Die Adern der Welt

Von Maria Knilli, März 2022

»Als Kind hat mich immer fasziniert, wie in der Wüste Gobi ein kleines Sandkorn die Welt als Fata Morgana spiegeln kann. In meinen Filmen versuche ich, ähnlich dem Sandkorn, die Welt in der kleinsten menschlichen Einheit, der Familie, zu spiegeln.«

So ist es in einem Interview mit der aus der Mongolei stammenden und in Deutschland lebenden Regisseurin und Autorin Byambasuren Davaa zu lesen. Ihr Kinospielfilm »Die Adern der Welt«, 2021 ausgezeichnet mit der Lola als bester deutscher Kinderfilm, ist von einer sanften Wucht. Davaa nimmt uns mit in eine ferne Welt, in das Leben einer mongolischen Nomadenfamilie zwischen Tradition und Moderne, zwischen Gleichmut und Verzweiflung, umgeben von einer atemberaubenden Landschaft zwischen Schönheit und Zerstörung. Zu Beginn zeigt die Kamera sanfte grüne Hänge und eine schier unfassbare Weite. In der Ferne eine Jurte. Dort lebt die Familie, deren Schicksal wir kennenlernen werden. Erst nach und nach gibt die Kamera den Blick frei auf die tiefen Furchen in der Landschaft, die der Bergbau reißt, auf Bohrtürme und Fahrzeuge, die immer näher rücken. Die Goldgier in- und ausländischer Konzerne bringt Unheil. Die Nomadenfamilien mit ihren Herden müssen die angestammten Weidegründe verlassen, der Grundwasserspiegel sinkt, Chemikalien bleiben in Wasser und Boden zurück.Hauptfigur ist der 12jährige Amra. Der aufgeweckte Junge träumt davon, beim TV-Songcontest »Mongolia’s Got Talent« in der Hauptstadt Ulaanbaatar mitzusingen. Auf dem Handy des Schulfreundes verfolgen sie den Wettbewerb. Zuhause erlebt Amra, wie die Nachbarn sich nachts bei den Eltern versammeln und um Möglichkeiten des Widerstandes gegen die Bergbaukonzerne ringen. Der jähe Unfalltod des Vaters bringt den Ausnahmezustand über die Familie. Tapfer kämpft Amra gegen die Trauer an. Mit Bubenwitz und Zucker legen sein Freund und er die Bohrmaschinen der Goldgräber lahm, vorübergehend zumindest. Statt zur Schule zu gehen, repariert Amra geschickt Fahrzeuge und Maschinen wie jüngst der Vater und verdient so etwas Geld für seine Mutter, die Schwester und sich. Zur Arbeit fährt der Zwölfjährige heimlich mit dem selbst zusammengebauten Auto des Verstorbenen. Schließlich bekommt der Junge einen Job als Schürfer in einem Bohrloch, da er sich kleinstmöglich zusammenkauern kann. Eine unvergessliche Szene: Im engen Erdloch schaufelt das Kind Schlamm in einen aufgeschnittenen gelben Kanister, Licht spendet einzig der fahle Schein seiner Stirnlampe. Nicht zuletzt die Musik macht den Film groß. Da sind das flammende Heimatlied, das Amra für den Songcontest übt, der tröstende Gesang der Mutter und die seelenvolle Filmmusik, in der die traditionelle Pferdekopfgeige erklingt. Ein Familienfilm im besten Sinne, geeignet für Menschen ab elf Jahren, erhältlich auf DVD und als Video-on-Demand. Es gibt eine sehr gute deutsche Synchronfassung oder deutsche Untertitel für die Originalfassung.

»Die Adern der Welt« von Byambasuren Davaa (Deutschland/Mongolei 2020, 92 Minuten)

Infos: www.die-adern-der-welt.de

Bitte beachten Sie die »Kurze Anleitung für einen gelungenen Filmnachmittag«.

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