Kleidung, Mode und Identität

Von Albert Vinzens, Oktober 2018

Wir standen kurz vor dem Abitur. Der Lehrer wollte unsere dialektischen Fähigkeiten prüfen und fragte, ob Trauerkleider bei einer Beerdigung wichtig seien oder nicht. Ich antwortete, für einen solchen Anlass sei die Kleiderfrage doch wohl völlig egal. Meine Freundin behauptete das Gegenteil und meinte, sie würde nur in entsprechender Kleidung auf eine Beerdigung gehen.

Foto: @ pheebs/photocase.de

Ein Jahr später war ich einer von vier Trägern, die wir unseren tödlich verunglückten Freund im Sarg zu Grabe trugen. Die Frage nach der passenden Kleidung wäre mir nicht in den Sinn gekommen, auch die nach der Frisur nicht. Meine Freundin war bei der Trauerfeier dabei. Ich erinnere mich weder, was sie trug, noch ob sie mir wegen meiner vermutlich etwas desolaten äußeren Erscheinung Vorwürfe machte. Doch heute, viele Jahre später, bin ich ihrer Meinung: Kleider machen zwar keine Toten lebendig, aber sie helfen, besondere Lebenssituationen mit Würde zu gestalten, von der Taufe über die Hochzeit bis zur Beerdigung.

Die Wahl der Kleidung verleiht einer Persönlichkeit Würde und soziale Sicherheit. Kleider machen Leute – diese Erkenntnis des armen Schneiderleins Strapinski in Gottfried Kellers Novelle wird vom Leben bestätigt. Arme und Reiche können sich, zumindest seit einiger Zeit, so geben, wie sie sich wohl fühlen, und so anziehen, dass ihr Stand nicht gleich erkannt zu werden braucht.

Die Möglichkeit, seiner Persönlichkeit durch das Äußere eine individuelle Note zu geben, ist nicht mehr vom Geldbeutel abhängig. Doch Gottfried Keller spricht, strenggenommen, nicht von Persönlichkeiten, sondern eben von Leuten. Das ist ein Unterschied. Der Spruch, einer sei ein Mensch, zwei seien Leut’ und viele seien Viecher, verlangt Differenzierung.

Das Thema der Bekleidung ist so alt wie die Menschheit. Den Körper zu verhüllen hatte einmal praktische Bedeutung. Pflanzenblätter, Binsen oder geflochtenes Stroh machten den Körper unempfindlicher gegen Temperaturen. Als die Menschen gelernt hatten, Tiere zu erlegen, kamen Häute von Tierorganen und Felle hinzu. Eine weitere Bedeutung der menschlichen Bekleidung ist die Verhüllung der Scham. Adam und Eva hatten Früchte vom Baum der Erkenntnis gegessen, da wurden »ihrer beider Augen aufgetan und sie erkannten, dass sie nackt waren« (1. Mose, 3.7). Sie griffen zu Feigenblättern und die Geschichte der Kleidung begann. Kleider verhüllen das Tierhafte an uns und geben uns, seit wir uns die Selbsterkenntnis geholt haben, seelischen Schutz.

Doch von Anfang an sind Kleider ohne Schmuck nicht zu denken. Schon Jäger und Sammler verzierten ihre Kleider mit Muscheln, Zähnen, glänzenden Steinchen, getrockneten Blumen. Die Menschen manifestierten die Schönheit des Kosmos durch ausgewählte Kleider, die sie bei religiösen Ritualen, magischen Tänzen oder Einweihungsfesten zur Feier der Schöpfung trugen. Kleider schützten also nicht nur vor dem Wetter, sie wurden auch für religiöse Verrichtungen verwendet – und außerdem mussten sie bequem sein: Tierhäute wurden nicht einfach vom Tier abgezogen und umgehängt oder zu klobigen Schuhen verarbeitet. Indigene Kulturen verwendeten die Hirnmasse erlegter Tiere, um damit die Haut ihrer Wildlederfelle so weich zu bekommen, dass sich ihre Leggins und Mokkassins weich wie Menschenhaut anfühlten.

Früh kam die Mode ins Spiel. Die mit schöner Fibel verzierte Tunika war in der Antike ein Erkennungszeichen einer edlen Abstammung. Geheimnisvoll hergestellte Stoffe prägten das Schönheitsideal der Helleninnen. Die Römer gefielen sich nicht nur in extravaganten Kleidern, sondern hielten ebensoviel auf ausgefallene Haartrachten. Im Mittelalter erkannten sich die Ritter auf weite Entfernung an den kunstvollen Wappen, die an ihren Pferden, Rüstungen und Zelten prangten.

Die Schwester des Todes

Der italienische Dichter Giacomo Leopardi hatte die Mode­erscheinungen der Geschichte studiert und schrieb vor zweihundert Jahren einen Dialog, in dem er die Mode per­sonifizierte und als Schwester des Todes beschrieb. Die Erneuerung und Verwandlung der Welt ist die gemeinsame Schnittmenge der ungleichen Geschwister. Beide wirken an der Vergänglichkeit der Dinge und schaffen unentwegt das Neue. Hülle, Verpuppung, Verwandlung und schmetterlinghaftes neues Leben: dies in immer anderen Formen zu kreieren rückt die Mode in die Nähe des Todes. Dieser betreibt sein Zerstörungswerk mit offenen Karten, die Mode geht auf Schleichwegen, doch beide verfolgen das gleiche Ziel. »Ich sage, dass es unser beider Natur und Gewohnheit ist, die Welt fortwährend zu erneuern«, sagt Schwester Mode zu Bruder Tod, »du hast dich von Anfang an auf die Menschen und das Blut gestürzt; ich dagegen begnüge mich mit den Bärten, den Haaren, den Kleidern, dem Hausrat, den Palästen und dergleichen Dingen. Es ist freilich wahr, dass ich nicht versäume, allerlei Späße zu treiben, die den deinen gleichen, wie zum Beispiel bald die Ohren, bald die Lippen und bald die Nasen zu durchbohren und sie mit Zierat zu beschweren, den ich in die Löcher hänge; oder den Menschen das Fleisch mit glühenden Stempeln zu verbrennen, die sie sich zum Schmuck einprägen lassen; oder die Köpfe der kleinen Kinder mit Binden und andern Mitteln zu verformen, indem ich die Sitte einführe, dass alle Menschen eines Landes dieselbe Kopfform haben müssen, wie ich’s in Amerika und Asien erreicht habe; oder die Menschen durch schmale Schuhe zu verkrüppeln und ihnen mit engen Korsetts den Atem zu nehmen und die Augen aus dem Kopf zutreiben.«

Stolz erzählt die Mode »von den Kopfschmerzen, den Erkältungen, den Katarrhen aller Art, den gewöhnlichen Fiebern und den Wechselfiebern, die die Menschen sich zuziehen, weil sie nach meinem Willen vor Kälte zittern oder vor Hitze ersticken.«

Selbstfindung durch Abgrenzung ist schwierig geworden

Seit in der Kleiderfrage die Mode mitredet, sind die Verhältnisse unklar. Während früher Häuptlinge, Tempeldienerinnen, kinderreiche Frauen oder mutige Krieger besondere Kleider trugen, tun dies inzwischen fast alle. Zwar spielt in unserer Gesellschaft schöne, einmalige Kleidung bei außergewöhnlichen Anlässen weiterhin eine hervorgehobene Rolle.

Taufe, Hochzeit und Beerdigung wurden bereits genannt; inzwischen gehören der Abiball dazu, Geburtstage, das Feiern im Urlaub und das Feiern überhaupt. Doch die Mode stiftet Verwirrung und sorgt für einen solchen Tempowechsel in der Bekleidung, dass Selbstfindung durch Abgrenzung immer schwieriger wird.

Mit Beatlefrisuren und bunten indischen Röcken konnte die Aussteigergeneration zur Hippiezeit noch ihre Eltern in Stress versetzen. Das funktioniert so nicht mehr. Omas kleiden sich inzwischen wie Teenager, Greise zwängen sich in hautenge Sportoveralls, Milliardärskinder gehen in Birkenstocksandalen auf Partys, bei denen bis vor kurzem Smokingpflicht war. Gut für die Mode. Ihr geht es um flächendeckenden Absatz, der allen jederzeit und überall zur Verfügung steht. Armer Leute Kinder wie Elvis Presley und Marilyn Monroe haben der Welt gezeigt, dass man durch sein Äußeres nicht nur den Aufstieg zum Reichtum manifestieren, sondern auch Modegeschichte schreiben kann. Die japanische Modedesignerin Atsuko Kudo, die für Lady Gaga die Kostüme macht, schwärmt vierzig Jahre nach Elvis’ Tod noch immer von seinem knallengen Ganzkörper-Lederoutfit, das sie zu neuen Kreationen inspiriert. Der Sexappeal stylisch gekleideter Kultfiguren als Modeinspiration ist ungebrochen. Sein süßes Gift verströmt im Alltagsleben der kleinen Frau und des kleinen Mannes, es beeinflusst das Essen vieler junger Frauen, die magersüchtig aussehen und es vermutlich auch sind.

Wer nicht mitmacht und sich den Modeverpflichtungen entzieht, kann wegen falscher Kleidung zum Mobbingopfer werden. Also ist der Griff zum Markenartikel allein schon deshalb sinnvoll, weil er wie vorauseilender Selbstschutz funktioniert. Er wird jedoch meistens nicht als Notgriff erlebt, denn Markenkleidung ist »geil«, sie ist schön anzusehen, angenehm zu tragen und exklusiv in der Wirkung. Wer sie trägt, ist nicht nur »cool«, sondern fühlt sich auch so: Ich gehöre dazu und bin anerkannt. Ich verspüre eine unerträgliche Leichtigkeit des Seins und das Spiel mit dem Vergleichen macht Spaß.

Auf Instagram kann ich Fotos oder Videos von mir ins Netz stellen, meine Freundinnen und Freunde schauen mich an. Auch meine Neider. Die Netzwerke bringen den Laufsteg der Modezentren in New York und Paris über den Bildschirm ins Wohnzimmer. Der Stress, der dadurch entsteht, führt zu suboptimalen Entscheidungen, denn die Vorgaben der Mode sind äußerst dominant und schränken den individuellen Umgang mit persönlichen Bekleidungsvorstellungen stark ein. Dies erzeugt eine pluralistische Ignoranz in unserer Gesellschaft, indem die modespezifischen Handlungsanleitungen nicht nur hingenommen, sondern durch verordnetes Mitmachen unterstützt werden. Der damit verbundene Stress scheint jedoch nicht Unruhe zu provozieren, sondern wird als Coolness erlebt. Es fühlt sich doch gut und problemlos an, wenn wir schön und unauffällig Tommy Hilfiger oder Calvin Klein tragen?

Der Trend, in immer kürzeren Intervallen immer größere Mengen Kleider zu kaufen, nimmt immer noch zu. Die Sachen werden nur kurze Zeit getragen und dann elegant entsorgt. Solange keine Fragen entstehen, spielen die Modelabels ihre Gewinne ein. Dies alles wird auf Kosten wertvoller Rohstoffe und unmenschlicher Arbeitseinsätze ausgetragen. Die Normalos interessiert das wenig. Und wer sich in dieser Gesellschaft nicht ganz wohlfühlt, geht in die Natur zur Erholung. Doch auch hier lauern die Fallstricke der Mode. Die Messebudgets und Verkaufsziffern von Sportartikelfirmen surfen auf Rekordwellen. Der auswahlbewusste Käufer trägt sein Scherflein dazu bei, dass der Boom anhält.

Unerträgliche Produktionsbedingungen

Wie krank muss eine Gesellschaft sein, die die Frage nach den Produktionsbedingungen von Kleidern nicht mehr stellt?! Kleidermode kann durchaus die Besonderheiten von Menschen in den Blick rücken. Sie vermag zweifellos der eigenen Identität Profil zu verleihen und die Persönlichkeit hervorzuheben. Doch bei aller Freude über die unerschöpflichen Möglichkeiten der vierteljährlich wechselnden Mode, es muss die Materialfrage gestellt werden, sie gehört zum individuellen Umgang mit der Kleiderwahl inzwischen einfach dazu. Baumwolle als Ersatz für Synthetik ist noch keine Lösung. Der Baumwollanbau verunreinigt durch Chemie und genmanipuliertes Saatgut weltweit riesige Ackerflächen. Für die Produktion von nur einem Kilo Baumwolle werden dreißigtausend Liter Wasser verbraucht.

Statistiker haben berechnet, dass ein Baumwollbeutel erst nach 131-maligem Gebrauch eine vorteilhaftere Ökobilanz aufweist als eine Plastiktüte. Der Baumwollbeutel ist also noch nicht die Lösung, sondern ein Anreiz zum Nachdenken. Wenn vom Raubbau an den Ressourcen des Planeten und wenn vom Missbrauch der Menschen in Bangladesch, Pakistan oder Vietnam die Rede ist, die indirekt dafür sorgen, dass sich für uns die Billigkleiderproduktion lohnt, dann sind einfache Antworten genauso gefährlich wie die Ignoranz der Weggucker.

Übrigens hat auch Fußball mit Mode zu tun. Faszinierend an diesem Sport ist, dass bei Wetten selbst die Kenner oft absolut falsch liegen. Den beiden Mannschaften beim WM-Finale in Moskau war alles zuzutrauen. Wer gewinnen würde, blieb lange offen. In unserer Welt, wo so Vieles im Vorhinein klar ist, macht genau dies den Reiz eines Fußballspiels aus. Aber ist Ihnen aufgefallen, dass auch bei diesem Finalspiel von Anfang ein Modelabel als Sieger feststand? Sein Emblem zierte nicht nur die Leibchen sämtlicher Spieler, es prangte auch auf der Brust der sportbegeisterten kroatischen Präsidenten. Es war das Markenzeichen von Nike, das den Hunderten von Millionen Zuschauern entgegenlachte.

Seit ich vor einem Jahr auf der documenta 14 in Kassel Wang Bings extra für diese Weltausstellung gedrehten Film 15 Hours gesehen habe, ist mir die Leichtfertigkeit etwas abhanden gekommen, mit der auch ich gerne durch den Meinungsdschungel der Kleidungsfrage lavierte. Der Film dreht in Echtzeit den Arbeitstag in einer der achtzehntausend Manufakturen einer chinesischen Provinzstadt, wo dreihunderttausend Fremdarbeiter fünfzehn Stunden pro Tag nichts anderes tun, als Kinderjeans zu nähen. Wang Bing sagt dazu: »Man weiß wahrscheinlich gar nicht, dass es diese Gruppe von Menschen überhaupt gibt, und durch die Kamera bekommt man eine Idee, wer eigentlich hinter diesem wirtschaftlichen Aufschwung in China steht und woher das kommt. Das sind Menschen, die ihr Leben aufgegeben haben, die nur noch arbeiten und beispielsweise diese Kleidung herstellen. Und man bekommt eine ganz kleine Ahnung, wer diese Menschen überhaupt sind.«

Die Frage nach der Kleidung und dem individuellen Umgang mit ihr verlangt nach Antworten, die der Modemarkt schuldig bleibt. Eine Alternative wäre Kleidung aus heimischen Stoffen wie Wolle, Leinen, Flachs, Hanf, Nessel. Es gibt einige wenige Pioniere, die derzeit versuchen, eine auf heimischen Stoffen basierende Textilherstellung in Europa anzusiedeln.

Die Verwirklichung dieses Traums liegt noch in weiter Ferne. Doch der Ideenreichtum der Modeverantwortlichen ist groß. Vielleicht bringt es die Mode fertig, dass sich bald eine Schwester an ihre Seite stellt, nämlich die Lebensfreude, die mit den Rohstoffen und Schönheiten unseres Planeten verantwortlich umzugehen weiß und mit neuen Ideen bei der Mode mitredet.

Zum Autor: Albert Vinzens wuchs in Chur, Schweiz, auf, studierte in Zürich Philosophie und promovierte an der Universität Basel. Nach einem Lehrauftrag für Anthropologie an der Universität Innsbruck war er über zwanzig Jahre lang Dozent am Rudolf Steiner Institut in Kassel.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen