Der Stoffwechsel lässt sich nur mit dem Geistesleben vergleichen

Von Andreas Schurak, September 2014

Zum Editorial »Anschlussbedarf« in »Erziehungskunst«, Mai 2014.

Mathias Maurer schreibt: »Im ›Stoffwechsel‹, in der Erzeugung, Verteilung und im Verbrauch von Gütern, im Wirtschaftleben unserer Gesellschaft lebt Brüderlichkeit – selten verbrauchen wir das, was wir erzeugt haben« und setzt fast nebenbei den Stoffwechsel des einzelnen Organismus mit dem Wirtschaftsleben des sozialen Organismus gleich. Nach Rudolf Steiner ist jedoch nur der Kopf- oder Nervenpol des menschlichen Organismus mit dem Wirtschaftspol des sozialen Organismus, das rhythmische System mit der Rechtssphäre und das Stoffwechselleben mit dem Geistesleben vergleichbar. In einem Vortrag vom 5. Februar 1919 in Zürich führt er dazu aus: »Dasjenige System, das im Menschen als das gröbste, als das eigentlich Stoffliche angesehen wird, eben das Stoffwechselsystem, das würde ein bloßes Analogiespiel wahrscheinlich vergleichen mit dem, was man nennt das grobe, materielle Wirtschaftsleben.« In Wirklichkeit, so Steiner, verhält es sich genau andersherum: »Für den sozialen Organismus liegen gegenüber der wirtschaftlichen Produktion und Konsumtion, gegenüber der wirtschaftlichen Warenzirkulation so die Gesetze dem Leben zugrunde, wie im menschlichen natürlichen Organismus Gesetze zugrunde liegen seinem Nerven- und Sinnesleben, gerade seinem Geistsystem.«

Der Grund für diese Zuordnung liegt darin, dass das Wesentliche am Stoffwechselgeschehen der aufbauende Prozess, der Lebensprozess ist, der sich auch im Geistesleben findet: Aus dem Geistesleben belebt sich der soziale Organismus, erneuert er sich. Würden keine neuen Schüler ausgebildet, ließe man sie gleich arbeiten, würde das gesellschaftliche Leben bald verdorren und veröden. An den Bau einer Eisenbahnbrücke wäre zum Beispiel nicht zu denken. Es handelt sich um verwandeltes, metamorphosiertes Geistesleben, das dabei zum Tragen kommt. Ganz anders verhält es sich in der heutigen arbeitsteiligen Wirtschaft, in der jeder (der kann) seinen Beitrag für die anderen Menschen leisten soll.

Wie im Menschen nur Bewusstsein entsteht, wenn in den Nerven lebendige Substanz zerstört wird, so dass Seelisch-Geistiges hindurch kann, so ist auch die Wirtschaft in Bezug auf den sozialen Organismus etwas, was das höhere Leben tötet, indem es den vollen Menschen in Richtung Bedürfnis und Befriedigung treibt. Ein Überhandnehmen des wirtschaftlichen Pols verschleißt die Menschen, zerstört die Freiheit zugunsten von Nützlichkeit. Man denke an die Fabriken in China, in denen Menschen wie Sklaven gehalten werden, weil sie für den Weltmarkt billig produzieren sollen. Oder an Manager, die nicht mehr vollmenschlich agieren können, weil die Quartalszahlen stimmen müssen. Dennoch ist dieser für den sozialen Organismus zerstörerische Prozess in einem gesunden Maße nötig, um die elementaren Bedürfnisse wie Nahrung oder Kleidung und die höheren materiellen Bedürfnisse der Einzelmenschen zu befriedigen. Nur so kann Brüderlichkeit erübt werden. Aber in Bezug auf den sozialen Organismus kommen durch die Wirtschaft keine jungen, aufbauenden Kräfte hinzu, wie das bei der Bereicherung durch ein fähigkeitsbildendes Geistesleben der Fall ist. Die heutigen Defizite rühren daher, dass zu wenig Verjüngendes aus dem Geistesleben in den sozialen Organismus einströmt und die überlieferten (geistigen) Formen nicht mehr tragen. ‹›

Zum Autor: Andreas Schurack ist Mitglied des Instituts für soziale Dreigliederung in Berlin Literatur: Johannes Mosmann: Rudolf Steiner – Wirtschaft und soziale Dreigliederung im Lehrplan der Waldorfschule, Institut für soziale Dreigliederung, Berlin 2013

Link zur vollen Textfassung: www.dreigliederung.de/essays/2014-07-001.html

Eine Frage der Perspektive

Eine Antwort

Das Editorial stellt schlichte menschenkundlich-soziale Beziehungen her, die den Ausführungen von Andreas Schurack nicht widersprechen müssen. Ich kenne natürlich Steiners Texte dazu, nehme allerdings eine andere Perspektive ein. Ohne das Denken ist kein Geistes- und Kulturleben denkbar. Sozial (Geistesleben) und physisch-organisch (Gehirn/Denken) tritt es sowohl als »Verbraucher« als auch »Lieferant« in Erscheinung, doch nur im Denken auf der Grundlage unseres Nerven-Sinnes-Systems erfahren wir uns als Freiheitswesen, das sich in einem »freien Geistesleben« aufgehoben weiß. Und im Wirtschaftsleben kann man insofern eine Beziehung zum menschlichen Stoffwechsel herstellen, als im sozialen Organismus ebenso ausgetauscht und umverteilt wird, wie andererseits ein tief unbewusster brüderlicher Wille in jedem einzelnen Menschen lebt, der über den unterstellten elementaren »niedrigen« Selbsterhalt des Ego-Wirtschaftens, über das eigene Bedürfnis und seine Befriedigung weit hinaus geht und dessen »Taten« das Wirtschaftsleben geistig und kulturell zu beleben vermögen.

Mathias Maurer

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