Lernen – Impulskraft des Lebens

Von Robert Hell, März 2011

Das Südbayerische Seminar für Waldorfpädagogik und Erwachsenenbildung ist mit seinem Wirkenszeitraum von 20 Jahren eines der jüngeren Mitglieder der Gemeinschaft der Lehrerseminare in Deutschland. Mit ihnen teilt es die Hauptanliegen im Rahmen der Waldorfpädagogik, und gleichzeitig ist es geprägt durch Faktoren, die im Folgenden kurz dargestellt werden sollen.

Foto: Charlotte Fischer

Es handelt sich dabei um

  • Vernetzung und Integration
  • Lernen als zentrales Lebensmerkmal
  • grundsätzliche Ausrichtung auf die pädagogische Praxis

Diese Faktoren sind interdependent in dem Sinne, dass sie einander bedingen und stützen.

Vernetzung und Integration

Der Faktor Vernetzung und Integration wurde dem Seminar schon in die Wiege gelegt, als es 1990 von den damals sieben südbayerischen Waldorfschulen ins Leben gerufen und dann von einem Kollegium, das sich aus Lehrern aus eben diesen Schulen zusammensetzte, getragen wurde. Durch die Integration einer Erzieherausbildung sieben Jahre später – immer noch einmalig in der waldorfpädagogischen Bildungslandschaft – wurde dieser Vernetzungsansatz auch auf die Kindergartenbewegung ausgedehnt.

Dabei sind wir nicht stehen geblieben. Unter dem Dach des Seminars bauen wir gerade eine Fortbildung für Kleinkindbetreuerinnen auf, nachdem wir seit letztem Schuljahr in Zusammenarbeit mit den heilpädagogischen Schulen in München und Augsburg Weiterbildungen im Bereich der Heilpädagogik anbieten. Als weiteres wichtiges zukünftiges Arbeitsfeld betrachten wir den Bereich Elternarbeit und Elternschulung.

Wir sind als Einrichtung nicht isoliert. Im Gegenteil. Zusammen mit den Seminaren in Nürnberg und Würzburg haben wir den Ausbildungsverbund Bayern gegründet; dieser soll die Zusammenarbeit stärken und den Boden bereiten für einen möglichen intensiveren Zusammenschluss.

Als Einrichtung sind wir vertreten in der Seminardelegiertenkonferenz der deutschen Vereinigung der Waldorfkindergärten, in den Vertreterversammlungen der Landesregion Bayern der Kindergärten, in der Landesarbeitsgemeinschaft Bayern der Waldorfschulen und in der Seminarkonferenz des Bundes der Waldorfschulen. Kaum entwickelt ist allerdings die Anbindung an nicht-waldorfpädagogische Bildungseinrichtungen. Hier ist noch einiges nachzuholen.

Wie im folgenden deutlich werden wird, verwirklichen wir Vernetzung und Integration – selbstverständlich neben den notwendigen Differenzierungen – auch in unserem Ausbildungsangebot.

Lernen als zentrales Lebensmerkmal

Nachdem ein vorangehendes berufsbegleitendes Lehrerseminar in München 1989 zu Ende gegangen war, haben vier initiative Lehrer das Südbayerische Seminar in einem zweijährigen Schmiedeprozess gleichsam auf der grünen Wiese konzipiert, bevor es seine Pforten öffnen konnte. Diese Haltung des gemeinsamen Ringens um Qualitätsentwicklung und -erhalt hat uns nie wirklich verlassen. Wir pflegen seit Beginn unserer Tätigkeit regelmäßige Evaluationen in einem einmal im Jahr stattfindenden mehrtägigen Retreat; in die auch die Rückmeldungen der Studenten mit einfließen. Hier vereinbaren wir die Neuimpulse, die wir umsetzen und pflegen wollen. Regelmäßige Seminarkonferenzen, zu denen wir uns einmal monatlich treffen und die auch Austausch- und Weiterbildungsfunktion haben, unterstützen uns dabei.

Wir verstehen uns als lernende Organisation und wir sind ständig irgendwo am Bauen oder Umbauen. Lebendig eben.

Lernen als Impulskraft des Lebens durchzieht auch die Kursprogramme. Angeleitet und angeregt in den Anfangsjahren durch Coenraad van Houten, sehen wir in den Kursteilnehmern den lernenden Erwachsenen, der aus seinem geweckten Lernwillen und seiner Selbstverantwortung für sein Schicksal heraus seine Lernimpulse ergreift und umsetzt. Aus dieser Haltung heraus haben wir eine sogenannte Impulsausbildung geschaffen, welche so gestaltet ist, dass den Teilnehmern gerade dieses ermöglicht wird: In den ersten beiden der drei Seminarjahre finden mit Ausnahme einiger Wochenenden nur an einem verlängerten Abend in der Woche Kurse statt, so dass das Gehörte und Erlebte dann individuell im Alltag durchdrungen, geprüft, kurz: verdaut werden kann. Lernen als Erwachsener ist ein hochindividueller Prozess, den wir als Kursleiter nur stärken und begleiten können. Und der gleichzeitig gestärkt und begleitet wird durch die Gruppe der Mitstudenten, die hier zu einer Lerngemeinschaft zusammenwachsen.

Im ersten Kursjahr begegnen die Teilnehmer der Anthroposophie der Grundlage der Waldorfpädagogik in einem aktiven Prozess des Dialogs und der Auseinandersetzung mit den Inhalten, mit sich und ihren mitgebrachten Ideen und Vorstellungen und mit denen der anderen. Dieser Prozess wird unterstützt durch die Bewegungskünste Eurythmie und Bothmergymnastik und durch Wochenenden mit künstlerischen, philosophischen und geschichtlichen Schwerpunktsetzungen, sowie durch Kurse, in denen Weltbegegnung geübt werden kann: die Auseinandersetzung mit der projektiven Geometrie, der Pflanzenwelt und der eigenen Biographie. Lernen ist immer Begegnung.

Im zweiten Kursjahr wenden sich die Teilnehmer nun der Pädagogik zu in Form eines Überblicks über die Menschkunde und die Methodik-Didaktik vom Kleinkind bis zum jungen Erwachsenen. Nachdem im ersten Kursjahr Lehrer und Erzieher weitestgehend gemeinsam gearbeitet haben, findet hier nun die notwendige Differenzierung statt. Im Gruppenprozess fällt diese vielen Teilnehmern schwer – so vertraut sind sich Menschen (Lehrer und Erzieher) auf dem gemeinsamen – weithin unüblichen – Lernweg geworden. Begleitet und unterstützt wird diese Arbeit durchgängig durch Musik und zahlreiche Schwerpunktwochenenden.

Das dritte Kursjahr gleicht den ersten beiden in seinem seminaristischen Aufbau (wobei Lehrer und Erzieher wieder weit möglichst zusammengeführt werden), wird aber zum Vollzeitkurs dadurch, dass die Kursteilnehmer nun verbindlich ein Jahr lang erst hospitieren, dann selbst unterrichtend bzw. pädagogisch arbeitend in die Praxis an Schulen oder Kindergärten gehen. Da jeder unterschiedliche berufsbiographische Voraussetzungen und entsprechende Lernbedürfnisse mitbringt, wird die Praxisausbildung für jeden Teilnehmer quasi maßgeschneidert. Diese Lernschritte in die und in der Praxis – und es sind die entscheidendsten – werden unterstützt und begleitet durch einen Mentor, sprich: Fachausbilder, an der Schule und durch die Praxisbegleiter, die von Seminarseite die selbstverantworteten Unterrichte besuchen und ausführlich nach besprechen, so dass Ansätze für die Weiterentwicklung daraus erwachsen können. Begleitet, supervidiert und inhaltlich unterfüttert werden die Praxiserfahrungen im Rahmen des Abendkurses unter den Themen »Kinderbetrachtung«, »Praxisreflexion und Fragen zu Selbstverwaltung«, »Menschenkunde« und »Vertiefung der Anthroposophie/Schulungsweg«. Künstlerisch wird an der Sprache und am Portraitmalen gearbeitet. Als den Lernprozess stärkend und beglückend wird auch hier eine horizontale und vertikale Integration der Kurselemente erlebt und der gemeinsame Rückblick am Ende des Kursabends.

Zu nennen sind hier noch die Abschlussarbeit, für welche die Teilnehmer sich ein Schwerpunktthema aus ihrem Lernweg frei wählen, und der Kursabschluss, der von der Gesamtheit der Kursgruppe vorbereitet und durchgeführt wird. Diesem Wir-Pol steht ein Ich-Pol gegenüber, insofern als jeder Teilnehmer auch einen – meist künstlerisch gegriffenen – Einzelbeitrag dem Ganzen hinzufügt.

Eine Abschlussprüfung wird durch die intensive und individuelle Begleitung, die wir den Menschen an unserem Seminar zuteil werden lassen, überflüssig: Die pädagogische Eignung und Befähigung können wir am Ende der Ausbildung ohne großen Aufwand feststellen. Und, wenn diese nicht vorhanden ist oder (noch) nicht erworben wurde, kann dies nachvollziehbar vermittelt werden. 

Grundsätzliche Ausrichtung auf die pädagogische Praxis

Auch wenn die Abschlussarbeit akademischen Anforderungen genügen muss, ist die Ausbildung am Südbayerischen Seminar grundsätzlich auf das praktische pädagogische Wirken hin ausgerichtet. Dies wurde schon hinlänglich deutlich in der Charakterisierung des dritten Ausbildungsjahres; auch die Fragestellungen der vorangehenden Kursjahre orientieren sich an der pädagogischen Praxis im Kindergarten und an der Schule. Fragen erwachen an der Lebenspraxis und werden in der Lebenspraxis beantwortet.

Die grundsätzliche Ausrichtung auf die pädagogische Praxis wird jedoch in besonderem Maße verwirklicht in den Einarbeitungsmaßnahmen im Rahmen des Modells für Berufseinsteiger (MfB) für Waldorflehrer. Nicht jede Persönlichkeit, die ihre Tätigkeit an einer Waldorfschule aufnimmt, hat eine Seminarausbildung oder kann diese unmittelbar aufgreifen. Ein pragmatische Lösung ist die Einarbeitung vor Ort meist im ersten Jahr der Anstellung durch einen Coach aus dem Sübdbayerischen Seminar in Zusammenarbeit mit einem Mentor vor Ort. Dieses Coaching ersetzt nicht die Ausbildung am Seminar oder eine zentrale Fach- oder Klassenlehrerfortbildung, bereitet diese aber vor oder ergänzt sie.

Hier bewährt sich die Vernetzung des Südbayerischen Seminars mit den Schulen der Region und in ganz Bayern. Darüber hinaus wird durch dieses Einarbeitungsmodell das Bewusstsein der Schulen für die Notwendigkeit einer angemessenen Einarbeitung und – Fortbildung der Lehrer gestärkt. Das Bewusstsein, dass Lernen eine Impulskraft des Lebens ist. Und welcher Ort ist besser geeignet, dieses Bewusstsein zu leben und zu pflegen, als Schulen?

Genauere Angaben zum Südbayerischen Seminar für Waldorfpädagogik und Erwachsenenbildung unter: www.waldorfseminar-muenchen.de

Zum Autor:

Robert Hell ist Kursleiter und Praxisausbilder am Südbayerischen Seminar und arbeitet freiberuflich als Entwicklungsberater und Mediator.

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