Mensch – beweg Dich!

Von Henning Köhler, April 2016

Kürzlich besprach ich in einer Waldorfschule mit den Oberstufenschülern, wie sie die Oberstufe reformieren würden, wenn es nach ihnen ginge. Der Anlass: Das berühmte Null-Bock-Problem.

Lehrer wie Eltern der Schule rätseln, warum es den Jugendlichen so eklatant an Lernmotivation mangelt. Rebellische Töne blieben aus, abgesehen von der Bemerkung eines kecken Mädchens gleich zu Beginn des Workshops: In puncto Unmotiviertheit sollten sich gewisse Lehrer mal an die eigene Nase fassen. (Der Saal applaudierte.) Ansonsten schälten sich vier Punkte heraus: Differenziertere Unterrichtsformen gemäß den unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen der Schüler. Auflockerung des altersgruppen- genormten Unterrichts. Mehr soziales Miteinander. Und etwas scheinbar ganz Banales: »Warum bewegen wir uns so wenig? Warum sitzen wir immer?«

Das Thema wurde breit diskutiert. Nach und nach zeigte sich: Es ging gar nicht so sehr um den (erwiesenermaßen der Konzentration abträglichen) Zwang zum Dauersitzen auf Stühlen. Mehr Sport? Ja, vielleicht, aber eher nicht im schulischen Rahmen. Mehr Eurythmie? Hmmh. Stampf- und Klatschübungen während des Unterrichts? Geschenkt. Ideen wie die, mit Lehrern eine mehrtägige Fahrradtour zu unternehmen und abends am Lagerfeuer Mathe zu lernen, ließen schon eher aufhorchen, aber damit waren wir immer noch nicht beim Kern der Sache. Das Gefühl des Bewegungsmangels schien tiefer zu liegen. Es zu konkretisieren, fiel schwer.

Ich musste an Joseph Beuys denken: »Mensch = Der Sich-Bewegende«. In dem Wort Bewegung steckt sowohl das Substantiv Weg als auch das Adverb weg: sich entfernen. Bewegung weist etymologisch auf lat. vehere (= führen) zurück, sowie auf lat. vehiculum (= Wagen) und altindisch vahitra-m (= Schiff). Das ist doch interessant! Sich selbst führen, eigene Wege gehen, Steuermann/Steuerfrau sein, Segel setzen, in die Ferne schweifen … klassische Sehnsuchtsbilder des Jugendalters. So kreisten wir in Wahrheit um die Freiheitsfrage. Und damit indirekt auch um das Motivationsproblem. Andernorts hat mir ein Sechzehnjähriger einmal gesagt: »Als Schüler muss man Vorgaben erfüllen. Auch in der Waldorfschule, obwohl die schon okay ist. Man hat manchmal das Gefühl, Eigeninitiative würde nur stören.« Deshalb sollten wir uns über das immer mehr sich zuspitzende Problem der Verwechslung von Pädagogik mit methodisierter Fremdbestimmung Gedanken machen. Die schleichende »Enteignung individueller Lebensschicksale« (Gerhard Schweppenhäuser) beginnt schon früh. Man stiehlt kleinen Kindern ihre eigene Zeit. Sogar das »Freispiel« wird zum Programmpunkt.

Der Wahrnehmungsinhalt des Bewegungssinnes lässt sich auf einer höheren Ebene als »das Gefühl des eigenen freien Seelischen« bezeichnen (Rudolf Steiner). Permanent von außen gesteuert zu sein (sogar in der Phantasie, im Denken), schwächt ihn mindestens so sehr, wie mangelnde körperliche Aktivität. Man schiebt gern alles auf die Medien. Aber exzessiver Medienkonsum ist oftmals eine Folge des bezeichneten Problems, nicht seine Ursache.

Kommentare

Jens Schliwa, Stade und Hamburg, 26.04.16 17:04

Ein Artikel, der mich direkt im Herzen trifft.
Als ehemaliger Waldorflehrer kann ich die kritischen Anmerkungen der Oberstufenschüler vollständig nachvollziehen.
Hier zeigt sich das Spannungsfeld zwischen Schulabschlüssen/Leistung und lebendiger Weiterentwicklung.
Ich bemühe mich seit längerem um ein Projekt für Oberstufenschüler und werbe auch für dieses an den FWS. Die Initiative nennt sich "Vom Wandern zum Pilgern". Mitlerweile unterstützt mich eine sehr engagierte Waldorfschulmutter, die dieses Projekt noch erweitert hat, indem man nicht nur den Blick auf sich, seine persönliche Situation richtet, sondern auch auf Menschen, die z.B. in Indien und Tibet existentielle Not leiden. Dieses neue kombinierte Projekt für Oberstufenschüler heißt "HeldenTun -- Vom Wandern zum Pilgern für mich und andere".
Ich biete als zertifizierter Wanderbegleiter mit meiner Projektpartnerin mehrtägige Wander-/Pilgertouren auf u.a. alten historischen Wegen an. Derzeit erst einmal nur in Norddeutschland. So es gewollt ist, werden wir beide mit Oberstufenschülern/innen und mit unseren Rucksäcken unterwegs sein. Durch Spenden von Sponsoren/Eltern/Firmen sollen benachteiligte Menschen unterstützt und die Pilgertour finanziert werden.
Bei Interesse an Einzelheiten dieser jungen Initiative wenden Sie sich bitte an mich.
Jens Schliwa

Vom Wandern zum Pilgern
www.wandern-pilgern.de

Tel. + AB 04141-403390
jensschliwa@web.de

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