Technophiles Kasperltheater

Von Henning Köhler, Januar 2015

Die Kette nationaler Demütigungen reißt nicht ab. Gut, der WM-Triumph in Brasilien gab uns, wie Bundespräsident Gauck betonte, das Gefühl, »wir alle« hätten gesiegt.

Doch wenige Monate später erfolgte ein herber Rückschlag. Schon wieder haben deutsche Schüler bei einer internationalen Bildungsvergleichsstudie lausig abgeschnitten! Nach mehreren PISA-Schocks traf uns Ende 2014 der ICILS-Schock (International Computer and Information Literacy Study). »Deutschland liegt bei den Computerfähigkeiten seiner Schüler nur im europäischen Mittelfeld«, meldeten Ende 2014 die Nachrichtenagenturen. »Ein Drittel der Achtklässler hat höchstens basale Kenntnisse«. Schlimme Sache! Denn diese Kinder mindern nicht nur Deutschlands Chancen im globalen Wettbewerb, sie werden auch Schwierigkeiten haben, »erfolgreich am privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Lebens des 21. Jahrhunderts teilzunehmen«. Das muss man zwei Mal lesen. Wer in Zukunft keine exzellenten Computerkenntnisse vorweisen kann, ist von sozialer Teilhabe ausgeschlossen, schlimmer noch: sein Privatleben geht vor die Hunde. So viel zu dem Mythos, in unserer ach so freien Welt könne jeder selbst entscheiden, wie er leben will. Frage an die Missionare des Hightech-Kapitalismus: Was habt ihr vor? Geht es euch wirklich um das Lebensglück der heranwachsenden Generation(en)? Wem ist tatsächlich damit gedient, diese Drohkulisse aufzubauen?

Immer mehr Kinder erliegen immer früher dem Bann der neuen Medien. Das Problem beschäftigt uns als Erziehungsberater und Kindertherapeuten in einem mittlerweile beängstigenden Ausmaß. Gern schließe ich mich dem spöttischen Vorschlag Harald Welzers an, es sei an der Zeit, das »technophile Kasperltheater« mal zu unterbrechen und ein paar andere gesellschaftliche Prioritäten zu setzen. Doch schaut man auf die Kinder, vergeht einem das Lachen. Techno-Kasperl ist, zumindest im Nebenberuf, Drogenhändler – um es klar zu sagen. Trotzdem werden nun Eltern und Lehrer streng ermahnt, die Okkupation kindlicher Spiel- und Lernwelten durch bewusstseinsverändernde  Maschinen zu beschleunigen. Natürlich soll das »verantwortungsvoll« geschehen. Na ja, darunter versteht jeder etwas anderes. »Fünfjährige dürfen nicht länger als täglich drei Stunden am Bildschirm verbringen«, erklärte mir kürzlich stolz ein Vater, »daran halten wir uns«. Er hatte das aus irgendeiner US-Studie. Es ist noch nicht lange her, da warnte jeder Intellektuelle, der etwas auf sich hielt, vor dem Marsch in die Mediendiktatur. Aus und vorbei. Einst machte ich mich dafür stark, an Waldorfschulen Medienworkshops für die Oberstufe anzubieten (was damals noch weithin verpönt war). Zwar scheint mir das immer noch sinnvoll, doch in den Vordergrund geschoben hat sich meine Sorge um die »Medienabstinenz-Kompetenz« der Kinder und Jugendlichen. Pluspunkt für Deutschland, dass jeder dritte Pubertierende nur »basal«, jeder fünfte fast gar nicht mit dem Computer umgehen kann! Hätte ich kaum zu hoffen gewagt.

Anmerkung: Ich muss bezüglich des kollektiven deutschen Sieges emotional irregeleitet sein. Mein Herz schlug für Brasilien. Die spielten in der Endrunde einer WM gegen Deutschland – und hatten keine Lust! Wundervoll.

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