Erhebende Momente

Von Henning Köhler, Dezember 2012

»Die Bewusstseinsseele strebt danach, antisozial zur vollen Geltung zu kommen«, sagte Rudolf Steiner. Teilte er also das neodarwinistische Dogma vom angeborenen Egoismus? Natürlich nicht. Er stellte nur klar, dass die Beschwörung naturgegebener Sozialinstinkte am Kern der sozialen Frage, wie sie sich heute stellt, vorbeizielt. Seine sozialpsychologischen Betrachtungen beziehen sich auf ethische Haltungen höherer Ordnung, die innere Freiheit voraussetzen.

Nur ein Mensch, der in gewisser Hinsicht über alles hinauswächst, was biologisch bedingte oder konventionelle Sozialität ist, kann wahrhafte Sozialkompetenz entwickeln. Steiner verwendet das Wort »antisozial« doppeldeutig. Positiv bezeichnet es die Autonomiegeste – mit besonderer Betonung des Strebens nach geistiger Unabhängigkeit –, negativ eine in sozial destruktive Verhaltensweisen mündende Selbstverfehlung. Unwillkürliche Empathie und gruppenseelenhafte Zugehörigkeiten bieten keinen Schutz vor dieser Selbstverfehlung und somit auch keine Gewähr für moralische Integrität. Aktive Empathie – bewusstseinsklare Einfühlung, um dem Gegenüber besser gerecht zu werden – setzt, so merkwürdig es klingt, positive Antisozialität voraus. Das gilt auch für die sozialgestalterische Initiative. Sie erlahmt im Zustand schläfrigen Eingebundenseins in eine Gemeinschaft.

Das pädagogische Heilmittel gegen negative Auswüchse der Antisozialität ist die zum imaginativen Vermögen gesteigerte aktive Empathie des Erziehers. Um uns dem anzunähern, müssen wir bestrebt sein, Kindern so zu begegnen, dass sie nicht nur unsere emotionale Zuwendung spüren, sondern auch unsere aufrichtig empfundene Hochachtung vor dem Geheimnis ihres »ewigen, geistig-übersinnlichen Wesens« (Steiner). Absichts- und erwartungsfreies Sich-berühren-Lassen vom »Allerheiligsten« der kindlichen Individualität ist eine wirksame Haltung, aber wirksam jenseits aller Übergriffe: Sie versichert das Kind seiner Menschenwürde. Und dadurch verspürt es den – natürlich noch unbewussten –, aus Dankbarkeit geborenen Wunsch, eines Tages das, was ihm auf diese Weise zukommt, im sozialen Leben durch sich selbst wirksam werden zu lassen.

Steiner nannte die hier zur Rede stehende Qualität »erhöhtes Interesse«. Es handelt sich um ein warmes, unvoreingenommenes Interesse, das weder ausforscht noch bewertet. Vertiefung in die Phänomene »mit Andacht zum Kleinen« (Steiner) ist der Schlüssel. Reines Staunen. Jedwede innere Zudringlichkeit – einschließlich der Gier des Hinter-die-Kulissen-Schauen-Wollens – muss hierbei unterbleiben. Sonst schließt sich das Tor zur Imagination. Viel Zeitaufwand erfordert solches Üben nicht. Man muss sich nur entschieden darauf einlassen. Dann klingt durch das äußere Bild des Kindes etwas von dem hindurch, was als sein Kostbarstes unsichtbar bleibt auf der Erde. Es sind nur Momente. Aber Momente, die alles verändern. So kann eine erste Stufe der zum Geistigen erhobenen Empathie erklommen werden.

»Der Mensch entwickelt aus den innersten Impulsen seiner Seele heraus in dieser Epoche Antisoziales; doch dahinter treibt ein Geistig-Soziales.« (Steiner)

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