Sabine Kleist, 7 Jahre

Von Maria Knilli, April 2022

»Na und!« – Das kommt der bezaubernd eigenwilligen Sabine öfter über die Lippen. Oder wenn sie jemanden nicht mag, dann streckt sie schon mal die Zunge raus.

© DEFA Filmstiftung Siegfried Skodula

Die DEFA-Stiftung hat unlängst eine Reihe von Kinderkinofilmen online gestellt. Der preisgekrönte Spielfilm von Helmut Dziuba, einem der renommiertesten Kinderfilm-Regisseure der DDR, erzählt von der verwundeten Gefühlswelt eines Mädchens, das beide Eltern bei einem Autounfall verloren hat.

Sabine wächst im Heim auf. Dort hat sie sich eng mit der Erzieherin Edith verbunden. Aber eben diese Edith geht, weil sie selbst ein Kind erwartet. Bei der feierlichen Verabschiedung singen alle Kinder ein Lied, nur Sabine steht bedrückt da. Dann soll sie ein Sprüchlein aufsagen. »Ich will nicht«, sagt Sabine. Wütend boxt sie Edith in den runden Bauch, zerreißt ihre Zeichnungen von Mama und Papa und zerschlägt den Spiegel, in dem sie ihr verzweifeltes Gesicht sieht. Dann haut sie ab. Es ist Abend. Alle sind in großer Sorge, die Polizei wird alarmiert.

Sabine aber reitet hoch zu Ross durch das nächtliche Ost-Berlin. Sie ist bei einer großen Zirkustruppe untergeschlüpft, man hat sie mit der Tochter einer Artistin verwechselt. Selbstbewusst sitzt sie in Sommerkleid und Strickjäckchen im Sattel, Passanten winken ihr, sie grüßt zurück und lächelt. Das ist der Auftakt zu Sabines märchenhafter Auszeit.

Sabine streift durch Ost-Berlin. Und wir als Zuschauer:innen von 2022 erleben eine Zeitreise in die DDR der 1980er Jahre. Dabei gerät Sabine nie in Gefahr, als hielte jemand eine schützende Hand über sie. Mit der ihr eigenen offenen Art mischt sie sich unter die Leute und stellt ihre kindlichen Fragen. Da ist der Posaunist einer Blaskapelle auf dem Friedhof, da sind Mütter und Geschwisterkinder auf einer Entbindungsstation, da sind Polit-Aktivist:innen, die Spenden sammeln, eine Detektivin im Supermarkt, der kleine polnische Junge »Stani« auf dem Alexanderplatz, der seine Eltern sucht, ein älterer, beschwipster Herr, der seine Haustür nicht findet, eine Bootsgesellschaft von alleinerziehenden Müttern mit ihren Kindern und eine vergnügte Familie am Badesee. »Sabi« ist allein unterwegs, aber das Gefühl der Einsamkeit weicht zunehmend von ihr. Mit Hilfe eines Jungen aus der Nachbarschaft – sie kann ja noch nicht lesen – klingelt sie bei der geliebten Edith und ihrem Mann, aber da ist keiner daheim. Für Spannung sorgen die Streifenpolizisten, die die kleine Ausreißerin suchen.  Nach zwei Tagen trifft Sabine eine Entscheidung, die hier nicht verraten sei.

Der behutsam erzählte Film ist geeignet für Menschen ab zehn Jahren. Er ist online auf Youtube zu sehen, das heißt, es ist mit Werbeunterbrechungen zu rechnen. Eine Alternative ist die DVD.

»Sabine Kleist, 7 Jahre« von Helmut Dziuba (DDR 1982, 73 Minuten).

www.youtube.com/watch?v=KpRVuDtF_AM

Bitte beachten Sie die »Kurze Anleitung für einen gelungenen Filmnachmittag«

Alle Filmempfehlungen aus der Kolumne Knilli

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