Zurechtgestutzt

Von Henning Köhler, November 2019

Am 25. Juli starb Jesper Juul. Seine Stimme wird schmerzlich fehlen. Nach und nach verabschiedet sich eine Generation von kritischen Erziehungswissenschaftlern, die den emanzipatorischen Geist der Siebzigerjahre mit Lebensklugheit durchdrungen und in das 21. Jahrhundert hinübergerettet haben. Viel ist nicht mehr zu spüren von jenem Geist, aber er lebt noch.

Ein Paukenschlag war Juuls Buch Schulinfarkt (2013). Zitat: »Heutzutage ist es so, dass die Kinder nur ganz am Anfang ihrer Schullaufbahn keine Angst vor der Schule haben, was sich meistens jedoch rasch ändert (…). Es ist eine beunruhigende Entwicklung, dass der Toleranzspielraum (…) zunehmend enger wird. In den Neunzigerjahren hieß es scherzhaft, die Schulen wollten am liebsten genormte DIN-A4-Kinder, inzwischen sollen es bloß noch A5-Kinder sein, und wenn es so weiter geht, dürfen die Kinder bald nur noch Visitenkartenformat haben.« Tatsächlich breitet sich Schulangst epidemisch aus, und man führt groteskerweise alle möglichen Gründe dafür an, nur nicht die Schule selbst. Meist wird der schwarze Peter reflexartig den Eltern zugeschoben, auch dagegen wetterte Juul. Man solle aufhören, ständig von uneinsichtigen Eltern und untragbaren Schülern zu reden: »Es ist unsere Schulkultur, die untragbar geworden ist.«

In der Süddeutschen Zeitung vom 19. September 2019 findet sich eine Rezension von Juliane Liebert über den Auf­sehen erregenden Film Systemsprenger. Liebert ergreift die Gelegenheit, hart mit unserem Schulwesen ins Gericht zu gehen. Sie erinnert daran, dass »systemsprengendes« Verhalten nicht per se etwas Schlechtes und zweitens oft eine Art Notwehr ist. »Unsere Gesellschaftsmoral verlangt ›Compliance‹. Es gab (…) Phasen der Liberalisierung. Schule sollte mehr Freiraum als Zuchtanstalt sein. Heute ist sie zwar nicht mehr Zuchtanstalt, aber die Kinder stehen (…) im Wettbewerb und sollen funktionieren. Jede Abweichung gilt als verdächtig. (…) Jede Abweichung wird pathologisiert.«

Thomas Sattelberger, ein ehemaliger Top-Manager, heute Bildungsforscher, bezeichnet die Konzerne, in denen er tätig war, als Orte »der geistigen wie seelischen Armut«, bevölkert von »grau gewandeten Funktionsträgern mit geklonten Erfahrungswelten«. Viele dieser grauen Herren (und Damen) hätten ihre Fantasie, ihre Kreativität schon als Schüler und Studenten auf dem Altar des Funktionierenmüssens geopfert, betont Sattelberger. Das reicht, um Kindern Angst zu machen. Eine Angst, die sie sich natürlich noch nicht erklären können. (Jugendliche manchmal schon, aber denen hört ja keiner zu.)

Sattelberger schließt: »Die Industrialisierung und Ökonomisierung der Bildung ist eines der grässlichsten Übel unserer Zeit. Wir alle müssen dafür ringen und streiten, dass wir die Quellen erfüllten Lebens und Lernens wiedergewinnen« (zitiert nach: André Stern, Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben, München 2017).

Mir fehlt in unseren Zusammenhängen oft ein klares, kämpferisches Nein zum Prinzip des Zurechtstutzens der Kinder auf Visitenkartenformat. Das kann nämlich auch waldorflehrplanmäßig ablaufen. Und die Störenfriede schmeißen wir dann raus, statt uns zu fragen, ob sie vielleicht verdammt recht haben? Danke, Jesper Juul.

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