Lernen und Arbeiten – Die Taxonomie der Freiheit

Von Peter Schneider, September 2021

»Das deutsche Sortiersystem … in unterschiedlich angesehene Bildungs- und Berufswege ist eine bekannte, absurde und im Ausland endlos bestaunte ... Spezialität. Wir haben uns an sie gewöhnt, ebenso wie an die immer wiederkehrenden Nachweise der mit ihr verbundenen harten Reproduktion sozialer Ungleichheit. Dies wird durch Corona noch massiv verstärkt«, so Wolfgang Streeck vom Max Plank Institut für Gesellschaftsforschung in der FAZ vom 31.5.2021.

Was tun? Das vorliegende Buch hat darauf eine klare Antwort: Eine soziale Gesamtschule für alle Schichten, eine pädagogische Einheitsschule für die gleichwertige Förderung von Kopf, Herz und Hand und eine Schule, in der Arbeit als Tun für Andere bis hin zu einer exemplarischen Berufsausbildung gelernt wird. Die Verfasser zeigen, wie diese Schule die Individualität in ihrer Einzigartigkeit und dadurch auch die Vielfalt der sozialen Gemeinschaft verwirklicht. Denn das Herausfallen von Arbeit und Beruf aus der allgemeinen Menschenbildung ist das größte Defizit des gesellschaftlichen Bildungswesens der letzten 500 Jahre. Wenn Arbeit und Beruf heute wieder als »zentrale vertikale und horizontale Resonanzachse« (Hartmut Rosa) verstanden werden, muss eine Schule, die auf das Leben vorbereitet, exemplarisch dafür (aus)bilden. Damit wird der aus dem deutschen Idealismus stammende und damals revolutionäre Begriff der »Allgemeinbildung« (Wilhelm von Humboldt) vom Kopf auf die Füße gestellt.

Auf der Grundlage des in Modellversuchen langjährig erprobten praktisch-beruflichen Bildungsweges (Kap. 1), seiner empirisch überprüften Validierung an ehe­maligen Absolventen (Kap. 2) und eines dynamischen Bildungsbegriffes (Kap. 3) wird das alles nachvollziehbar, konkret und direkt umsetzbar beschrieben – damit könnte sofort begonnen werden. Eine solche Schule ist als offene und gesellschaftlich vernetzte »Entwicklungswerkstatt« angelegt. Es soll erfahren und gestaltet werden, was die jungen Menschen uns als neue Impulse und Möglichkeiten entgegentragen – und dafür soll ihnen durch »Lernen und Arbeiten« und in einer »Organisation der Freiheit« ein geeignetes Übungsfeld gegeben werden.

Die Schule ist der Ort, an dem sich das vorbereitet und hier fällt die Entscheidung, ob es gelingt, ein verjüngendes Denken und Handeln in eine alternde Gesellschaft einzupflanzen. Damit gehört das Buch nicht nur in jede Waldorfschule, sondern auch in die öffentliche Diskussion zur Weiterentwicklung des Schul- und Bildungswesens.

Klaus-Peter Freitag, Wilfried Gabriel, Jürgen Peters (Hrsg.): Fürs Leben gelernt – Die berufsbildende Waldorfschule, geb., 162 S., EUR 34,95, Peter Lang GmbH, Berlin 2020

Folgen