bekommen, was die Eltern unter Druck setzt, ihre Kinder möglichst früh anzumelden. Aber auch die Kinder haben häufig das Bedürfnis, von Anfang an die High School zu besuchen, und nicht zu einem späteren Zeitpunkt einzusteigen. Dies alles führt dazu, dass viele Schüler nach der sechsten Klasse die Waldorfschule verlassen. Schulen, die dennoch eine achtjährige Klassenlehrerzeit anstreben, stehen vor dem Problem des Schülermangels in der siebten und achten Klasse.

Viele Schulen entscheiden sich deshalb aus finanziellen, aber auch pädagogischen Gründen für eine sechs- oder siebenjährige Klassenlehrerzeit. Zudem fehlen den Waldorfschulen ohne Oberstufe häufig die richtigen Räume und Ausrüstungen für den Unterricht der siebten und achten Klasse wie Chemie- und Physikräume. Hinzu kommt die fehlende fachliche Beratung durch Oberstufenkollegen in den naturwissenschaftlichen Fächern. In den Waldorfschulen, die eine eigene Oberstufe haben, ist es deutlich einfacher, eine achtjährige Klassenlehrerzeit zu realisieren.

Niederlande

Schaut man auf die Niederlande, so entsteht der Eindruck, dass der Einfluss des Staates auf die Waldorfschulen sehr groß ist. 1998 wurden die vom Staat finanzierten Waldorfschulen verpflichtet, eine »Mittelschule« einzurichten. In der »Mittelschule« sollten Lehrer mit anderen Qualifikationen unterrichten, als in der »Unterschule«. Schulen, die nur aus einer Unterstufe bestanden, sollten die Schüler am Ende der sechsten Klasse an die staatliche »Mittelschule« übergeben. So wurde damals an allen niederländischen Waldorfschulen die Klassenlehrerzeit auf sechs Jahre verkürzt. Allerdings wird heute nur noch an 24 der 52 Waldorfschulen, die geantwortet haben, eine sechsjährige Klassenlehrerbetreuung angestrebt, an den übrigen 29 Waldorfschulen wechselt der Klassenlehrer ein- bis zweimal in den ersten sechs Schuljahren.

Eine weitere spannende Neuerung in den Niederlanden ist, dass es – wie oben erwähnt – sogenannte »Duoklassen« gibt, also Klassen in denen zwei Klassenlehrer zusammen eine Klasse unterrichten und zwar jeweils an verschiedenen Tagen der Woche. Solche »Duoklassen« kommen an allen 52 an der Umfrage beteiligten Waldorfschulen vereinzelt vor. Als Grund wurde genannt, dass in Holland 95 Prozent aller Klassenlehrer Frauen sind, von denen viele eine Teilzeitbeschäftigung wünschen, um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können. Aus der Not heraus, nicht genug Klassenlehrer zu finden, die bereit waren, Vollzeit zu arbeiten, wurden die sogenannten Duoklassen eingerichtet.

Die Internationale Konferenz wird sich mit diesen Ergebnissen weiter beschäftigen. Das Ziel der Gespräche ist, das für die Waldorfpädagogik zentrale Berufsbild des Klassenlehrers in der Waldorfschulbewegung weltweit zu stärken.

Zu den Autoren: Ricarda Kindt ist ehemalige Studentin an der Freien Hochschule Stuttgart, zur Zeit Lehrerin an der Freien Waldorfschule Aachen. Prof. Dr. Tomás Zdrazil war Klassenlehrer in Tschechien. Er ist Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart.

Literatur: Rundbrief der Pädagogischen Sektion, Michaeli 2013, S. 28-52.

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