Militärische Mogelpackung

Von Henning Köhler, Oktober 2018

Die Bundeswehr zieht alle Register, um junge Leute, auch Minderjährige, anzulocken (vgl. Kolumne K., November 2017), doch der Erfolg lässt zu wünschen übrig.

Zwar ist Pazifismus für die Mehrheit der heutigen Jugendlichen ein Fremdwort, das heißt aber noch lange nicht, sie rissen sich um Plätze beim Militär.

Man hört ja auch Schauriges über den Laden: Besäufnisse, Mobbing, Rechtsextremismus. Ursula von der Leyen sprach unlängst ein Machtwort. Das flog ihr erwartungsgemäß um die Ohren, bis sie ganz kleinlaut wurde. Aber wenn eine CDU-Verteidigungsministerin kurz aus der Rolle fällt und die Zustände in ihrem Verantwortungsbereich anprangert, brennt‘s unterm Dach.

Ungeachtet dessen gibt es Bestrebungen, die Wehrpflicht wieder einzuführen, genauer gesagt: ein Zwangsdienstjahr, wahlweise im militärischen oder im zivilen Bereich. Das wird als große volkspädagogische Maßnahme angepriesen. In unserer egoistischen Zeit könne einem jungen Menschen gar nichts Besseres passieren, als dienen zu dürfen (äh, müssen), tönen sie. So werde der Gemeinsinn geweckt, die Solidarität gestärkt. Halleluja. In Wahrheit geht es um etwas anderes.

Man will zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Nachwuchs für die Bundeswehr ausheben und billige Hilfskräfte für soziale Aufgaben rekrutieren. Im sozialen Bereich fehlt ja immer das Geld, um ordentliche Gehälter zu zahlen. Da hat man sich halt an die goldenen Zeiten mit den fleißigen Zivis erinnert.

Im Prinzip ist ein obligatorisches soziales Jahr keine schlechte Idee (vorausgesetzt, die Zeit wird sinnvoll ausgestaltet). Man könnte auch stärkere Anreize setzen, um junge Menschen für freiwillige Hilfseinsätze in Armutsregionen zu gewinnen.

Solche Einsätze müssten einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert genießen und Türen für den späteren Berufsweg öffnen. Beim Militär jedoch haben die Grünschnäbel nichts zu suchen (falls dort überhaupt jemand etwas zu suchen hat). Dienst am Menschen stärkt den Gemeinsinn, nicht Dienst an der Waffe. Wer unbedingt will, kann ja später Berufssoldat werden. (Frühestens ab 28, wenn es nach mir ginge.)

Die militärische Grundausbildung unter ethischen Gesichtspunkten mit einem Sozialpraktikum gleichzusetzen, darauf muss man erstmal kommen. Bei der militärischen Grundausbildung handelt es sich, wenn ich daran erinnern darf, um eine Ausbildung für den Kriegsfall. Kriege sind Mordorgien auf staatlichen Befehl. Staatlich befohlenes Morden gilt als Bürgerpflicht. Böse ist im Krieg keiner, alle verteidigen ja nur ihr Vaterland.

Um diesem Irrsinn ein Ende zu setzen, bildete sich der Pazifismus heraus, als Haltung und Utopie. Noch in den 1980er Jahren wurde erregt über Kurt Tuchoslkys berühmten Satz diskutiert: »Soldaten sind potentielle Mörder.« Die Debatte war notwendig. Damals kursierte unter jungen Menschen das Bonmot: »Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.« Hunderttausende demonstrierten für Abrüstung. Man muss kein Pazifist sein, um sich ein bisschen mehr Pazifismus zurückzuwünschen.

Kommentare

Jo L., 05.10.18 11:10

Warum darf ein "Karriereberater"der Bundeswehr dann an der Rudolf-Steiner-Schule in Düsseldorf auftreten und Kinder rekrutieren?

Quelle: Bundestag.de, Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jeplke und weiterer, Drucksache 18/8305 - "Einsätze von Jugendoffizieren und Karriereberatern im Jahr 2015" via www.Bundestag.de

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