Ganz von Herzen

Von Sven Saar, Juni 2020

Rudolf Steiners erster Lehrerkurs – der fünfte Tag.

Steiner weist am fünften Tag des »Ersten Lehrerkurses« darauf hin, dass im Denken immer eine Spur Wille vorhanden ist: Jeder, der versucht hat, sich an einen vergessenen Namen zu erinnern, oder überlegt, wie das doch gleich mit dem Dreisatz war, weiß, dass das nicht von alleine funktioniert: Die Gedanken kommen in Bewegung, indem wir sie mit unserem Willen anschubsen.

Umgekehrt ist im eigentlich dumpf-unbewussten Wollen eine Spur des Denkens vorhanden: Ich kann mir vorstellen, was beim Gehen oder Verdauen alles geschieht, ich kann mir detailliert ausmalen, was beim recht automatischen Autofahren passiert – aber es bleibt doch alles Bild! Das Denken bewegt sich in meiner Vorstellung der Aktivität, nicht aber in der Handlung selbst.

Wo sich Wollen und Denken begegnen und überschneiden, entsteht das Gefühl: Es durchzieht fast alle Erkenntnis, fast alles Handeln und ist doch in seiner Mitteposition eigenständig. Fühlen ist zurückgehaltene Erkenntnis und Vorbereitung auf das Handeln.

In den pädagogischen Ausführungen erläutert Steiner viel Praktisches. Zum Beispiel empfiehlt er, in der ersten Klasse aus dem Zeichnen das Schreiben und aus diesem wiederum das Lesen zu entwickeln. Immer klingt große Wertschätzung für individuelle Kreativität durch, wenn er die werdenden Lehrer zur Originalität auffordert: »... in der Seele so regsam zu sein, dass man die Erfindung, die man macht, im eigenen Enthusiasmus auf das Kind überträgt.«

Am Nachmittag schauen die Teilnehmer des Kurses mit Steiners Hilfe auf den Schulalltag: Wie reagieren wir auf Ungezogenheiten? Ganz revolutionär ist der Ansatz, nicht zu strafen, sondern eventuelle »Schlingel« an der Wiedergutmachung zu beteiligen. Kinder sollen von ihren gelassenen Lehrern lernen, dass alle Taten objektive Konsequenzen haben. Ohne Furcht und ohne Ehrgeiz wird gemeinsam an einer Harmonisierung gearbeitet, und dann kann der Unterricht weitergehen.

Der Unterricht soll ein lebendiger Prozess sein: Das Kind erfährt Respekt für seine Individualität, und gleichzeitig lernt es, sich der Außenwelt anzupassen. So beschreibt Steiner zum Beispiel die Rechtschreibung als Kompromiss, den wir aus sozialen Gründen eingehen.

Die angeborene, grenzenlose Sympathie des Kindes ist ganz willenshaft, voll von intuitivem Vertrauen auf die Gültigkeit der eigenen Impulse. So kann es aber nicht durchs Leben gehen: Diese Ichbezogenheit würde zu Egoismus und Vereinsamung führen. Von außen tritt ihm in Form der sozialen Gegebenheiten die Klarheit des Antipathischen  entgegen – vom Familienrhythmus über das Nein der Mutter am Süßigkeitenregal bis zu den objektiven Gesetzmäßigkeiten von Sprache und Wissenschaft. So lernt das Kind, gleichzeitig ein Individuum und ein soziales Wesen zu sein.

Sympathie und Antipathie, Hinwendung und Abgrenzung müssen sich in der Mitte des Menschen treffen. Im Fühlen werden wir uns ihres Zusammenspiels bewusst: Unser Herz ist der Schauplatz, auf dem sich Gegensätze dynamisch zusammenfügen. Stets ist dieser Ort in Bewegung, und doch ist ein Leben lang auf ihn Verlass.

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