Lehrerkonferenzen in neuer Ausgabe

Von Tomaš Zdrážil, Dezember 2019

Die Konferenzgespräche, die zwischen Rudolf Steiner und dem Lehrerkollegium der ersten Waldorfschule geführt wurden, sind jener Teil seines pädagogischen Werkes, der die stärkste pädagogische Unmittelbarkeit und eine unnachahmliche geistige Frische atmet. Nun sind sie wesentlich überarbeitet und ergänzt neu erschienen. Die Waldorflehrer bekommen damit eine Handreichung von herausragender Qualität.

In den Konferenzen wird der volle und breite Strom der Bildungsthemen befahren, der im vorbereitenden Lehrerkurs zu fließen begann. Man denke zum Beispiel an die menschenkundlichen Ausführungen über die »groß-« und »kleinköpfigen« Kinder, die nahtlos an die Darstellung der Gedächtnis- und Phantasiekinder aus dem 11. Vortrag der Allgemeinen Menschenkunde anschließen. Oder die vertiefenden Hinweise zu den kindlichen Temperamenten aus den Seminarbesprechungen im Zusammenhang mit den Sinnesorganen und den Tierkreiszeichen.

Methodisch wird beispielsweise der ganze freie Religionsunterricht der Unter- und Mittelstufe ausgeführt. Ähnlich das Turnen. Oder die direkte Fortführung der Angaben aus dem 9. Vortrag des Methodisch-Didaktischen zum Sprachunterricht in der Konferenz vom 2. Juni 1924. In den Konferenzen wird vor allem auch Jahr für Jahr der gesamte Lehrplan aller Oberstufenklassen entwickelt.

Doch unentwegt gehen die Gespräche thematisch über den Vorbereitungskurs hinaus. Die ersten Lehrer hatten vornehmlich bei den Konferenzen Gelegenheit, Steiner ihre Fragen zu stellen, ihre Probleme zu schildern, über ihre Erfahrungen zu berichten und über ihre Schüler zu beraten. Steiner analysierte den Unterrichtsstil der Lehrer und machte konkrete Verbesserungsvorschläge. Während die meisten Schüler, die zahlreich besprochen werden, in der neuen Edition der Konferenzen immer noch anonymisiert sind, erscheinen die Lehrer mit vollen Namen. Dadurch kann man zum Beispiel studieren, wie sich Steiners Einschätzung der Unterrichtsqualität einzelner Lehrer durchaus ändern konnte. Während er zum Beispiel Walter J. Stein am Ende des ersten Schuljahres für seinen Unterricht gelobt hat, schildert er am Anfang des vierten Jahres seine Entwicklung zum Schlechteren und spricht sehr kritisch (»Sie sind lässig geworden und schlapp, und so ermüden Sie die Kinder.«), so dass Stein sogar seine Stelle zur Disposition stellt. Die anfangs etwas verzweifelte Caroline von Heydebrand ermahnt er im ersten Schuljahr ihre große Klasse »als Chor zu behandeln«, auf die Witze der Klasse immer einzugehen »und zwar mit Humor«, »Ihr Stimmchen« ein bisschen zu schulen, nicht zu »piepsen beim Schreien« oder der Klasse »freier gegenüberzutreten«. Vier Jahre später lobt er sie und schildert den Eindruck, den sie als Vortragende in den Zuhörern hinterlässt: »Von so jemandem möchte ich meine Kinder unterrichtet haben.« Erst durch die Namensnennungen lässt sich in den neu aufgenommenen Übersichten gut sehen, wer was wirklich unterrichtete.

Man kann in diesen Gesprächen den Menschen Rudolf Steiner erleben und eine neue Beziehung zu ihm aufbauen – anders als durch sein Vortragswerk und seine Bücher. Er besitzt in den Gesprächen eine selbstverständliche Autorität und Souveränität. Aber er freut sich auch und macht Witze, ist empört und zornig. Er lässt sich viel berichten und hört zu. Manchmal muss er auch heftige Konflikte schlichten, manchmal schwierige Entscheidungsprozesse führen.

Die Konferenzgespräche finden in einem Kontext statt, der vom Leser in einer aktiven inneren Mitarbeit rekonstruiert werden muss. Sie haben nicht den klaren geformten inneren Aufbau der Vorträge. Dadurch steigt er intensiver in das pädagogische und schulische Kerngeschehen ein. Anhand der historischen Situationen und Bilder entsteht für den Leser als Essenz die Fähigkeit, sich selbst in realen pädagogischen Situationen des Alltags zu orientieren. Die neue Edition der Konferenzen ist gerade an dieser Stelle eine Hilfe. So bereichern sie nicht nur das Wissen, sondern ihre aktive Lektüre bildet pädagogische Fähigkeiten. Es gilt hier, was Steiner allgemein über die Pädagogische Konferenz sagt: »Diese Schulkonferenzen sind eigentlich die fortlaufende lebendige Hochschule für das Lehrerkollegium. Sie sind das fortdauernde Seminar.«

Die beiden Herausgeber Christof Wiechert und Andrea Leubin haben das Textkorpus fast um 350 Seiten erweitert, trotzdem bleibt es bei den gewohnten drei Bänden. Den einzelnen Schuljahren und den meisten Konferenzen haben sie jeweils knappe, aber essentielle Einführungen vorangestellt, die den zeitlichen Kontext zeigen, einen Überblick über den Inhalt geben und bestimmte Fokussierungen vornehmen. Auch in den Einleitungen wird die wichtigste Qualität der konkreten lebendigen Pädagogik spürbar. Darin liegt offensichtlich eine bewusste Schwerpunktsetzung gegenüber anderen Themenkomplexen wie der Beziehung zu staatlichen Schulbehörden, zur anthroposophischen Gesellschaft oder zu den Bemühungen um einen dreigegliederten sozialen Organismus. 

Die alten, aber wertvollen Einleitungen zu den Schuljahren von Erich Gabert wurden beibehalten und in den Anhang aufgenommen. Die Konferenzen wurden durchnummeriert, was eine neue Orientierung ermöglicht. In den Text wurden einige wesentliche Dokumente aufgenommen. Die Hinweise am Ende der Bände wurden ergänzt. Das Namenverzeichnis wurde aus dem allgemeinen Stichwortregister herausgefiltert und umfasst nun ganze fünfzehn Seiten.

Kein Leser sollte sich das schöne Geleitwort von Christof Wiechert entgehen lassen, das mit den Worten schließt: »Wer diese Konferenzen liest, wird gewahr, dass in diesen Jahren etwas gesät wurde, dessen Früchte wir heute nutzen. Die Bäume, die diese Früchte tragen, brauchen aber Pflege, damit sie fruchttragend bleiben.«

Rudolf Steiner: Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule 1919 bis 1924, 1347 S., 3 Bde., EUR 148,–, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2019

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