Kultus vertiefen

Von Markus Sommer, Dezember 2014

Immer wieder erschließen sich neue Aspekte, nie ist man mit ihnen »fertig« geworden. Oft möchte man sich aber noch einmal in sie vertiefen. Ganz besonders bei den Worten, die nur selten erklingen oder gar wie die der ersten beiden Weihnachtshandlungen nur ein einziges Mal im Jahreslauf.

Es gab schon das Büchlein von Hans Werner Schröder zu den Episteln, das hilft, sich wieder an die Gebete zu erinnern und natürlich weiß man, dass die Texte schon lange veröffentlicht sind – sogar im Internet. Wie schön aber ist es, dass die Gebetsworte mit dem Buch »Im Herzland« nun von jemandem zur Verfügung gestellt werden, der sie seit Jahrzehnten im Kultus gesprochen hat, in sich lebendig werden ließ und sie hier mit dem Umraum von Hinführungen und Gedanken verbindet, der ihrer Würde entspricht und zum weiteren Nach-Denken ermuntert.

Ausgedehnte Hinweise zu ihren Bezügen zum Werk Rudolf Steiners erleichtern eine anthroposophische Vertiefung. Durch die Beschäftigung mit dem gelesenen und bedachten Text vertieft sich die Möglichkeit der Kultteilnahme in besonderer Weise. Skrupel, ob es denn richtig sei, dass nicht nur ein Priester über diese Texte verfügt, verfliegen. Es hat ja Zeiten gegeben, wo auch die Evangelien Priestern vorbehalten waren, und es ist nicht lange her, dass Kultus in der Landessprache gehalten wird. Wie viel religiöse Vertiefung, wie viel individualisierte Geistigkeit aber ist dadurch möglich geworden.

Das Buch ermöglicht denkende Auseinandersetzung mit dem Text und ein meditatives Sich-Hineinleben. All das ist nicht vollzogener Kultus, er geschieht in Gemeinschaft und das Bedürfnis nach ihm wächst nur durch das, was das Buch geistig ermöglicht.

Denn es gilt für die Religionen, was David Kermani schrieb, dass sie wirksam sind »durch die Ausstrahlung ihrer Träger, die Poesie ihrer Texte, die Anziehung ihrer Klänge, Formen, Rituale, ja ihrer Räume, Farben, Gerüche. […] Die Vorgänge, die ihre Praxis ausmachen, sind keine Lehrveranstaltungen, vielmehr Ereignisse, die den Gläubigen physisch nicht weniger als geistig bewegen«.

Das kann kein Buch und doch steht am Anfang die geistige Bewegung und diese kann durch »Im Herzland« vielfältig angeregt werden. Weitere Schichten unseres Wesens können im real vollzogenen Kultus umso tiefer berührt und verwandelt werden.

Günther Dellbrügger: Im Herzland. Zur Esoterik des christlichen Jahres, geb., 253 S., EUR 19,90, Verlag Urachhaus, Stuttgart 2014

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