Des Pudels Kern

Von Henning Köhler, Juli 2019

Vor 100 Jahren, als Rudolf Steiner die erste Waldorfschule gründete, herrschten in Deutschland chaotische Zustände. Sehr zu empfehlen ist das Buch 1919 von Herbert Kapfer, eine romanhaft komponierte Collage aus Texten jener Zeit.

Der Erste Weltkrieg war soeben zu Ende gegangen, die gesamte Schuld wurde den Deutschen zugeschoben – ob zu Recht ist bis heute umstritten. Eine bunte Schar von Literaten und Philosophen, total überfordert im harten politischen Geschäft, rief die Münchner Räterepublik aus. Das Experiment endete tragisch. Volker Weidermann hat den sympathischen Träumern ein literarisches Denkmal gesetzt: Als die Dichter die Macht übernahmen. Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Gustav Landauer wurden 1919 gelyncht.

Gedenken wir am Rande unserer Steiner-Festivals auch all dieser tapferen Frauen und Männer!

Steiner veröffentlichte 1919 seine Kernpunkte der sozialen Frage und gründete den »Bund für soziale Dreigliederung«. Er grenzte sich gegen marxistisch-leninistische Bestre­bungen ebenso entschieden ab wie gegen die herrschende Melange aus aggressivem Nationalismus und ausbeuterischem Kapitalismus. Leider waren seine Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt. Einen guten Überblick über Steiners politisches Wirken gibt der Klassiker Dreigliederungszeit von Hans Kühn, erschienen 1978. Die heutige Waldorf-Community weiß darüber viel zu wenig.

Bei den Kindern anzusetzen war Steiners folgerichtiger nächster Schritt. »Die soziale Bewegung ist auf das Geistige zurückgeworfen«, sagte er am 20. August 1919. Es gehe nunmehr darum, »reformierend, revolutionierend im Schul­wesen zu wirken«, um auf diese Weise »eine Erneuerung des Geisteslebens der Gegenwart zu erreichen«. Das Erziehungs- und Bildungswesen tendiere immer mehr dahin, »den Menschen in Schablonen einzuspannen, [ihn] zu behandeln wie einen Gegenstand, der an Drähten gezogen werden muss«. Jeder Waldorfpädagoge sei aufgerufen, diesem Ungeist »unter Einsatz seiner vollen Persönlichkeit« entgegenzutreten. Heftig wandte sich Steiner gegen »die Konstruktion der russischen bolschewistischen Schulen«. Dort werde unter dem Banner einer sozialen Revolution nur das Falsche auf die Spitze getrieben.

Und heute? Man hat andere Banner aufgezogen, um das Falsche richtig erscheinen zu lassen. Kinder in Schablonen zu pressen und von ihnen zu erwarten, dass sie wie an Drähten gezogen funktionieren, gilt als Selbstverständlichkeit – teilweise leider auch an Waldorfschulen. Herbert Renz-Polster hat gerade ein neues Buch herausgebracht: Erziehung prägt Gesinnung. Seine These: Der weltweite Rechtsruck ist nicht zuletzt ein Resultat des Wiedererstarkens autoritärer Erziehungsvorstellungen in den letzten Jahrzehnten. »Die Geschichte (von Krieg oder Frieden) beginnt dort, wo wir Menschen klein und abhängig sind.« Darum ging es auch Steiner. In seinem Sinn zu erziehen und zu unterrichten, heißt, sich täglich zu fragen: »Was muss geschehen, damit die Pädagogik wiederum Herz bekommt?« Das ist des (Waldorf-)Pudels Kern. Daran kann gar nicht oft genug erinnert werden in diesen bedrohlichen Zeiten.

Steiner-Zitate aus GA 293 und GA 306. Beim letzten Zitat frage ich mich: Warum sagte er »wiederum«? Die Pädagogik hatte im 18., 19. Jahrhundert auch nicht gerade viel Herz …

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