Zeichen auf der Haut. Vom Tattoo zur Body Modification

Von Heike Garcia Münzer, Mai 2019

Die ältesten Tätowierungen der Geschichte wurden 2018 auf zwei über 5000 Jahre alten Mumien in Gebelein, einem kleinen Ort in Oberägypten, gefunden. Seither hat die Menschheit die Praxis der Körperformung nie aufgegeben. Gewandelt haben sich die Deutungen und symbolischen Bezüge der kulturellen Eingriffe in den Leib.

Foto: © Charlotte Fischer

Foto: © Charlotte Fischer

Die beiden ägyptischen Mumien tragen unterschiedliche Zeichen. Die weibliche – gut sichtbare dunkle Tätowierungen: vier s-förmige Symbole an der Schulter sowie eine abgeknickte Linie, die als Klöppel oder Schlagstock identifiziert wurde, wie man sie damals bei rituellen Tänzen verwendete. Auf der männlichen Mumie finden sich ein großer Stier und ein mächtiges Mähnenschaf, wie sie auch auf Felsenzeichnungen dieser Zeit sichtbar sind. Die Symbole verweisen auf mythisch-göttliche Kräfte, die dem Träger zugesprochen werden, der Stier zum Beispiel auf Lebenskraft, Fruchtbarkeit und Stärke. Fast der gleichen Zeit entstammt eine Täto­wierung aus einem ganz anderen Kulturzusammenhang. Auf der Gletschermumie »Ötzi« finden sich 61 meist geometrische Engramme in Form von Figuren, Linien und Punkten. Bemerkenswert ist, dass sie sich an auffälligen Stellen wie Achillesferse, Knie und Brustkorb sowie Handgelenken befinden, an denen Meridiane und Akupunkturpunkte liegen. Aber auch hier liegt nahe, diese Tätowierungen als rituelle Zeichen und Ausdruck eines spirituellen Zusammenhanges zu deuten.

Gemeinschaften sichern

In der Eisenzeit trugen die Skythen, ein Reitervolk der russischen Steppe und des Kaukasus, sehr aufwändige und großflächige Tätowierungen. Sie waren für ihre Grausamkeit im Kampf und ihre absolute Ergebenheit gegenüber ihrem König bekannt. Ihre Tradition verlangte bei der Königsbestattung nicht nur die Selbstverstümmelung der Diener, sondern im Anschluss daran auch deren Tötung. Sie wurden mumifiziert dem König als Grabgefolge beigegeben. All diese rituellen Praktiken zielten offenbar darauf ab, die Gruppenzugehörigkeit und Kampfesstärke auch nach dem Tod sicherzustellen. Die Tätowierungen der Lebenden brachten vermutlich ihre Zugehörigkeit zur sozialen Gruppe, ihren Adel und Kriegermut zum Ausdruck.

»Ihr sollt kein Mal an eurem Leibe reißen«

Das Christentum versuchte im Mittelalter die Tätowierung zu verdrängen. Die Kirche sprach ein generelles Verbot dieser kulturellen Praxis aus und berief sich auf das mosaische Gesetz: »Ihr sollt kein Mal um eines Toten willen an eurem Leibe reißen noch Buchstaben an euch ätzen; denn ich bin der Herr.« (3 Mos 19,28) Dennoch haben sich viele Christen und Kreuzritter mit christlichen Symbolen wie dem Fisch und dem Kreuz tätowieren lassen und genossen durch diese Zeichen ihrer Zugehörigkeit und Frömmigkeit bevorzugte Behandlung auf ihren Pilgerreisen. Sollten sie auf einem Kreuzzug umkommen, sicherten sie sich dadurch das Recht auf eine christliche Bestattung.

Europäischer Fremdheitskult und Verfremdung des Sinns

Das Zeitalter der Aufklärung war vom Fremden und »Wilden« fasziniert. Die Reisenden des 18. Jahrhunderts machten das europäische Publikum mit überseeischen Praktiken bekannt. James Cook (1728-1779) brachte einen Taihitianer namens Omicui nach England, der großflächig tätowiert war. Er wurde öffentlich zur Schau gestellt und sorgte für großes Aufsehen. Folge war, dass die exotischen »Wilden« an den Höfen gehalten wurden und mancher Adelige, wie zum Beispiel der Herzog von York oder Zar Nikolaus II., sich tätowieren ließ. Auch Seefahrer, die über einen längeren Zeitraum mit Eingeborenen zusammenlebten, übernahmen den Brauch, und in den Hafenstädten ließen sich aufgrund wachsender Nachfrage Schiffstätowierer nieder. Zunehmend betrachtete man die Körperzeichnungen nicht mehr als exotisch, sondern als Ausdruck eines Berufsstandes. Bis heute lassen sich Seeleute tätowieren, um gegen das Ertrinken gefeit zu sein oder um sich an die fernen Lieben zu erinnern. 

Mit der Erfindung der Tätowiermaschine durch Tom Riley 1890 wurden Tätowierungen salonfähig, was auch damit zusammenhing, dass sie nun einfacher und schmerzfreier erfolgen konnten. Aber schon eine Generation später hatten sie ihr gutes Image wieder eingebüßt, da sie zur Kennzeichnung von Häftlingen eingesetzt wurden. Verstärkt wurde ihr stigmatisierender Charakter dadurch, dass ihre Träger oft aus dem Rotlichtmilieu oder anderen zwielichtigen Kreisen kamen. In den 1980er Jahren lebte die Tätowierung in der Punkbewegung wieder auf, nunmehr als Abzeichen der Opposition gegen den Konservatismus.

Mode in den 1990er Jahren

Der Tätowier-Kult in den 1990er Jahren löste das Tattoo endgültig von seinen gewaltverherrlichenden oder oppositionellen Botschaften aus der Rocker- oder Punkszene. Die Modewelle, die von den USA nach Europa schwappte, war frei von Zeichen des Protests oder antisozialen Stigmata. Tätowierungen sollten den Körper schmücken und die erotische Attraktivität erhöhen. Dabei griff man auf eine Vielzahl von Bildmotiven zurück. Ob keltische Flechtbandmuster, ausdrucksstarke Tiermotive, japanische Schrift- oder Blumenmotive – die neuen »alten« Tattoos haben keinen übergeordneten Symbolwert mehr. Die auf Festivals, Raves, Badestränden und Diskotheken zur Schau gestellten Tätowierungen verweisen nur noch auf den Körper selbst und sollen ihren Träger von allen anderen unterscheiden. Es handelt sich um Werbebotschaften, die zu körperlicher Annäherung verlocken, weitere Tätowierungen zu entdecken, die nicht so offensichtlich platziert sind.

Dabei werden Rollenmodelle in Frage gestellt, indem Frauen sich durch »männliche« Symbole wie Schlangen, Tiger und Drachen oder Tattoos im Intimbereich als selbstbewusste, sexuell aktive Frauen geben, wobei gleichzeitig die Illusion von Andersartigkeit gegenüber allen anderen Frauen erzeugt wird: Ich bin wilder, verwegener und freier. Bei manchem Tattoomotiv von Männern ist hingegen die mutigste, virilste Tat das Stechen des Motives selbst. Das Tattoo ist inzwischen als völlig normale Form der »Body Modification« im Bereich der privaten Beziehungen angelangt und damit in der vollen Öffentlichkeit angekommen.

Etwas, das bleibt

In einer Zeit der immer flüchtiger werdenden Selbstdarstellung via Facebook, Twitter und Instagram empfinden manche das Bedürfnis, eine Form des Selbstausdrucks zu finden, die der Beliebigkeit von Werten einen ernst gemeinten Ausdruck der eigenen Orientierung entgegensetzt. Schließlich demonstriert man damit, dass man Schmerzen auf sich nimmt, um die Ernsthaftigkeit seiner Überzeugungen auszudrücken, arbeitet an seiner (körperlichen) Individualität und macht sie sichtbar.

So gibt es die Krankenschwester, die sich aus Liebe zu ihrem Beruf einen Äskulapstab stechen lässt, um sich trotz schlechter Bezahlung im Pflegebereich der Sinnhaftigkeit ihrer altruistischen Tätigkeit zu vergewissern; oder den Verkäufer beim Discounter, der wie ein Hippie aussieht und sich einen alten Pickup mit dem Schriftzug »Generation Old School« tätowieren lässt, um sich gegen seine entfremdete Arbeitssituation zu behaupten.

Der Körper, so hört man, ist die »Kathedrale« des 21. Jahrhunderts. Das Tattoo soll dem vergänglichen Körper Dauer verleihen. In ihm kommt die Sehnsucht nach Transzendenz und Überzeitlichkeit zum Ausdruck. Es tauchen wieder christliche Symbole auf, wie schon zu Zeiten der Kreuzzüge. Die Parole der »Straight Edge«-Bewegung, einer aus der Punkszene hervorgegangenen Strömung, lautet: »Don’t smoke. Don’t drink. Don’t fuck«; ihr kollektives Zeichen ist das eintätowierte X. Ein Tätowier-Studio kommt heute einer therapeutischen Einrichtung gleich. In den Gesprächen, die das Tätowieren begleiten, wird Vieles auf- und durch den Schmerz abgearbeitet. So lässt sich zum Beispiel ein Elternpaar, das sein Kind verloren hat, als gemeinsame Trauerarbeit ein Erinnerungstattoo an das Kind stechen – eine Praxis, die auch schon die Einwohner Borneos übten, indem sie in ihren Tattoos von der Entführung und Versklavung ihrer Kinder »berichteten« und sich ein stilisiertes Tragetuch für Kinder, den sogenannten slengdang, auf die Brust stechen ließen.

Body Modification – das geht unter die Haut

Heute trägt fast jeder fünfte Erwachsene in Deutschland ein Tattoo (Stand 2018). Besonders sprunghaft angestiegen sind die Tätowierungen bei Frauen im Alter von 25 bis 34 Jahren. Die Hälfte von ihnen ist tätowiert. Tätowierungen sind nicht mehr nur Modeerscheinungen, sondern markieren Übergänge, Initiationen und Krisensituationen, die besonders im Jugendalter oder in der Midlife crisis auftreten. Die meisten Jugendlichen entscheiden sich für Zeichen, die Mut, Unabhängigkeit und Abenteuerlust ausdrücken, verbunden mit Statements innerer Überzeugungen oder Gruppenzugehörigkeiten.

Die Tätowierer verstehen sich als Künstler. Ihre Leinwand ist die Haut eines anderen Menschen, der lebt und Schmerz empfindet. Eine Tätowierung setzt voraus, dass man in eine Körperverletzung einwilligt. – Wer noch nicht 18 ist, benötigt das Einverständnis der Eltern. Der künstlerische Ausdruckswille des Tätowierers korrespondiert mit der Bereitschaft des Klienten, sich im Leid zu »verschönern«. Viele Tätowierte berichten, dass sie geradezu süchtig nach dem Tätowieren werden und sich immer mehr Tattoos stechen lassen. Der Tätowierer fungiert gleichsam als kathartischer Dealer, der Tätowierte empfindet die Prozedur als reinigendes Ventil für den inneren Schmerz über erlittene Verletzungen und Verluste. Dass man seinem Tätowierer meistens treu bleibt, spricht für die intime seelische Beziehung zu ihm.

So betrachtet, drückt sich in der Tätowierung die Sehnsucht aus, geistige Fragen oder seelischen Schmerz nicht zu sehr in sein Inneres eindringen zu lassen, sondern sie physisch zu durchleben und draußen, an der Grenze der Haut, zu erfahren. Zurück bleibt ein sichtbares Ergebnis des Ringens, eine sichtbare »Lösung«, die als Befreiung empfunden werden kann, wenn der Schmerz erst einmal nachlässt.

Durch die zunehmende Body Modification, die inzwischen auch plastische Veränderungen durch unter die Haut getriebene, größere Metallteile umfasst, wird die Wahrnehmungsgrenze für unser Innenleben immer stärker nach außen gedrängt.

Zur Autorin: Heike García Münzer studierte Germanistik und Romanistik und arbeitet als Kunsttherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

Literatur: H. Schiffmacher: »Die Geschichte der Tätowierung«, in: B. Riemschneider (Hrsg.): 1000 Tattoos, Köln 2014 | O. Wittmann: Tattoos in der Kunst, Materialität-Motive-Rezeption, Berlin 2017

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