Der Schneeleopard

Von Maria Knilli, September 2022

«Einem Tier zu begegnen, steigert das Lebensgefühl. Das Auge erfasst ein Funkeln. Das Tier ist ein Schlüssel. Es öffnet eine Tür – dahinter das Unbeschreibliche», so Schriftsteller Sylvain Tesson in dem Film «Der Schneeleopard».

Foto: © PANTHERE_20_c_PaprikaFilms_KobalannProductions

Dieser kluge und berührende Dokumentarfilm ist eine Ode an die Schöpfung und an die Tugend der Geduld. Regisseurin und Kamerafrau Marie Amiguet begleitet den preisgekrönten Wildlife-Fotografen Vincent Munier, der zusammen mit Tesson in das tibetische Hochland aufsteigt, um einen Schneeleoparden zu finden, eine scheue und seltene Spezies. Fotograf Munier hat die Lauer zur Kunst erhoben. Tage und Nächte harren sie in Schnee und Kälte aus, getreu seinen Prinzipien: Schmerzen misstrauen, der Zeit keine Bedeutung schenken und nie daran zweifeln, dass es möglich ist, das Gesuchte auch zu finden. Unwillkürlich kreisen ihre Gedanken während des Wartens um die Rolle des Menschen auf dieser Erde. Schriftsteller Tesson hält die ungewöhnliche Reise, die äußere wie die innere, in seinem Notizbuch fest.Munier versteht es, in der Landschaft zu lesen wie in einem Buch: die Spuren der Wildtiere, die Vegetation, die Täler und Kuppen, die Silhouetten auf den Bergkämmen. Jahrelange Praxis hat ihn zudem den Umgang mit den Gefahren der Wildnis gelehrt. Viele wild lebende Schönheiten tauchen vor seinem Objektiv auf: Kolkrabe, Würgfalke, Pfeifhase, Tibetfuchs, Pallaskatze, Bharal-Schaf, Yak, Bär. Eine stille Freude erfüllt die beiden, wenn sie fündig werden. Wir sehen atemberaubende Aufnahmen einer weitgehend unberührten Natur. Phänomenal ist die Tarnung der Tiere durch Fell oder Gefieder. Munier berichtet, dass er zuletzt erst bei der Vergrößerung seiner Fotos zu Hause einen Schneeleoparden im Bild entdeckte, den er vor Ort gar nicht wahrgenommen hatte. Diesen magischen Moment lässt er uns im Film nachvollziehen: Die Fotografie einer mehrfarbig gescheckten Felslandschaft. Das Auge braucht Zeit, um sich zu orientieren. Im letzten Moment, kurz vor dem Umschnitt zur nächsten Szene, fällt der Blick auf einen prächtigen Schneeleoparden. Munier: «So viel ist sicher. Die Tiere sind überall, die ganze Zeit. Sie sehen uns. Wir wissen nur nichts davon.» Werden Munier, Tesson und Amiguet diesmal einen Schneeleoparden zu Gesicht bekommen? Werden sie sich gut genug getarnt haben, damit sie den Leoparden sehen, bevor er sie sieht? Als Zuschauer:in reise ich mit auf fünftausend Meter Höhe, liege mit auf der Lauer, lausche der Stille, den wenigen archaischen Geräuschen. Die Musik von Warren Elvis vertieft die ehrfürchtige Stimmung. Der Titelsong We Are Not Alone, gesungen von Nick Cave, hallt noch lange nach. Der Film ist ab sofort als DVD, Blu-Ray und im Streaming verfügbar, wahlweise im französischen Original mit deutschen Untertiteln oder mit deutschem Voiceover (geeignet ab 14 Jahren).

«Der Schneeleopard» von Marie Amiguet und Vincent Munier (Frankreich 2021, 92 Minuten)

 

Bitte beachten Sie die «Kurze Anleitung für einen gelungenen Filmnachmittag», Sie finden sie online hier.

Maria Knilli, Filmemacherin, drehte u. a. den Mehrteiler «Die erste Langzeitdokumentation über Waldorfschüler», Mitglied der Deutschen Filmakademie und der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, zweifach ausgezeichnet mit dem Deutschen Filmpreis.

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