Lob der Autorität

Von Henning Köhler, April 2011

Amy Chuas Buch Die Mutter des Erfolgs ist eine Anleitung zur seelischen Kindesmisshandlung. Dennoch wird es zum Top-Medienereignis hochgespielt. Nun diskutiert die Nation allen Ernstes darüber, ob es nicht doch gut wäre, sich ein wenig ›inspirieren‹ zu lassen von den Zuständen in fernöstlichen Diktaturen.

Bernhard Bueb, Autor des Bestsellers Lob der Disziplin, ist unbedingt dafür. Schließlich seien ja auch die Chinesen bereit, westliche Werte zu übernehmen, meint er. Chua, Tochter chinesischer Einwanderer, ist wohlgemerkt in den USA aufgewachsen. Ihr Hauptargument lautet: Kinder müssen abgehärtet werden für den Überlebenskampf im globalisierten Kapitalismus. Das klingt mindestens so amerikanisch wie chinesisch. Und man wird zugeben müssen: Auch hierzulande sind solche Töne keine Seltenheit mehr. Manche werden jetzt sagen: Na ja, Chua übertreibt ein bisschen, aber ganz Unrecht hat sie nicht, denn unseren Kindern mangelt es ja wirklich an Respekt vor Autoritäten. Tatsächlich? Ist das der springende Punkt? Ein dreifaches Hoch auf die Autorität! Es ist für Kinder eine wunderbare Erfahrung, wenn sie voller Vertrauen und Bewunderung zu dem einen oder anderen Erwachsenen aufschauen dürfen. Da hatte Rudolf Steiner völlig Recht. Aber was sagte er denn genau dazu? »So recht innig verehrungsvoll« will sich das Kind hinwenden zu einer »selbstverständlichen Autorität.« Allerdings »darf das nicht eine anbefohlene Autorität sein. Wenigstens darf, wenn das der Fall sein muss aus äußeren sozialen Gründen, das Kind nichts davon wissen. Das Kind muss durch die ganze Richtung seiner Gefühle und Empfindungen (dazu veranlasst werden), dass es zu der entsprechenden Autorität hinaufschaut.« Ein »zartes autoritatives Verhältnis« könne so entstehen. Zart! Und was kann der Erwachsene dazu beitragen, dass ein solches »zartes« Verhältnis möglich wird? »Demütig sollten wir sein. Der Mangel an Demut entspringt dem Hochmut. Hochmut erniedrigt, auch wenn er höflich ausgesprochen wird«, schreibt der Pädagoge Wolfgang Bergmann. Mahatma Gandhi sagte: »Glauben Sie mir, wir könnten, wenn wir uns demütig beugen wollten, die wichtigsten Lehren des Lebens nicht etwa von Gelehrten lernen, sondern von sogenannten unwissenden Kindern.«

Wie, wenn der springende Punkt wäre, dass es den Erwachsenen an Respekt mangelte vor der ›Autorität‹ dessen, was mit den Kindern in ihr Leben eintritt als etwas, dem man sich nur »in Bescheidenheit« (Gandhi) nähern kann? Auch Steiner wusste: »Kein Weiser ist so gescheit, dass er nicht von einem Säugling (!) etwas lernen könnte.« Auf die Schulzeit bezogen, fügte er hinzu, die Lehrer müssten eigentlich von den Kindern »lernen zu lehren«. Demut, Bescheidenheit und die Bereitschaft, von Kindern zu lernen, als Attribute wahrer Autorität!

Solche Töne hört man nur noch selten. Darin scheint mir heute das Hauptproblem zu liegen. Einer Amy Chua und ähnlich Denkenden möchte man zurufen: Es gelingt euch nicht, eure Herzen zu öffnen. Vielleicht stecken eigene leidvolle Erfahrungen dahinter. Aber macht keine Ideologie aus eurer Not!

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