Kritik hat noch nichts mit Antiamerikanismus zu tun.

Von Henning Köhler, Mai 2016

Leserbrief zu »Amerika ist an allem schuld« von Tobias Jaecker, in Erziehungskunst, Februar 2016.

Tobias Jaecker argumentiert alles in allem differenziert, aber manches erscheint mir doch zu einfach. Der Vergleich zwischen Juden und Amerikanern ist geradezu eine Entgleisung. Man kann doch die 2000-jährige Tragödie des Judentums nicht in einem Atemzug mit (teilweise berechtigten, wie Jaecker selbst einräumt) Amerika-feindlichen Stimmungen unter westlichen Intellektuellen nennen!

Der Antiamerikanismus linker wie neurechter Prägung ist »antiimperialistisch« motiviert, speist sich also aus der Angst vor einem Imperium, dessen politische, militärische, ökonomische und kulturelle Übermacht als bedrohlich empfunden wird. Niemand aber denunziert das amerikanische Volk als minderwertige und charakterlose Ethnie, welche es zur Reinhaltung von was auch immer auszulöschen gelte. Jaecker muss aufpassen, dass er sich mit seinem Vergleich nicht den Vorwurf der Verharmlosung des rassenbiologisch argumentierenden Antisemitismus einhandelt. Nicht einmal  radikale Islamisten haben speziell etwas gegen Amerikaner. Sie hassen den ganzen Westen, besonders Israel, sowie alle Anders- und Ungläubigen der Erde.

Auch ich finde es ärgerlich, die USA als Hort der Dekadenz zu verteufeln und den alten Kontinent zu glorifizieren. (In unseren Kreisen träumen manche immer noch von einem Mitteleuropa, das am deutschen Wesen genest.) Andererseits ist gegenüber dem diffusen Kampfbegriff »Antiamerikanismus« Skepsis angebracht. Er kam als Totschlagargument gegen die 68er Bewegung auf, deren Solidarisierung mit amerikanischen Bürgerrechtlern und Vietnamkriegsgegnern kurioserweise so hingedreht wurde, als hätten sie etwas gegen Amerika. Nein, wir jungen Leute hatten etwas dagegen, dass Amerika, dieses bewunderte Land, wo viele unserer literarischen und musikalischen Heroen lebten, zum Teufel ging. Von der 68er-Warte aus betrachtet, zeigte sich die wahre amerikanische Seele in Woodstock, nicht beim Massaker von My Lai. Wir waren sozusagen desillusionierte USA-Romantiker, aber doch keine Antiamerikanisten.

Kritik an den USA hat, wie Jaecker selbst sagt, noch lange nichts mit Antiamerikanismus zu tun, wird aber gern so ausgelegt, auch wenn die Kritiker einfach nur beklemmende Fakten auflisten: das verrottete Justizsystem, Demokratieverfall, Massenarmut, barbarische Hinrichtungen, Rassismus, Polizeiwillkür, Guatánamo und andere ausgelagerte Foltergefängnisse, sinnlose Bombenkriege, um nur einige Punkte zu nennen. Natürlich geht es anderswo noch schlimmer zu, aber wir sprechen hier über die selbsternannte (und vom proamerikanistischen Mainstream auch demütig als solche anerkannte) Schutz- und Führungsmacht der so genannten westlichen Wertegemeinschaft! Ich würde auswandern, sollten bei uns US-amerikanische Verhältnisse einkehren. Ist das eine antiamerikanistische Feststellung? Waren linke Internationalisten wie Theodor W. Adorno oder Max Horkheimer Antiamerikanisten, weil ihrer Meinung nach von Amerika eine auf Europa übergreifende Dynamik ausging, die langfristig das soziale und kulturelle Leben total den Gesetzen der Ökonomie unterwerfen würde? Behielten sie nicht zumindest teilweise Recht? Viele kritisch denkende Amerikaner bejahen das. Sie trauern über den Zustand ihres geliebten Landes (anders als hier ist dort auch die Protestkultur patriotisch). Antiamerikanisten?

Ich betrachte als meine geistigen Verbündeten in den USA immer noch, wie als junger Mensch, die Vertreter des »anderen Amerika«, nämlich der seit 9/11 fast zum Erliegen gekommenen Bürgerrechts- und Friedensbewegung. Meine Haltung zu Russland ist dieselbe, nur damit keine Missverständnisse aufkommen. Ich sympathisiere mit den dort drangsalierten sozialen Bewegungen, nicht mit der Regierung (auch nicht mit Ganoven wie Chodorkowsky). Macht mich meine Ablehnung des Putin-Regimes zum Anti-Russisten?

Ähnlich vertrackt ist die Sache mit den Verschwörungstheorien. Ich traue gewiss keinen Schriften des

Kopp-Verlags, verabscheue Postillen wie Raum&Zeit (esoterisch-rechtslastiges Verschwörungsgeraune), Tumult (reaktionär-neukonservatives Hetzblatt auf hohem intellektuellem Niveau) oder Compact (das »Querfront«-Zentralorgan) und finde es zum Gähnen, wenn jemand immer und überall finstere Mächte bzw. korrupte Eliten am Werk sieht, die »unser Land« sehenden Auges ruinieren.  Andererseits purzelt das Wort Verschwörungstheorie reflexhaft aus vielen Leuten heraus, sobald man äußert, die breite Öffentlichkeit werde nicht immer zutreffend oder hinreichend über Hintergründe des Weltgeschehens  informiert. Und daran kann nun wirklich kein Zweifel bestehen.

Jaecker betreibt ein wenig Komplexitätsreduktion, indem er den Eindruck erweckt, die Informationslandschaft bestehe nur aus Mainstream-Medien und obskuren Machwerken. Skeptischer, politisch unbequemer, gegebenenfalls auch frontal mit den Mächtigen sich anlegender Journalismus findet auf der großen Bühne tatsächlich kaum mehr statt (in diese Bresche ist das  Kabarett gesprungen). Aber es gibt kleine Publikationsorgane, die sich wohltuend vom konformistischen Einheitsbrei abheben und andererseits nichts zu tun haben mit dem pseudo-aufklärerischen Geschwurbel in der Tradition des Bestsellers »Die Insider« von Gary Allen, der in den 70ern wie ein Tsunami über die alternativen Milieus hereinbrach, manchen Linksgrün-Gestrickten aufs braune Glatteis führte und auch unter Anthroposophen viel Beifall fand. Seriöse Fundamentalkritik (oh ja, das gibt es) von reaktionären Umtrieben (ich denke z.B. an Gerhard Wisnewskis Jahrbücher »Verschwiegen – Vertuscht – Vergessen«) zu unterscheiden, ist für Ungeübte nicht ganz leicht, aber wer auf ein paar Dinge achtet, findet mit der Zeit schon durch. Maskierte neurechte Propaganda ist gegenwärtig die größte Gefahr. Sie verrät sich durch nationalistische, antisemitische oder fremdenfeindliche, neuerdings vor allem islamophobische Untertöne wie auch durch den häufigen Gebrauch von Wendungen wie »Gutmensch«, »politisch korrekte Tugendwächter«, »Denkverbote«, »Man wird doch wohl noch sagen dürfen« etc. in Verlautbarungen, die ansonsten überaus rebellisch, investigativ, sozial engagiert und friedensbewegt klingen. Marine Le Pen exerziert das in Frankreich mit großem Erfolg vor und hat auf diese Weise viele gutgläubige junge Leute zum Front National herübergezogen. Der »gemäßigte« Flügel des AfD-PEGIDA-Spektrums  orientiert sich an ihr. Demgegenüber ist unverhohlenes rechtsradikales Gebrüll eigentlich harmlos.

Manches Brauchbare findet sich im linken Nischenjournalismus. Die undogmatische Linke hatte schon immer den Vorzug analytischer Brillanz und den Nachteil, keine brauchbaren Alternativen aufzeigen zu können. Leider setzt sie stereotyp auf zentralstaatliche Regulierung, krankt historisch an der Unfähigkeit, individuelle Freiheit zu denken und frönt zu großen Teilen einem bornierten weltanschaulichen Materialismus, doch ihre treffsichere Kapitalismuskritik imponiert und ihre politischen Einschätzungen haben sich auffallend oft als richtig erwiesen.

Ein paar garantiert Verschwörungstheorie-unverdächtige Empfehlungen für Leute, die bezweifeln, ob sie von den Leitmedien wirklich gut informiert werden und lieber Papier in der Hand haben als auf Bildschirme zu starren: Lest als Ergänzung zur opportunistischen alten Tante ZEIT den Freitag (wöchentlich), als Ergänzung zum windigen Spiegel das Nachrichtenmagazin Hintergrund (vierteljährlich), greift gelegentlich zur wackeren Graswurzel-Revolution (monatlich) und zur vortrefflich wertkonservativen Gazette (vierteljährlich), gönnt euch ferner le mond diplomatique (monatlich), die Blätter für deutsche und internationale Politik (monatlich), lunapark (vierteljährlich) und – keine Berührungsängste! – das Neue Deutschland (täglich). Hinweise auf gute kritische Bücher findet man in diesen Zeitschriften.

Ein Wort noch zu 9/11. Ich habe die kontroverse Literatur durchgearbeitet, soweit sie mir seriös erschien, und mein Fazit lautet, dass wir nicht wissen, was damals wirklich passiert ist. Weder die Skeptiker noch die Gutgläubigen sollten sich allzu weit aus dem Fenster lehnen. Uns bleibt nichts anderes, als weiterhin abwartend über dem offenen Fall zu kreisen.

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