Eisige Normalität

Von Henning Köhler, Februar 2012

Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Unterernährung. Drei Millionen Kinder jährlich verhungern vor ihrem fünften Geburtstag. Zu 90 Prozent resultieren diese Todesfälle nicht aus akuter Hungersnot, sondern aus chronischem Hunger, der vermeidbar wäre.

Hunger ist die häufigste Todesursache weltweit, und man muss jenseits aller Ideologie konstatieren, dass der globale Finanzkapitalismus und seine politischen Handlanger entscheidend dazu beitragen. Die marktradikale Globalisierung ist »nur ein Prozess, durch den die Reichen und Mächtigen die Früchte des Wohlstands auf Kosten der Armen und Machtlosen genießen«. Das stammt nicht von Attac, sondern aus einem Artikel, den zwei Mitarbeiter des Weltwirtschaftsforums (WEF) 2001 in der International Herald Tribune veröffentlichten.

Die Tatsache, dass 15 Prozent der Weltbevölkerung in bitterer Armut leben, wird von den Global Players nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern strategisch genutzt. »Hunger ist kein Zufall. Hunger ist konstruiert«, schreibt der nigerianische Umweltschützer Nnimmo Bassey. »Es gibt keinen objektiven Mangel«, betont Jean Ziegler, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrates. »Das tägliche Massaker des Hungers [geht] in eisiger Normalität vor sich. Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.«

Die Globalisierung müsse »zu einer sozialen Angelegenheit werden«, fordert der Rechtswissenschaftler und Publizist Heribert Prantl. Seiner Ansicht nach könnte eine solche Entwicklung von Westeuropa ausgehen – im Geiste des Christentums, das, an der Wurzel erfasst, wie keine andere spirituelle Strömung Solidarität mit den Schwachen anmahnt. Gerechter Zorn, aus Mitleid geboren, sei das Gebot der Stunde. »Mit zornigen Fragen beginnt die Veränderung.« Prantl weiß natürlich, dass Zorn noch keine Erkenntnis­probleme löst. Wir stehen vor gewaltigen Erkenntnisproblemen! Eines davon berührt der Öko-Pionier und alternative Nobelpreisträger Edward Goldsmith, wenn er das im Westen vorherrschende materialistische Verständnis von Entwicklung, Fortschritt und Wachstum als »katastrophale Idee« bezeichnet, aus der sich »die meiste Zerstörung [erkläre], mit der wir heute konfrontiert sind.«

Europa kann nur zum Ausgangspunkt einer globalen Kultur der gegenseitigen Hilfe werden, wenn sich hier möglichst viele Menschen jener »katastrophalen Idee« verweigern, von der ja zum Beispiel auch unsere Debatten über Erziehung und Bildung stark beeinflusst sind. Die nachwachsende Generation hat ein Anrecht darauf, dass wir ihr grundlegend andere Wertsetzungen vorleben, im Denken wie im Handeln. Davon wird es abhängen, welche Globalisierung sich letztlich durchsetzt: die von Habgier bestimmte oder die sozialethisch verantwortliche. So lange aber unsere Bildungseinrichtungen institutionell geronnene Formen jenes Denkens sind, das in letzter Konsequenz die Menschheit in Gewinner und Ver­lierer, Arme und Reiche teilt, steht zu befürchten, dass »old europe« keinen neuen Frühling erleben wird.

Literatur: greenpeace magazin 1/2012 | Jean Ziegler: Der Aufstand des Gewissens, Salzburg 2011 | Heribert Prantl: Wir sind viele, München 2011 | Geseko v. Lüpke: Die Alternative, München 2003

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