Geduld statt Druck

Von Henning Köhler, März 2018

Die Zahl der Kinder, die dauerhaft zu »Problemfällen« werden, ließe sich drastisch reduzieren, brächte man nur etwas mehr Geduld auf. Das klingt läppisch, aber glauben Sie mir: Geduld ist ein Zauberwort.

Am Anfang steht oft eine Häufung belastender Ereignisse im Leben des Kindes. Ereignisse, denen die Erwachsenen vielleicht keine große Bedeutung beimessen.

Das Kind aber ist tief verunsichert, verhält sich konfus, entwickelt Ängste, schläft nicht mehr gut, hat ständig Bauchweh, verweigert plötzlich den Schulbesuch ... Einen solchen Schicksalsknoten gewaltsam entwirren zu wollen, ist falsch. Er zieht sich dann noch mehr zusammen. Man muss ihn langsam, behutsam lösen. Schnelle Erfolge sind Scheinerfolge, auch wenn es zunächst anders erscheinen mag. Das dicke Ende kommt dann noch.

Setzt Kinder, die unter Druck stehen, nicht noch mehr unter Druck! Sagt ihnen: »Keine Sorge, wir haben alle Zeit der Welt.« Macht verängstigten Kindern keine Angst. Sagt ihnen: »Du wirst beschützt, verlass dich drauf. Das ist die Hauptsache. Alles andere findet sich dann.«

Aber wer bringt heute schon Geduld auf? Huldigen wir nicht alle den grauen Herren, die Michael Ende so unvergesslich in seinem Märchenroman Momo beschrieb? Ich kenne das. Mein grauer Herr sagt dauernd: Du hast nur ein Leben! Mach was draus! Vergeude deine kostbare Zeit nicht! Bilde dich! Sei produktiv! Sei erfolgreich! Dem inneren Selbstoptimierungs-Agenten zu entkommen, ist schwer. Zumal ja seine Ansprachen wirklich überzeugend klingen. Nun ja, damit muss jeder selbst fertig werden. Doch niemand gibt uns das Recht, die grauen Herren auf Kinder zu hetzen. Schon gar nicht auf verängstigte Kinder.

Das geheime Elend unserer Epoche heißt Atemlosigkeit. Wir sind darauf konditioniert, Probleme überstürzt aus der Welt schaffen zu wollen. Meist werden sie dadurch nur größer, vor allem wenn es Seelenprobleme sind. Der »harte Wille«, sagte Georg Kühlewind sinngemäß, schafft zwar Ruhe, aber die Ruhe eines Scherbenhaufens. Der »sanfte Wille« hingegen versetzt Berge. Aber das braucht Zeit.

Schwächelt ein Kind, legen uns die grauen Herren sagenhaft dumme Worte in den Mund. Reiß dich zusammen! Sonst verlierst du den Anschluss! Sonst läuft dir die Zeit davon! Sonst fährt der Zug ohne dich ab! Und dann gute Nacht! Schon die Schulkinder verinnerlichen, dass Schwäche ein Makel ist. Man muss funktionieren.

Heute redet alle Welt von Entschleunigung. Viele kluge Köpfe beschwören die Wiederentdeckung der Langsamkeit, der Muße, der Verspieltheit, der Kunst des Verweilens. Byung-Chun Han meint, wir müssten zurückfinden zur »vita contemplativa«, die »Atemräume öffnet«. Nun denn! Beginnen wir damit im Umgang mit Kindern! Schließlich kommt Schule von lat. schola, das heißt Müßiggang.

Es gibt Anti-Stress-Trainingsprogramme für Schüler. Anti-Stress-Training! Im Kindesalter! Wo leben wir eigentlich? Kaum jemand kommt darauf, dass vorsorgliche Stressreduktion die bessere Lösung wäre. Und wenn ein gestresstes Kind mal extra-schulfrei braucht, weil es in der Schule eben doch nicht so richtig klappt mit dem Müßiggang … Ruhe bewahren! Da fährt schon kein Zug ab.

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