Orte der Wärme

Von Henning Köhler, Oktober 2019

In der vierteljährlich erscheinenden, von dem Anthroposophen und Dreigliederungsaktivisten Peter Schilinski gegründeten, kleinen, feinen Zeitschrift »Jedermensch« beschreibt Dieter Koschek, wie ohnmächtig er sich manchmal fühlt, wenn Nachrichten über den Klimawandel, das Artensterben, die Vermüllung der Meere, rechtsradikale Gewalt usw. auf ihn einstürmen.

Koschek erzählt, dass bei einer Gesprächsrunde die Stimmung ins Depressive kippte und ihm deshalb »der Kragen platzte« und er sozusagen aufschrie: »Hier hilft nur Liebe! (…) Dann kann mich die Ohnmacht nicht lähmen. Und ich habe die Chance, frei zu bleiben.« Aus Koscheks Mund ist das kein süßliches Gerede. Er kennt diese Falle und geht gleich zur Selbstironie über: »Toll, einfach gesagt.« Ein Patentrezept habe er auch nicht. Nur eine Ahnung, einen Impuls.

Ich sprach in der Juni-Kolumne von dem bemerkenswerten Phänomen, dass die Erderwärmung mit einer sozialen Eiszeit einhergehe. Carl Gustav Jung hätte darin eine »Synchronizität« gesehen, das heißt ein zwar nicht kausales, aber doch bedeutsames Zusammenhangsmuster. Koscheks Gedanken gehen in dieselbe Richtung. Vielleicht kommt es letztlich vor allem darauf an, dass möglichst viele Menschen etwas gegen den »Klimasturz im Beziehungsraum« unternehmen, wie Felicitas Vogt es einmal ausdrückte. »Wir brauchen Begegnungsorte«, schreibt Koschek. »Orte, wo […] ein Miteinander, ein gemeinsames Verstehen und ein solidarisches Gefühl mit den anderen möglich ist.« Orte der sozialen Wärme. Heimatliche Orte. (Heimat ist, wo Freunde sind.) Orte des Friedens, der gegenseitigen Hilfe, des gelebten Interesses am anderen Menschen. Sozialkünstlerische Ateliers. Wahrscheinlich gibt es wirklich kein anderes Mittel gegen die Gefahr, angesichts der Weltlage zu resignieren.

Ich wünschte mir, Schulen wären solche Orte. Vielleicht wird man eines Tages begreifen, wie eine wahrhaft menschenbildende Schule auszusehen hat. Das heutige Modell der mehr oder weniger luxuriösen Lernfabriken hat die Erziehungswissenschaftlerin Marianne Gronemeyer mit dem trefflichen Wortspiel charakterisiert: »Ausbildung ist das Aus für die Bildung.« Auch Hochschulen könnten als Zukunftswerkstätten im angedeuteten Sinn konzipiert werden. Stattdessen starrt man wie gebannt auf die PISA-Rankings und kürt Exzellenzuniversitäten. Was dabei herauskommt, hat der Soziologe Michael Hartmann untersucht. Sein Befund: Die »Eliten« richten vor allem Schaden an.

Liebefähige Menschen braucht die Zukunft, wahrhafte Demokraten, soziale Künstler, freie Geister (das hängt alles zusammen). Ein neues Wort geistert durch Europa: Konvi- vialismus. Bangemachen gilt nicht, da hat Koschek recht. Was tun gegen die Bange? »Man gibt aufeinander acht« (Koschek). Morgen schon könnten sich die Eltern, Schüler und Lehrer einer Schule zusammensetzen und eine Vereinbarung des Wortlautes treffen: »Wir geloben, aufeinander achtzugeben und alles andere hintenan zu stellen, komme, was da wolle.« – Das wäre doch mal ein Anfang.

Literatur: M. Hartmann: Die Abgehobenen. Wie die Eliten unsere Demokratie gefährden, Frankfurt 2018. F. Adloff, C. Leggewie (Hrsg.): Das konvivialistische Manifest. Für eine neue Kunst des Zusammenlebens, Bielefeld 2014

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