Wahre Pädosophen

Von Henning Köhler, Mai 2015

»Pädagogik vom Kinde aus« scheint unter den Bedingungen des neuen Kapitalismus nur noch ein illusionäres Relikt zu sein.

Für dieses Ideal, das zeitweilig auf viele Menschen eine starke Anziehungskraft ausübte und inzwischen als »Kindheitsromantik« und »Kuschelpädagogik« verhöhnt wird, stand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem ein Name: Astrid Lindgren – weshalb zu den geläufigen Schmähformeln auch »Bullerbü-Idylle« gehört.

Lindgren war die bedeutendste Kindheits-Expertin der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kein pädagogischer Theoretiker konnte es mit ihr aufnehmen. Lindgrens Bücher sind »Pädosophie« im Gewand der Dichtung. Mehr als alle gesinnungsverwandten Intellektuellen verkörpert sie die schwindende Hoffnung auf den Durchbruch zu einer wahrhaft kinderfreundlichen Gesellschaft.

Inzwischen ist die Zwangsvorstellung der methodischen Menschenoptimierung für einen vage prognostizierten gesellschaftlichen Bedarf so stark im allgemeinen Gewohnheits- denken verankert, dass sich auch alternative Strömungen gezwungen sehen, damit zu werben, sie hätten bessere, schonendere, »ganzheitlichere« Wege zum falschen Ziel anzubieten. Wagt man, das Paradigma der effizienten Humanressourcenverwertung unumwunden in Frage zu stellen, reagiert sogar mancher Waldorfmensch pikiert. Gottseidank gibt es noch wahrhaft pädagogische Orte, zum Beispiel den Waldorf-Bauernhofkindergarten Aschwarden bei Bremen. Eine Oase für maximal achtzehn Kinder, die von zwei Erzieherinnen, einer Praktikantin, dem Esel Niklaus und dem für tiergestützte Pädagogik ausgebildeten Hund Filou betreut werden. Ziegen und Hühner gibt es dort auch. Und eine etwas entfernt liegende Schafweide, wohin die Kinder mit der Eselskutsche fahren, während Filou den Leiterwagen mit allerlei Utensilien zieht.

Morgens um halb acht beginnt der Tag im Stall. Dann helfen die Kinder, das Frühstück vorzubereiten. Manche spielen derweil. Es gibt weitere (bewegliche) Fixpunkte im Tages- und Wochenverlauf: den Morgenkreis, Reigen- und Puppenspiele, Leiermusik, Eurythmie, Wanderungen, Backen, Malen, Fußbäder, das Mittagessen, Gelegenheit zum Mittagsschlaf. Die Kinder haben aber jede Menge Zeit zum freien Spiel, draußen und drinnen. Sie toben im Heu, dürfen sich nach Herzenslust schmutzig machen. Dann wieder rufen Pflichten: Tiere füttern, den Stall reinigen. Alle sind begeistert dabei. Nicht wenige Eltern fürchten, das Konzept vernachlässige die frühe Bildung! Welch tragisches Missverständnis! Beim Rückblick sagte ich zu Bettina Lang, der Leiterin: »Den ganzen Tag über fiel nicht ein einziges Mal das Wort Nein.« Das war ihr gar nicht aufgefallen. An Orten wie diesem sinkt der tägliche Nein-Pegel automatisch gegen null. Und Steiner jubelt im Himmel, zusammen mit Astrid Lindgren. Die Post-Kollaps-Kultur wird abseits des großen Medienrummels vorbereitet.

www.bauerhofkindergarten-aschwarden.de

Literatur: Herbert Renz-Polster: Die Kindheit ist unantastbar. Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen, Weinheim 2014 | Wolfgang Bergmann: Lasst eure Kinder in Ruhe. Über den Förderwahn in der Erziehung, München 2011

Kommentare

Ute Fürst, 15.05.15 14:05

die Meinung der Eltern, dass ein solches Konzept die frühe Bildung vernachlässige, bereitet mir sehr große Sorgen. Ich beobachte das auch schon viele Jahre. Meiner Meinung nach werden diese Eltern von Ängsten angetrieben. Zudem fehlt jeder natürliche Instinkt und jegliches Vertrauen. Wir brauchen mehr denn je Menschen, die solche Eltern unterstützen und sie begleiten. Der Bauernhofkindergarten ist eine Initiative, die sich auch mit meinen Vorstellungen deckt. Es sollte viel mehr davon geben. Erziehung ist eben "Erziehungskunst."

Veronika Draijer, 16.05.15 21:05

Soetwas schönes sollte jedes Kind erleben
dürfen. Mögen wir viele Menschen finden, die
sich dafür einsetzen. Es ist "lebensnotwendig"
für unsere Kinder!

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