Kleiner Ratgeber für Rentenanwärter

Von Stefan Möhner, Januar 2015

Welche Gefahren und Möglichkeiten können sich ergeben, wenn ein engagierter Waldorflehrer verrentet wird. Man lese.

Foto @ suze/photocase.de

Mit der Woge der Schulneugründungen in den 1980er Jahren erfuhr die Waldorfbewegung einen dynamischen Zufluss idealistischer junger Menschen aus alternativen Strömungen, die sich fortan als Eltern und Lehrer einbrachten. Diese Woge treibt nun in den nächsten Jahren den Ufern der Verrentung entgegen. Wie sehr sich die Gesellschaft durch den demographischen Wandel verändert hat, nimmt man kaum wahr, so lange man beruflich noch ganz im Meer jugendlicher Lebenskräfte schwimmt. Selbstgewiss erlebt sich die Lehrkraft vor den Schülern, Eltern und im Kollegium als zukunftsgestaltender Impulsgeber, der Jahr für Jahr Schülerwellen entlässt und neue empfängt.

Die persönlichen Zukunftspläne für die Zeit nach der Schule geraten ob der Begeisterung rasch ins Hintertreffen. Man rechnet nicht mit der seelischen Dürre einer austrocknenden Gesellschaft, an der man strandet, und aus deren Sicht das bisher gefühlte Meer eher einem sozialen Feuchtbiotop gleicht. Daher gilt es, sich jetzt schon umgehend neue Quellen zu erschließen, um nicht nur einer finanziellen, sondern auch persönlichen Krise vorzubeugen, wie sie in diesem Beruf häufiger vorkommt. Verschärfend für die nächsten Jahre kommt hinzu, dass der »Rentnerschwemme« zunehmend eine »Nachwuchsdürre« gegenübersteht und ein notwendiger Nebenerwerb dem rauen Wind der Konkurrenz ausgesetzt ist. Hier nun auszugsweise einige Bilder zur Erstellung einer eigenen Seekarte:

Erste Untiefen: Deine Gesundheit

Körperliche und nervliche Verschleißerscheinungen machen zunehmend auf dein nachlassendes Kräftepotenzial aufmerksam, können aber mit Hilfe der Dünung (Unterstützung) noch überwunden werden. Registriere beizeiten diese Schwächen. Suche dir aus der Vielzahl von Bewegungskünsten eine passende heraus und beginne mit kleinen Schritten und großer Geduld täglich einige Minuten zu üben. Du wirst sehen: Nach drei Wochen steigt dein Regenerationspegel spürbar an und die Lebenskräfte strömen verstärkt wieder. »Mit Ausdauer formst du auch noch das Ufer.« Achte auf deine Genussmittel, sie könnten zu »Sandbänken« werden.

Im Brackwasser: Krankheit

Unfall- oder krankheitsbedingt findest du dich in der Warteschlange von Ärzten oder Behörden wieder und würdest stattdessen lieber deiner Aufsicht auf dem lebhaften Schulhof nachkommen. Du kannst jedoch sicher sein, mit der nächsten Flut wieder in dieses Meer zurückgespült zu werden; allerdings ging das Leben dort auch ohne dich weiter.

Mache dir klar: Du brauchst die Schule mehr als sie dich! Suche in deiner Biographie nach Quellen, die dich einst erfrischten und mittlerweile versiegt sind. Spüre außerdem ehemalige Kollegen auf, die früher das Schulleben mitprägten, aber krankheitshalber aus dem Umfeld entschwunden sind. Mache dir deren Erfahrungen beim Ausscheiden aus dem Schulorganismus zu nutze. Akzeptiere, dass ein sozialer Organismus auch Abstoßungsreaktionen zeigen muss, um selber gesund zu bleiben. Das beugt einer möglichen Verbitterung vor.

Die sanfte Welle: Allmähliches Ausklingen

Du ziehst es also vor, sanft auslaufend ans Ufer zu plätschern und in der Schule noch weiter zu dümpeln? Sei dir des kurzfristigen Dankes deiner gestressten Kollegen bewusst: Krankheitsvertretungen, Klassenfahrtenbetreuung und allerlei Aushilfen werden immer gebraucht und du bleibst gefragt.

Die Gefahr besteht jedoch, bald zum »Spülwasser« zu werden. Also mach dir nichts vor: Dein reflexhaftes Zurückdrängen in die Schule ist auch eine Flucht vor der inneren Öde; der Einsamkeit entgehst du dadurch nicht. Du kannst nicht früh genug damit beginnen, soziale Netzwerke sowie Interessensgebiete abseits der Waldorf-Linguistik zu kultivieren, um »saftig« zu bleiben!

Die kritischste Phase ist die nach der persönlichen Entschleunigung zu Hause, in der die eigenen Tiefen ausge­lotet und die verborgenen Ansätze in deiner Biographie zum Sprießen gebracht werden müssen. Dies dauert mindestens ein Jahr; therapeutischer Beistand ist dabei sehr hilfreich – und auch der von »oben«: Dein Engel wartet darauf, von dir erkannt und angesprochen zu werden!

Die rauschende Woge: Der Abgang

»Ein schöner Schluss ziert alles!« – Beginne schon jetzt, dein bisheriges Lebenswerk abzurunden. Fange an, konsequent alte Unterlagen zu entsorgen, Bücher abzugeben und Fotos der gelungensten Projekte zu machen. Weniger ist mehr und Klarheit gibt Kraft!

Strukturiere im Vorfeld dein letztes Schuljahr und bereite das zu, was du der Schule hinterlassen möchtest. Gib deiner Abschlussansprache vor dem Kollegium eine positive Form; das fördert deine Wertschätzung und erleichtert den Übergang in eine neue Lebensphase.

Lagune oder Fjord: die weitere Beschäftigung

In der Zukunftsvorstellung der aktiven Lehrkraft sieht diese sich oft weiterhin pädagogisch wirken, sei es bei der Kinderbetreuung oder Nachhilfe (Lagune) oder als Dozent in der Erwachsenenbildung (Fjord). Das hat sicher seinen anfänglichen Reiz, solange sich die damit einhergehenden Verbindlichkeiten mit deinem wachsenden Freiheitsbedürfnis verbinden lassen. Langfristige Erfüllung jedoch kannst du nur aus dir selber schöpfen mit Hilfe der Anthroposophie oder anderer Erkenntniswege. Dieser Quell lässt sich in eingeschränktem Maß auch wirtschaftlich kanalisieren, zum Beispiel durch Beratungs- und Vortragstätigkeiten.

Binsen am Ufer: die Familie

Deine Lieben daheim und deren Anhang mühen sich auch durch ihr Leben und haben schon lange unterschwellig damit begonnen, mit deinem bald frei werdenden Kräftepotenzial zu spekulieren. Bist du jedoch erst einmal in familiäre Verpflichtungen verstrickt, hast du nur geringe Chancen, dich daraus wieder zu befreien und erntest dabei häufig Undank.

Darum mach deiner Verwandtschaft schon jetzt klar: Du brauchst einen Nebenverdienst, um auch weiter über die Runden zu kommen, damit du ihnen selbst nicht zur Last fallen musst. Lade sie lieber einmal zum Essen ein, anstatt täglich ihren Hund zu betreuen, es sei denn, du brauchst es zu deiner Selbstfindung.

Ebbe: die Finanzlage

So sehr du dir jetzt die Zukunft schönrechnest: von Ausnahmen abgesehen kannst du schon jetzt mindestens ein Viertel von deinen erhofften Bezügen streichen. Die geldwerten Leistungen der Schule fallen weg und viele versteckte unerwartete Ausgaben schlagen sich unmittelbar auf deine Lebenshaltungskosten nieder. Zudem ist ja ein Ende unseres Wirtschaftswachstums absehbar, mit einhergehender Teuerung. Die Vorkehrungen dazu, soweit überhaupt möglich, überschreiten allerdings den Rahmen dieses Bildes; es gibt jedoch ausreichend Literatur zu dem Thema.

Die Überalterung unserer Gesellschaft bietet auch neue Möglichkeiten: Immer mehr Anwesen können altersbedingt nicht mehr gepflegt werden. Grundstücke, Häuser mit großen Gärten und andere Nutzflächen verkommen zunehmend und bedürfen tatkräftiger Sanierung.

Hier gilt es, wach zu sein und sich mit den noch lebenden Eigentümern ins Einvernehmen zu setzen mit der Absicht, eines Tages das Anwesen günstig übernehmen zu können und sich somit teilweise unabhängiger zu machen. Diese Win-Win-Situation herzustellen, erfordert Einfühlungsvermögen, Geduld und Tatkraft. Als Vorübung empfiehlt sich allerdings schon jetzt die Einschränkung der Lebenshaltung!

Um deine Ausgaben einmal klar zu übersehen, kannst du dich beim Statistischen Landesamt anmelden, um gegen Entgelt drei Monate lang ein von dort geschicktes Haushaltsheft penibel auszufüllen. Das schult das Bewusstsein für dein gegenwärtiges Konsumverhalten.

Aus diesem Bewusstsein heraus solltest du auch den Abschnitt in deinem neuen Leben angehen: Es gilt doch mehr denn je, der Menschheit im derzeitigen Zustand des Materialismus zu einer höheren Bewusstseinsstufe zu verhelfen.

So wie sich allmählich Meereswasser über Dampf, Regen und Grundwasser zu neuen Süßwasserquellen verwandelt, haben wir jetzt auch mehr Zeit für diese innere Entwicklung als neue Qualität zur Verfügung.

Also, kläre die Zukunftsnebel in deinem Kopf und schaue mutig nach vorne: Das Ufer naht!

Zum Autor: Stefan Möhner unterrichtete insgesamt 30 Jahre das Fach Gartenbau und ging unfallbedingt in Frührente. Er arbeitet heute in der Heilmittelproduktion.

Folgen