Produziert Waldorf Siegertypen?

Von Henning Köhler, September 2014

Ich will von zwei Familien mit je zwei Kindern berichten, deren Lebensstile und Erziehungsauffassungen unterschiedlicher kaum hätten sein können.

Familie L., in bescheidenen Verhältnissen lebend, war eine »Waldorf-Familie«. Das besagt, für sich genommen, noch nicht viel, man kann anthroposophische Erziehungsgrundsätze vertreten und trotzdem (oder gerade deshalb) fürchterlichen Bockmist bauen. Doch diese Eltern machten unserer Pädagogik wirklich alle Ehre.

Wie liebevoll, umsichtig und engagiert sie das Leben mit den Kindern gestalteten, ohne soziale Wärme mit Verhätschelung zu verwechseln, verdiente Bewunderung. Beide stimmten übrigens darin überein, dass Kinder viel Zeit zum Spielen brauchen, vorzüglich in freier Natur; und dass es tragisch ist, wenn schon im Bewusstsein der Sieben-, Acht-, Neunjährigen die Worte Spielen und Lernen grundverschiedene Bedeutungen haben.

Familie S. gehörte der von Abstiegsangst geplagten wohlhabenden Mittelschicht an. Vater wie Mutter verfolgten ehrgeizige berufliche Ziele, denen sie alles andere unter-

ordneten. Der Erziehungsstil war autoritär, leistungsbetont, pragmatisch: eine komfortable Variante der Kindesvernachlässigung. Äußerlich lief alles wie am Schnürchen, die Fassade glänzte, der Rubel rollte, doch das Kostbarste fehlte: Geborgenheit. Die Geschwister wussten, was man von ihnen erwartete, und hielten sich daran: Sie hatten zu funktionieren, vor allem in der Schule. Natürlich war auch die »Freizeit« durchgeplant (Tennisstunden, Gesangsunterricht, Reiten), und das investierte Geld sollte gefälligst auch Resultate erbringen.

Beide Kinder von Familie L. galten als Sorgenkinder. Der Junge war extrem verträumt, wurde mehrfach psychologisch untersucht, erhielt diverse Therapien, experimentierte als Jugendlicher mit Drogen, schaffte nur den Hauptschulabschluss, brach zwei Lehren ab, absolvierte lustlos einige Praktika, bis er schließlich im Beruf des Landschaftsgärtners Erfüllung fand. Das hoch sensible Mädchen litt jahrelang unter Anorexia nervosa, brach die Schule ab, holte später den mittleren Abschluss nach und wurde Buchhändlerin. Noch heute gerät sie immer wieder in seelische Krisen, fängt sich aber allmählich.

Die Kinder von Familie S., ebenfalls ein Junge und ein Mädchen, gaben ihren Eltern nie Anlass zur Sorge, machten das Abitur mit links, legten glänzende Studienabschlüsse hin, wirken heute stabil und selbstbewusst. Sie ist Kunsthistorikerin, er Rechtsanwalt.

Angenommen, Frau und Herr L. zögen nun, mit einem neidischen Seitenblick auf Familie S., das Resümee, ihre ganze Mühe sei umsonst, vielleicht verfehlt gewesen – was würden Sie, liebe Leserinnen und Leser, antworten? Ein Vorschlag: »Waldorfpädagogik erhebt nicht den Anspruch, die Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft mit Siegertypen zu beliefern. Wir sind von einem tieferen Ethos als dem des bravourösen Verlaufs der äußeren Dinge geleitet.«

Siehe dazu auch den Leserbrief: »Siegertypen und tieferes Ethos« und Henning Köhlers ausführliche Erwiderung darauf

Kommentare

Stephanie Westphalen, Hürup, 09.09.14 09:09

Was ist Waldorf?

Die Kolumne von Henning Köhler in der aktuellen Erziehungskunst kann erstmal irritieren, manche vielleicht auch erschrecken. Was schreibt er da? Dieses überzeichnete Bild von Waldorfschülern, die gesellschaftlich scheitern, wer will denn sowas für sein Kind?
Die Frage kam auf, was ist denn nun »Waldorf« und wer weiss eigentlich davon, vor allem auch von den neuen Eltern? Gibt es überhaupt noch diese einzügige harmonische Kraft, die das Ganze nach vorne trägt ohne Zweifel, ohne Beirrung? Gibt es eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig aufklärt, trägt und inspiriert?
Wenn die liebevolle umsichtige Erziehung der Familie S. »scheitert«, das spielerische Lernen nicht zur Kräftigung führt, sondern die Kinder beide an nervösen Erkrankungen leiden, wodurch macht sich dann die Stärke dieser Pädagogik bemerkbar?
Köhler gibt eine Antwort, er sagt, »wir (die Anthroposophen) sind von einem tieferen Ethos geleitet«. Ethos als ethische Gesinnung einer Gemeinschaft, als kollektives Verantwortungsgefühl einer sozialen Gruppe – und das ist in der Waldorfpädagogik nach wie vor die Vorstellung von Mensch und Kosmos nach Rudolf Steiner. Hier und da mögen andere Einflüsse sich geltend gemacht haben, aber immer wieder die Rückbesinnung auf diese ganz spezielle Geistesschulung.
Wir wollen die seelische Entwicklung unserer Kinder begleiten – das beginnt schon vor der Geburt und orientiert stark an der intuitiven menschlichen Kraft, natürlich wird das Kind geborgen, getragen, mit aller Liebe beschützt und in die Welt, von Affirmationen geleitet, hinaus entlassen. Die Eltern wollen des Kindes Seele nicht im Weg stehen. Daher der natürliche Schritt zur Waldorfschule, denn hier, so hoffen wir als Eltern, wird ihm die Welt nicht durcheinander gebracht.
Steiner sagt, im Menschen sei eine synthetische Einheit vorhanden, dass es absurd sei, eine Pflanze oder ein Tier »an sich« zu zeigen und zu meinen, das Kind könne daraus etwas lernen. »Dem Kind zu ermöglichen sich mit seinem ganzen Seelen- , Körper- und Geistesleben in einer ganz bestimmten Weise in die Welt hinein zu stellen«, so Steiner, und das beinhaltet natürlich gleichzeitig, der Seele so viel Raum zu bieten, das der Seele Äusserungen auch erlebbar werden. So wie bei der geschilderten Familie S. auch seelische Zustände sichtbar wurden. Und wenn dann später doch dieses »Ding an sich« erscheint, das Kind wird älter und erlebt die Dinge getrennt von sich als Objekte, dann führt dies hoffentlich nicht zu einer Entwurzelung und Entfremdung.
Das an sich ist schon Herausforderung genug! Nun ist die Welt aber so im Kollaps und wir spüren dies und wir müssen alle weiter geduldig tragen und ertragen.
»Zornig werden« ist keine Eigenschaft, die ein guter Mensch haben darf! … Der Lehrer muss sich immer in der Hand haben; und im Untergrund waltet schon beim Kinde eben der astralische Leib mit seiner ungeheuren Klugheit und Vernünftigkeit.
Brauchen wir dann nicht Orte wo wir uns die Kraftquellen neu aufzeigen können, wo wir über die Worte meditieren können, wo wir ausatmen können?
Damit wir voller Überzeugungskraft sagen können: DAS ist Waldorf und SO ist es mir begegnet …?

G. F., 12.09.14 15:09

Liebe Redaktion der Erziehungskunst,

Henning Köhler lässt mich mit seiner Kolumne »Produziert Waldorf Siegertypen?« absolut ratlos zurück. Ich stimme damit überein, dass es natürlich nicht Ziel der Waldorf-Pädagogik ist, berufliche Siegertypen hervorzubringen, die als solche in der heutigen Konsum- und Konkurrenzgesellschaft besonders gut ankommen und mit Anerkennung belohnt werden.

Aber natürlich wollen Eltern, dass Kinder an Leib und Seele gesund sind und bleiben und sie stabile Persönlichkeiten werden. Welche (Waldorf-)Eltern würden das nicht wollen? Nein, Siegertypen im Sinne des beruflichen Erfolgs streben wir nicht an, aber seelisch gesunde Kinder umso mehr. Wenn das die Waldorf-Pädagogik nicht auch anstrebt, habe ich sie nicht verstanden...

Ich würde mir wünschen, dass es anderen Leserinnen und Lesers beim Lesen des Artikels ebenso ergeht wie mir und Herr Köhler seine Gedanken dazu weiter ausführen könnte.

Mit besten Grüßen, G.F.

Bianka Schwarz, Berlin, 15.09.14 09:09

Auch ich kann diesem Artikel nicht recht folgen oder besser gar zustimmen. Ich habe meine Kinder von einer staatlichen Schule genommen, eben weil ich merkte, dass dieses System mit Leistungsdruck, wenig bis gar keiner Freizeit, wenig Freiraum für Natur und Bewegung weder meinen Kindern noch der Familie guttat. An der jetzigen Waldorfschule blühten meine Kinder wieder auf, wurden wieder fröhliche, ausgeglichene Kinder mit Interesse an allem neuen, seien es selbstgestaltete Bauwerke in und aus der Natur, neue Handwerkstechniken oder was auch immer.
Ich möchte auch nicht das Ziel verfolgen, dass meine Kinder nun Manager werden oder eben besagte »Siegertypen«. Ich möchte, dass meine Kinder ein erfülltes, glückliches Leben führen, in einem Beruf, der ihnen viele Jahre Freude macht. Ich bin der Meinung, dass man heutzutage Persönlichkeit und eigenen Willen benötigt, um sein Leben sinnvoll zu gestalten und dabei hilft die Waldorfschule ungemein, es wird das Miteinander gefördert, Schwächen akzeptiert oder besser, jeder akzeptiert wie er ist! Eigene Erfahrungen werden gefördert, ausprobieren und ansehen ..., denn dadurch lernt man, durch Erfahrungen, und die sind an einer Waldorfschule wie bei uns sehr vielfältig. Ich bin sehr froh, zu sehen wie viel ruhiger und glücklicher die ganze Familie nun ist, und ich bin froh, den Schritt des Schulwechsels getan zu haben. Und wenn meine Söhne Landschaftsgärtner werden wollen, ist das doch völlig in Ordnung ...

Caroline Dr. Sommerfeld-Lethen, Wien, 23.09.14 16:09

Wie schrieb mein Lieblings-Theoretiker Niklas Luhmann seinerzeit, in den 80er Jahren schon? "Kinder sind keine Trivialmaschinen!". Ich glaube, der Henning Köhler will uns Leser aufs Glatteis hinauslocken mit dem Wort "produziert".
Schule produziert keine Menschentypen! Dazu ist der menschliche Geist zum Glück viel zu komplex, viel zu sehr bereit, auf Impulse, Drängen und Ziehen aus der Außenwelt total eigensinnig zu reagieren.
Es ist eine Illusion, zu glauben, die Regelschule bringe diese und jene Typen hervor, oder die Montessorischule, oder eben die Waldorfschule.
Nur: der Geist eines Kindes kann in einer bestimmten Schule, an diesem bestimmten Ort, in diesen bestimmten Jahren, ganz stark prägenden Erfahrungen ausgesetzt sein. Wer sagt denn, dass nicht das Mädchen aus der Familie L. eine selbstherrliche, von ihrer Ideologie überzeugte und an dem Mädchen desinteressierte Waldorflehrerin hatte? Oder dass der Bub aus der Familie S. einen einfühlsamen, inspirierenden, coolen Klassenlehrer am Gymnasium hatte?
Wir können nur in Wahrscheinlichkeiten und kleinen kontingenten Zusammenhängen denken in dieser Frage. Zum Beispiel uns überlegen, ob diese Waldorfschule da in unserem Wohnort mit dieser Lehrerschaft und dieser Atmosphäre und Geisteshaltung womöglich gut für mein konkretes Kind ist. "Gut" im Sinne von: fürs Glücklichsein und sich Entwickeln in genau diesem Alter, ohne zielgenaue Perspektive auf Schulabschlüsse oder späteres Berufsleben oder psychische Stabilität als Erwachsene/r.

Angelika Baker, Schwäbisch Hall, 29.09.14 14:09

Ich habe schon etliche polariserende Artikel in der Erziehungskunst gelesen und ihr Vorhandensein immer bedauert. Sie im Einzelnen herauszusuchen, fehlt mir leider die Zeit. Der von Henning Köhler geschriebene Artikel »Produziert Waldorf Siegertypen?« stellt unter diesen einen gewissen Höhepunkt dar und ich möchte Sie von Herzen bitten, auf solche polarisierenden, tendenziösen und von manipulativen Schlagworten wimmelnden Artikel für immer zu verzichten.

Der Begriff »Siegertypen« in der Überschrift soll sicherlich die Aufmerksamkeit fesseln und reißerisch wirken. Er wird benutzt für zwei Menschen, die zwei schlichte, schöne, auch wertvolle Berufe ergriffen haben: eine Kunsthistorikerin und einen Rechtsanwalt. Dass sie keine Anorexia entwickelt und nicht mit Drogen experimentiert haben, dass sie studiert haben und aus einem mittelständischen Elternhaus stammen, muss man ihnen nicht durch ein negativ belastetes Wort wie »Siegertypen« anlasten. Das wird hier getan, da die Überschrift indirekt zu ihnen in Beziehung gesetzt wird. Sind solche Menschen »Typen«?

Die Beschreibung ihres Elternhauses möchte ich in den benutzten sprachlichen Wendungen zusammenfassen: von Abstiegsangst geplagt, ehrgeizige Ziele, autoritär, leistungsbetont, pragmatisch, Kindervernachlässigung, glänzende Fassade, rollender Rubel, funktionieren müssende Kinder, bravouröser Verlauf, in die Kinder investiertes Geld, das sich gefälligst lohnen muss. Über welche Familie wagt man denn bitte, so zu sprechen? Würdigt man so die bei allen Eltern bestimmt nicht perfekten, aber meist doch nach bestem Wissen und Gewissen ausgeübten Erziehungsbemühungen? Eine solche Ausdrucksweise ist, so finde ich, der Waldorfbewegung nicht würdig und sollte in einem Organ des Bundes der Freien Waldorfschulen nicht zu finden sein.

Was wird den Eltern vorgeworfen: dass die Kinder reiten und singen durften? Wo drückt sich in dieser Familienbeschreibung aus, dass den Kindern Geborgenheit fehlte? Gewöhnlich ist das Fehlen von Geborgenheit Ursache von vielerlei seelischen Problemen. Dass Kinder zu stabilen und selbstbewussten Menschen heranwachsen, ist durchaus kein verabscheuungswürdiges Ziel; es bedeutet auch ein Stück seelisches Gleichgewicht und das Vermögen, glücklich zu sein. Das gönnen wir alle unseren Kindern. Dass diese beiden Menschen sich über andere erheben oder sie in irgendeiner Weise niedermachen, in einen wie immer gearteten Kampf mit anderen treten und sich damit als "Siegertypen" profilieren würden, davon ist bei der Beschreibung dieser beiden keine Rede.

Henning Köhler ist kein Lehrer. Mit wie vielen ganz unterschiedlichen Familien haben wir Lehrer es im Laufe unseres Berufslebens zu tun? Mit vielen Hunderten! Welche Tragik wäre es, wenn wir in einer solchen Weise auch nur über eine Familie denken würden? Das tiefere Ethos, das wir haben sollten, ist es, jede Familie, nicht nur die, die »unserer Pädagogik wirklich alle Ehre« macht, in ihren Bemühungen zu würdigen und für ihre individuellen Ideale Verständnis zu entwickeln.

Mit freundlichen Grüßen,
Angelika Baker, seit 24 Jahren Klassen-, Englisch- und Religionslehrerin an der Freien Waldorfschule Schwäbisch Hall

Henning Köhler, 29.09.14 14:09

Sehr geehrte Frau Baker,

in meinem Beruf hat man es mit mindestens so vielen mindestens so unterschiedlichen Familien zu tun wie Sie als Lehrerin, und dazu kommt, dass man diese Familien oft sehr eng begleitet. Lehrer bin ich (von Gast-Unterricht abgesehen) schon lange nicht mehr, begleite aber seit vielen Jahren Kitas und Schulen. –

Wer meine publizistische Tätigkeit kennt, weiß, dass ich mich geradezu notorisch gegen voreilige Schuldzuweisungen an Eltern wende und mir damit schon viel Feindschaft eingehandelt habe. (Vgl. z.B. meine Bücher »Was haben wir nur falsch gemacht«, »War Michel aus Lönneberga aufmerksamkeitsgestört«, das Hörbuch »Eltern, wehrt euch!« u.v.m.)

Gleichwohl können wir nicht die Augen davor verschließen, dass es verschiedene Formen der »Verwahrlosung« gibt, und dazu gehört auch die so genannte Wohlstandverwahrlosung. Eine der beiden Familien, von denen ich kurz berichtete, ließ ihre Kinder, denen es sonst an nichts fehlte, definitiv emotional verwahrlosen. So etwas kommt vor, auch wenn Sie, Frau Baker, es vielleicht nicht wahrhaben wollen. Kindesvernachlässigung im Wohlstandsmilieu, verbunden mit dem elterlichem Ehrgeiz, ein »Superkind« zu produzieren (vgl. zum Beispiel das beachtliche Buch »Arme Superkinder« von Felicitas Römer), beschäftigt uns heute als Kindertherapeuten und Familienberater ebenso wie Kindesvernachlässigung in sozial prekären Milieus. Ich habe aber tausend Mal betont: Das ist nicht die Regel, wie manche Kassandra-Rufer behaupten. Es handelt sich um ein Randphänomen. (Aber wie lange noch, wenn die gesellschaftliche Entwicklung so weiter geht?)

In der Kolumne ging es mir darum, mit Hinweis auf diese traurigen Ausnahmen ein bestimmtes, verwirrendes Problem zu thematisieren: Beide Kinder der Familie S. entwickelten sich, äußerlich betrachtet – nach bürgerlichen Maßstäben –, trotz unsicherer Bindung und emotionaler Vernachlässigung sehr gut, ergriffen angesehene Berufe (habe ich ein Wort gegen diese Berufe gesagt?), machten Karriere, während auf der anderen Seite manche Eltern, die sich ungleich viel mehr Mühe geben, ihren Kindern Zeit, Aufmerksamkeit und Geborgenheit zu schenken, auf Sinnespflege zu achten, den Medienkonsum zu beschränken etc., schwere Schuldgefühle mit sich herumschleppen, weil – wiederum: äußerlich betrachtet – der Eindruck entsteht, alle Liebesmüh sei umsonst gewesen. Damit muss man sich doch auseinandersetzen!

In weniger drastischer Form begegnet man diesem (scheinbaren) Paradoxon gar nicht so selten. Biografiestudien zeigen z.B., dass eine vergleichsweise »goldene Kindheit« keineswegs sicheren Schutz davor bietet, später in tiefe Sinnkrisen zu stürzen; und dass andererseits gar nicht so wenige Menschen, die als Kinder wenig zu lachen hatten, sich trotzdem glänzend im Leben bewähren. Mein Beitrag, über den Sie sich so ärgern, ist nicht polarisierend – er bildet nur holzschnittartig ein Stück Realität ab, das man zur Kenntnis nehmen kann oder nicht. Wenn schon, ist diese Realität polarisierend, woran wiederum mich keine Schuld trifft.

Vielleicht haben wir uns ja nur missverstanden. Zur Klärung meiner Motive, jene Kolumne zu schreiben, trägt, denke ich, auch der Briefwechsel zwischen Herrn Grünebach und mir bei, den
Sie unter »Leserbriefe« finden. Übrigens: Ich hätte die Überschrift »Produziert Waldorf Siegertypen?« nicht gewählt, sie ist ein Produkt der Redaktion. Es stimmt schon: Man könnte das dahingehend missverstehen, als hätte ich mich irgendwie abfällig über Kunsthistoriker und Rechtsanwälte äußern wollen, was mir ganz fern liegt.

Mit – trotz gegenwärtigem Klingenkreuzen – freundlichen Grüßen
Henning Köhler

Henning Köhler, 29.09.14 14:09

Ein Nachtrag noch, sehr geehrte Frau Baker: Freilich sprach ich im Artikel selbst davon, dass es falsch wäre, wenn Waldorfpädagogik »die Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft mit Siegertypen beliefern« wolle (das kann nicht der Redaktion angelastet werden), aber damit beziehe ich mich natürlich auf die auch Ihnen bekannte Debatte über »Winner« und »Loser« bzw. auf den »mentalen Kapitalismus«, der solche Denkfiguren hervorbringt, von denen wir uns hoffentlich nicht infizieren lassen.
H.K.

Stefan Möhner, 10.10.14 12:10

Sehr geehrter Herr Köhler!

Ihre spitz formulierte Frage an die Eltern, »produziert Waldorf Siegertypen?« möchte ich direkt beantworten: Nein (leider), eher gesellschaftlich gut anpassungsfähige Lebensgestalter!

Das macht wohl, neben dem miserablen staatlichen Schulsystem, die Attraktivität für eine bestimmte Elternschaft aus, die bereit ist, solch einen immensen Kraftaufwand zu leisten, wie es Ihre beschriebene Familie L. getan hat. Entspricht jedoch das quantitative Ergebnis, die Lebenstüchtigkeit der herangewachsenen Waldorfkinder in 100 Jahren Waldof-Pädagogik dem, was man seinerzeit inauguriert hatte? Ich habe starke Zweifel.
Mich macht es betroffen, wenn im Abendprogramm des Fernsehens die Waldorfschule folgenlos lächerlich gemacht werden kann. (Th. Gottschalk in »Wetten dass?«, O. Welke in »heute-show«, Fußballkommentar nach einer schwachen Abwehrleistung »Badstuber, der Waldorfschüler«!)

Pauschal gesehen haben unsere Schüler die erwiesene Fähigkeit, sich sozial und künstlerisch zu engagieren, und sich auch unter widrigen Umständen gut im gesellschaftlichen Mittelfeld einzurichten.

In die höheren Bereiche von Politik und Wirtschaft, wo starker Ehrgeiz, Ausdauer und Berechnung nötig sind, um sich als verantwortlicher Entscheidungsträger zu behaupten, gelangen jedoch nur sehr wenige mit Waldorfprägung. Um solch ein »Siegertyp« zu werden, braucht es Biss, und diesen können wir nicht vermitteln! Das nicht einfach anzuerkennen, halte ich persönlich für eine Schwäche. Zumindest nicht für einen Anlass, sich selbstzufrieden hinter einem »tieferen Ethos« wegzuducken und die Entwicklung unserer Gesellschaft im Nischendasein mit sozialer Federung zu begleiten.

Stefan Möhner, 30 Jahre Waldorflehrer, 5 Kinder

Henning Köhler, 14.10.14 17:10

Sehr geehrter Herr Möhner,

keinesfalls soll uns der Gedanke leiten, Kinder so zu formen, wie das bestehende politische und wirtschaftliche System sie braucht bzw. zu brauchen meint. Vielmehr werden aus einem wahrhaft freien BiIdungswesen Kinder hervorwachsen, die dazu imstande sind, das bestehende politische und wirtschaftliche System zu transformieren in Richtung einer Gesellschaft mit menschlichem Gesicht. Sobald uns jener falsche Gedanken leitet, sind wir schon dabei, dem richtigen seine Kraft zu nehmen. Die Kinder sollen von uns bekommen, was sie brauchen, damit »ihr Geist in voller Freiheit in das Leben eintreten kann« (Steiner). Welche gesellschaftlichen Aufgaben freie Geister dann ergreifen oder in bestimmten historischen Situationen eben nicht ergreifen, bleibt ihnen selbst (bzw., wenn ich mir die Bemerkungen erlauben darf, ihrer höheren Führung) überlassen. Vielleicht haben wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts einen Punkt erreicht, an dem die so genannten Eliten in Politik und Wirtschaft am allerwenigsten dazu imstande sind, Keime zu legen für eine hoffnungsvollere Zukunft. Vielleicht finden zurzeit die entscheidenden Weichenstellungen eben gerade nicht dort statt, wo sie stattzufinden scheinen. Vielleicht regt sich das Rettende an ganz anderen Orten und auf ganz andere Weise, als man es sich gemeinhin vorstellt. Vielleicht sind diese Vorstellungen ein Teil dessen, wovor wir uns (und unsere Kinder) retten müssen.

Für mich ist Waldorfpädagogik – wenn sie sich treu bleibt! – die wahre Pädagogik »vom Kinde aus«, qualitativ verbürgt durch dreierlei: erstens das nie nachlassende Bemühen der Eltern, Erzieher und Lehrer um profunde Menschenerkenntnis, Seelenerkenntnis, Kindheitserkenntnis; zweitens Gemeinschaftsbildung im christlich-michaelischen Geist; drittens ein spirituell vertieftes Freiheits- Ethos. Letzteres besagt u.a., dass wir keineswegs die Erzieher der Kinder sind, sondern ihnen helfen, sich selbst zu erziehen … »an uns«, wie Steiner betonte. Ich hätte ja nichts dagegen, wenn einige Waldorfschüler Spitzenpolitiker oder mächtige Konzernchefs würden. Nur: Das darf in keiner Weise unsere Absicht, unser Wunsch, gar unser Ehrgeiz sein! Die Kinder „in Ehrfurcht empfangen, in Liebe begleiten, in Freiheit entlassen“ (Steiner) … darum geht es, was immer sie dann mit ihrer Freiheit anfangen. Zwänge mich die Anthroposophie, an menschliche Lebensläufe den Bewertungsmaßstab engstirniger bürgerlicher Erfolgskriterien anzulegen, hätte ich ihr längst ade gesagt. Aber das Gegenteil ist ja der Fall!

Mein Verweis auf ein tieferes Ethos – tiefer als dasjenige des äußeren gesellschaftlichen Erfolgs – ist Ihrer Meinung nach ein »selbstzufriedenes Wegducken«. Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung, was damit gemeint sein könnte. Wäre es demnach eine aufrechte Haltung, diesem tieferen Ethos, das ja ganz ohne Frage der Waldorfpädagogik inhärent ist, abzuschwören?

Henning Köhler

M. T., Stuttgart, 05.11.14 15:11

Guten Tag!

Der Artikel hat einiges an Diskussionen ausgelöst und auch an Irritierung.
Stellvertretend für einige Eltern möchte ich Sie fragen:
Wurden die Namen im Bericht schlicht verwechselt, wie die einen sagen, oder soll die Aussage sein, daß es in Ordnung ist, wie die anderen Eltern es aufgefasst haben, daß Kinder in Drogenmißbrauch und Magersucht landen, da man ja keine »Siegertypen« hervorbringen will?

Wir würden uns sehr über eine kurze Aufklärung freuen!

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen