Über die Freiheit (2). Hochaktives Nichts-Bestimmtes-Tun

Von Henning Köhler, Dezember 2011

Es ist ein Fehler zu glauben, Freiheit könne im kindlichen Menschen heranreifen, ohne dass dieser von Beginn an reichlich Gelegenheit erhielte, sich ihrer tätig zu vergewissern. Man kann die Freiheitsfrage nicht vertagen, nach dem Motto: Erst mit 21 Jahren wird das Ich geboren, erst mit 14 Jahren können die entsprechenden Geburtshilfebemühungen beginnen, vorher sind Kinder noch nicht in der Lage, mit Freiheit umzugehen, denn Freiheit ist ein Privileg des mündigen Menschen. Hier liegt ein Missverständnis vor. Das Ich ist von Beginn an die entwicklungsleitende Instanz, lange vor der Beendigung seiner ›Basisarbeit‹ an den sogenannten Hüllen. Gerade um diese Arbeit in der rechten Art vollbringen zu können, braucht es viel Freiheit. Von Anfang an. Die Freiheit der Bejahung. Das ungezwungene Spiel. Und nicht zuletzt: Hochaktives Nichts-Bestimmtes-Tun.

»Was durch das Spiel geleistet wird, wird im Grunde genommen geleistet durch die Selbstbetätigung des Kindes, durch alles, was wir nicht in strenge Regeln bannen können. Ja, gerade darauf beruht das Wesentliche und das Erzieherische im Spiel, dass wir haltmachen mit unseren Regeln, mit unseren pädagogischen (…) Künsten, und das Kind seinen eigenen Kräften überlassen«, sagte Steiner in einem Vortrag in Berlin 1912. Die damit formulierte waldorfpädagogische Grundforderung gilt nicht nur im Kleinkindalter, sondern mindestens bis zur Schwelle der Pubertät.

Wir dienen den Kindern »umso besser, je weniger bestimmt und ausgedacht ist, was im Spiel sich zeigt, aus dem Grunde, weil ein Höheres, das nicht ins menschliche Bewusstsein herein gezwängt werden kann, dann eben [frei, H.K.] herein kommen kann. (…) In einer gewissen Weise bleibt das (…) ein wichtiger Erziehungsfaktor für das ganze Leben«, betont Steiner.

Im sogenannten Weihnachtskurs verwies er auf seine Philo­sophie der Freiheit als Grundlage der Pädagogik und entwickelt, wie man schon dem ganz kleinen Kinde gegenüber »die Freiheitsfrage aufwerfen muss und auf der anderen Seite die Schicksalsfrage.« Denn »wenn man so recht ins menschliche Herz hinein sieht, so kündigt sich einem schon an, wie von dem Bewusstsein, das der Mensch von Freiheit in seiner eigenen Brust haben kann, der größte Teil seines irdischen Lebensglückes, seines Gefühles für seinen Menschwert und seine Menschwürde abhängt.«

Literatur:

Rudolf Steiner: Die Selbsterziehung des Menschen im Lichte der Geisteswissenschaft, GA 61, Dornach 1983; Rudolf Steiner: Die gesunde Entwicklung des Physisch-Leiblichen als Grundlage der freien Entfaltung des Seelisch-Geistigen, GA 303, Dornach 1987

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