Angepasste Tyrannen

Von Henning Köhler, Juli 2016

Verfechter einer neuen harten Linie in der Pädagogik schlagen Alarm, weil ihrer Meinung nach eine seit Jahrzehnten anschwellende Flut von notorischen Querulanten die Fundamente unserer Zivilisation zersetzt: Menschen, deren Eltern und Lehrer es versäumten, »funktionierende Mitglieder der Gesellschaft« (Martina Leibovici-Mühlberger) aus ihnen zu machen.

Andererseits zeigen Studien, dass die Jugendlichen von Generation zu Generation immer braver, immer angepasster werden. Mittlerweile hat das einen Grad erreicht, der selbst konservative Kommentatoren ins Grübeln bringt. So viel Konformität war wohl doch nicht im Sinne des Er­finders. In der Sinus-Jugendstudie 2016 taucht das Wort »Neo-Konventionalismus« auf: Strebsamkeit, Pragmatismus, Familiensinn. Eine »Generation Mainstream« wachse heran. »Etwas mehr Reibung wäre wünschenswert«, sagt Studienautor Marc Calmbach.

Da stellt sich die Frage: Warum sind aus Bataillonen kleiner Tyrannen nach überstandener Pubertätskrise derart mustergültige junge Leute geworden? Jugendrebellion im klassischen Sinn – Protestkultur, Aufbegehren gegen Autoritäten – fällt inzwischen praktisch aus. Ein bemerkenswertes kultursoziologisches Phänomen. Es liegt mir fern, diesen Trend zur Überanpassung pauschal negativ zu bewerten, nur weil ich (geboren 1951) ein zorniger Jugendlicher war. Man muss nämlich auch erwähnen, dass unter den heutigen Jugend­lichen Freundschaft, Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft einen hohen Stellenwert einnehmen. Mysteriös bleibt aber, warum man antiautoritär verzogene kleine Tyrannen wenige Jahre später in einer Verfassung antrifft, die jedem, der Disziplin und Gehorsam für Primärtugenden hält, das Herz vor Freude hüpfen lässt. Da liegt schon der Verdacht nahe, Winterhoff, Leibovici-Mühlberger und Kollegen jagten einem Phantom nach.

Ich habe hier kürzlich schon einmal den Psychiater Michael Schulte-Markworth zitiert (Burnout Kids), der »gewissen Kollegen« entgegenhält, er sehe weit und breit keine »tyrannischen«, aber jeden Tag erschöpfte Kinder.

Im sozialpsychologischen Jargon ist der überangepasste Mensch ein »außengesteuerter Sozialcharakter«, dem das Gefühl für die eigenen Bedürfnisse und Belastungsgrenzen verloren gegangen ist. Er funktioniert nur noch. Früher oder später stellen sich Ängste, Depressionen und allerlei diffuse Körperbeschwerden ein, auch bei bester körperlicher Fitness.

Viele Kinder leiden heute unter beklagenswerten Zuständen der Desorientierung, daran besteht kein Zweifel. Aber gewiss nicht deshalb, weil sie ein Übermaß an Freiheit oder gar »zu viel Liebe« genössen – wie zum Beispiel Bernhard Bueb in seinem berüchtigten Buch Lob der Disziplin schrieb. Ganz im Gegenteil. Immer und immer wieder muss gesagt werden: Liebe, Geborgenheit und Freiheit sind die Grundsäulen der Pädagogik, alles andere hat Nachrang.

Was die so willfährige Jugend unserer Tage betrifft, bleibt abzuwarten, ob das dicke Ende nicht noch kommt.

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