Kinder erziehen? Eine Unverschämtheit.

Von Henning Köhler, Juli 2013

»Ist Erziehung sinnlos?« heißt ein Buch von Judith Rich Harris (2000). Die Autorin will den Erziehungsgedanken als Mythos entlarven. Ihr Fazit: Wir überschätzen unsere erzieherischen Einflussmöglichkeiten maßlos, prädominant sind genetische Faktoren und Gruppendynamiken unter Gleichaltrigen. Leider hat Harris nicht den Schimmer eines Begriffs von geistiger Individualität. Sonst wäre ihr vielleicht ein großer Wurf gelungen.

Stellen wir die Frage anders: Ist Erziehung ein verfehltes Paradigma, das letztlich nur Schaden anrichtet? Manche entdecken latente Verachtung darin, nämlich »die Anschauung, der Zustand, in dem (das Kind) lebt, sei schlecht, mangelhaft« (aus: Anke Caspar-Jürgens, Lernen ist Leben, 2013).  Schon 1842 polemisierte Max Stirner, Ikone des Individual­anarchismus, überaus geistreich gegen »das unwahre Prinzip der Erziehung«, welches letztendlich »nur ein Abrichten« bezwecke. »Brauchbare Bürger« zu produzieren – sowie eine staatstragende intellektuelle Elite, die »sich auf höchst gebildete und feine Weise allzeit den Umständen anpasst«, sei das offene oder geheime Ziel aller Erziehung. »Man will Unterwürfigkeit.« Rudolf Steiner zählte Stirners Text »zu dem Bedeutendsten, was die Pädagogik zu allen Zeiten hervorgebracht hat«.

Knapp 100 Jahre später sprach Janusz Korczak von »der gesetzlich sanktionierten Vergewaltigung, die unsere Erziehung an der Seele der Kinder begeht«. Etwa zur gleichen Zeit führte Rudolf Steiner aus: »Das heutige Reden über Erziehung wird einmal von einer künftigen Menschheit als schamlos angesehen werden«.

Um gegenüber Kindern die richtige Einstellung zu finden, sei es wichtig zu begreifen, »dass man sich schon schämen sollte, über Erziehung zu reden«. Weiter: »Daher ist das­-jenige, was ich selbst über Erziehung gesprochen und geschrieben habe (und) was als praktischer Versuch in der Waldorfschule dasteht, nur darauf berechnet, (…) den Menschen kennenzulernen, aber nicht Anweisungen zu geben: Dass sollst du so machen, das sollst du so machen.« Kinder »wollen ein menschliches Verhältnis gegenüber dem

Lehrer haben. Das wird immer gestört, wenn ›Erziehungsgrundsätze‹ vorhanden sind«.

Dieses falsche Denken, das fortwährend ›Erziehungsgrundsätze‹ gebiert (und lebendiges Lernen durch eine wahre Regulationswut erstickt), ist heute so verbreitet wie lange nicht mehr. Auch in der Waldorfwelt besteht, wie mir scheint, wenig Neigung, den überkommenen Begriff des

Erzieherischen radikal zu hinterfragen. Und sich ein wenig zu schämen, insoweit man ihm noch anhängt …

Im Rahmen der Fortbildungen des JKI  wird das Thema seit bald 15 Jahren intensiv bearbeitet, mit besonderem Hinblick auf die leidige Inklusions-Frage. Früher nannten wir es Differenzielle Integration. Wer hineinhören möchte, wird – unter Henning Köhler – fündig bei: www.auditorium-netzwerk.de (Mitschnitte des Kurses 2011/12).

Kommentare

Margarita , 09.05.14 09:05

Wow, was ein Titel... Nicht jedes Kind ist gleich. Meinen Kindern musste ich nie etwas verbieten und auch nicht wirklich oft sagen, was falsch ist und was nicht. Von meiner Schwester die Kinder sind widerum ganz anders. Die sind schon fast hyperaktiv. Denen kann man einfach nicht normal sagen, was zu tun und was zu lassen ist. Wir sind halt alle verschieden. Jeder macht es auf seine Weise :)

Lg
Margarita

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen