Die Fremdsprachen gehören auf den Prüfstand

Von Elke Hellstern, April 2013

Leserbrief zu »Endlich mal zur Sache kommen – Elternfragen zum Fremdsprachenunterricht« (»Erziehungskunst«, November 2012)

Unser jüngster Sohn ist seit Sommer 2010 auf der Waldorfschule, derzeit in Klasse 8. Er hat seit dreieinhalb Jahren Französischunterricht, davon zweieinhalb Jahre nach der Waldorfpädagogik. Da er vorher auf einer internationalen Schule im Ausland war, hat er in Englisch beinahe das Niveau eines »native speakers«, allerdings mit großen Lücken in Grammatik und Rechtschreibung. Unser älterer Sohn geht auf ein staatliches Gymnasium (Klasse 10), insofern habe ich eine gute Vergleichsmöglichkeit.

Mein Mann und ich arbeiten im internationalen Umfeld, wir halten die ausgezeichnete Beherrschung von Fremdsprachen in Wort und Schrift für außerordentlich wichtig in unserer globalisierten Welt.

Das Thema Fremdsprachenunterricht an der Waldorfschule beschäftigt mich sehr und der o.g. Artikel hat mich verärgert. Es sollte auf einer Weltlehrertagung für Fremdsprachen nicht darum gehen, Lehrer zu schulen, wie sie mit aufgebrachten Eltern argumentativ besser umgehen können, sondern wie der Sprachunterricht verbessert werden kann. Denn das ist nach unserer Erfahrung dringend notwendig.

Da ich – den Fremdsprachenunterricht ausgenommen – die Waldorfschule für eine gute Wahl halte, möchte ich gerne zur Diskussion über die Qualität und die Ergebnisse der Sprachpädagogik beitragen.

Die Formulierung – »Gleichzeitig beweisen Tausende von erfolgreichen Berufskarrieren den besonderen Erfolg der Waldorf-Fremdsprachenpädagogik« – halte ich für unehrlich und irreführend. Sicher gibt es viele glänzende Waldorf-Karrieren, auch auf internationalem Parkett, allerdings kann man diese Feststellung nicht auf die hohe Sprachkompetenz, erworben durch die Waldorf-Fremdsprachenpädagogik, zurückführen. Zum Glück spielen da noch andere Fähigkeiten eine Rolle. Mein Eindruck ist, dass vielmehr TROTZ der Waldorf-Pädagogik die meisten Schüler/Schulabgänger noch irgendwie die Sprache lernen, dass sie aber dennoch enorme Probleme haben, sie in Wort und Schrift korrekt zu nutzen. Oft kann nur durch gezielte und langjährige Nachhilfe und Auslandsaufenthalte wieder wettgemacht werden, was in den ersten Jahren versäumt wird.

Unser sprachbegabter jüngerer Sohn ist nach drei Jahren kaum in der Lage, einen korrekten Satz im Präsens in Französisch zu sprechen, geschweige denn in der verneinten Form. Bei allen anderen Zeiten ist er völlig verloren. Durch das unreflektierte Auswendiglernen ganzer Seiten mit verschiedenen Verbformen, die im Unterricht nicht zeitnah geübt werden, wird im Kopf alles durcheinander gewürfelt. Gleichzeitig bleibt das Lesen von zu komplexer Lektüre, die nur halb verstanden wird und nichts mit dem gerade geübten Grammatikstoff zu tun hat, wirkungslos. Die Hoffnung, dass irgendwann »ein Fenster aufgeht« und sich alles zusammenfügt, habe ich nicht. Der Aufbau des Sprachunterrichts erscheint chaotisch und hinterlässt meinen Sohn (und mich) ratlos. Eine (staatliche) Gymnasiallehrerin, die sich Gabriels Können anschaute, bescheinigte ihm den Stand nach einem Jahr Sprachunterricht an der Regelschule.

In Englisch hat er in den zweieinhalb Jahren nichts dazugelernt, sondern eher sein Können wieder verlernt, während sein älterer Bruder auf dem Gymnasium deutliche Fortschritte in Grammatik, Rechtschreibung und Ausdrucksfähigkeit gemacht hat.

Im Lernen aus selbstgeschriebenen Heften (mit vielen Fehlern) und hässlichen, schwarz-weiß kopierten Zetteln kann ich gegenüber den inzwischen wirklich hervorragend gemachten und jugendgemäßen Schulbüchern und Arbeitsheften der Regelschule keinen Vorteil sehen. Sind Kopien Bestandteil der Waldorfpädagogik? Wieso sind die besser, als durchstrukturierte interessante Schul- und Arbeitsbücher, in denen auch noch viel über Land und Leute gelernt wird? Das Schreiben der eigenen Bücher macht Sinn im Hauptunterricht, im Sprachunterricht halte ich es für kontraproduktiv, besonders für Jungs, die nicht immer die ordentlichsten Mitschreiber sind.

Vor kurzem half ich dem Sohn einer Freundin, eine Bewerbung auf Englisch zu schreiben, auch er Waldorfschüler mit ausgezeichnetem Abitur. Die schlechten Englischkenntnisse haben mich schockiert. Er hätte keine Chance, sich auf dieser Grundlage für eine qualifizierte Beschäftigung, auch nicht als Trainee, im internationalen Umfeld zu bewerben.

Ich finde, es ist an der Zeit, dass sich die Waldorfpädagogik ehrlich und unvoreingenommen mit ihrem Fremdsprachenunterricht beschäftigt und eine umfassende, wissenschaftlich objektive Evaluierung ihrer Ergebnisse und Methoden vornimmt. Ausgehen sollte dies von einer Überprüfung der Sprachkenntnisse der Waldorfschüler verschiedener Klassenstufen. Dabei sollte man diese undogmatisch mit der Regelschule und anderen Privatschulen vergleichen. Systematik und Methodik des Unterrichts, die Unterrichtsdidaktik und die Lernmaterialien gehören auf den Prüfstand.

Es wäre also schön, wenn es auf der Weltlehrertagung für Fremdsprachen in Dornach darum ginge, die kritischen Fragen der Eltern ernst zu nehmen. Dazu gehört, die Schwächen und Stärken der Waldorf-Fremdsprachpädagogik objektiv zu analysieren und Ansätze zu definieren, wie der Sprachunterricht verbessert werden kann.

Hierin läge eine große Chance für mehr Qualität, Motivation, Spaß und Erfolg im Fremdsprachenunterricht. Falls es bereits solche Bemühungen gibt, wäre ich dankbar für Informationen.

Dieser Leserbrief bezieht sich auf den Beitrag: »Endlich mal zur Sache kommen ...«

Eine Antwort auf ihn schreibt Siegmund Baldszun hier

Kommentare

Inke , 14.05.13 14:05

Ich danke für diesen Kommentar, er deckt sich mit meinen Beobachtungen und denen meiner Mutter. Meine Mutter war selbst Lehrerin (Regelschule), sie unterstützt mehrere Waldorfkinder im Sprachunterricht und beobachtet ebenso die im Leserbrief angesprochenen Mängel, fehlende Systematik und Methodik. Meine Kinder sind jünger, die Ältere geht in die 2. Klasse und ich beobachte mit Sorge ähnliche Verhältnisse beim Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens. Leider war der Austausch mit den Lehrern nicht besonders fruchtbar. Wir erarbeiteten die notwendigen Grundlagen jetzt zu Hause. Ich denke das ein Austausch mit anderen Lernmethoden die guten Inhalte der Waldorfpädagogik nicht untergräbt. Schließlich hat sich die Schule in den letzten 100 Jahren deutlich entwickelt. Auch Waldorflehrer sollten darüber informiert sein und positive Erkenntnisse in Ihre Arbeit einfließen lassen.Für mich sind die Qualitäten der Waldorfschule deutlich, allerdings würde mich ein offener Austausch weit mehr beeindrucken.

Günther , Hamburg, 02.07.13 18:07

Diese Stellungnahmen kann ich auf Grund meiner Beobachtungen in Hamburg nur bestätigen. Fehlende Methodik sorgt für fehlende Erfolgserlebnisse bei den Schülern. Mir erklärte ein Waldorfschüler nach fünf Jahren Unterricht, als er noch immer nicht in der Lage war, einfachste Dinge zum Ausdruck zu bringen: Eins ist klar: Französisch kann man nicht lernen. HIER IST EINE REFORM DRINGEND ERFORDERLICH. Die fehlende Sprachlehrkompetenz an schadet dem
lobenswertenen pädagogischen Konzept.

Christine , 22.03.17 08:03

Danke für diesen Bericht!
gestern äußerte ich am Elternabend, das die Waldorfschule was Fremdsprachen angeht hinterher hinkt, da ist dem Lehrer die Kinnlade runtergefallen und es wurde gleich abgetan.

Anja Gebauer, 16.10.20 00:10

Es ist mir klar, dass dieses eine sehr späte Reaktion von mir ist. Aber ich glaube, dass das Thema immer noch und auch immer wieder aufkommt und auch schon vor 30 Jahren diskutiert wurde.

Es ist wichtig, sich immer wieder über den besten Erwerb der Fremdsprachen auszutauschen. Ich habe in beiden Schulsystemen Erfahrung als Lehrerin für Deutsch in den USA an einer internationalen französischen Schule und an einer fundierten Waldorfschule sowie als ausgebildete Lehrerin für Kleinkinder und Schulkinder für Deutsch als Fremdsprache im Goethe Institut. Dort sind die neuesten Erkenntnisse zum frühen Spracherwerb und die Umsetzung in die Lehre, den Erkenntnissen und dem Lehren der Fremdsprache dem Ansatz der Waldorfpädagogik sehr ähnlich. Ich habe auch einer Regelschule gesehen, wie der Fremdsprachenerwerb mit auswendig gelernten, seitenlangen Wiedergaben auf vorher exakt gestellte Fragen die Ergebnisse bestimmter Sprachprüfungen positiv beeinflusst, aber keinesfalls die wirkliche Kompetenz in der Sprache wiedergegeben haben. Meinem Sohn wurde in Singapur von der australischen Schule ein Englischniveau eines Nativspeakers bescheinigt, während er in einem renommierten staatlichen Gymnasium mit einer Note 3 bis 4 dahin schlich. Ich habe dem Notensystem geglaubt. Unser Sohn hat 2 Jahre später einen IB in seiner Zweitsprache Englisch hingelegt, das seinesgleichen sucht. Das war definitiv eine Überraschung. Natürlich können wir uns als Eltern immer nur auf unsere Kinder und unsere Erfahrungen mit ihnen und eventuell ihren Freunden oder Verwandten berufen. Häufig suchen wir eher Gleichgesinnte oder Menschen mit ähnlichen Fragen, als dass wir den Austausch mit Menschen suchen, die total anders denken. Ich glaube, das ist einfach menschlich.

Aber deshalb ist es sehr schwer, die Aussagen über Waldorfschulen und staatliche Schulen allgemein zu vergleichen. Es ist sogar fast unmöglich, verschiedene Lehrer in einer Schule zu vergleichen, selbst wenn es dort einen festen Orientierungsrahmen gibt. Die Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit ist sehr wichtig, nicht nur in der Waldorfschule. Die Lehrenden in der Waldorfschule sollen idealerweise ihren Unterricht an die Gegebenheiten und den Entwicklungsstand der Schüler vor ihnen anpassen und daran ausrichten. Jeder wird diesem hohen Anspruch so gerecht, wie er oder sie kann. Es kann sein, dass es für einen Schüler aus unterschiedlichen Gründen besser ist, in einem Schulsystem weiter zu lernen als in einem anderen. Ich bin heute sicher, dass mein Sohn das deutsche Gymnasium verlassen hätte, sicher ohne Abitur. In einem englisch geprägten Umfeld fühlte er sich angeregt, verstanden und unterstützt, aber auch entsprechend gefordert. Ich hätte ihn nicht den Test machen lassen aufgrund der Noten, die er bekommen hatte, aber glücklicherweise hat er ihn dennoch gemacht.

Ich kenne Waldorflehrer, die Englisch unterrichten und deren Schüler Englisch können, oft besser als ihre Kollegen an einer Regelschule. Ich kenne aber auch Lehrer, die meiner Meinung nach, die Waldorfpädagogik insofern missverstehen, dass sie nicht daran denken, dass die Kinder nach der Schule in einer Gesellschaft leben und diese prägen sollen, insofern bestimmte Anforderungen bestehen, denen der Lehrende auch gerecht werden kann im Sinne der Lernenden. Ich kenne ausgezeichnete Lehrer in der Regelschule und Lehrer, die Kopien machen und die schönen Bücher abarbeiten, ohne die Begeisterung für die Sprache und Kultur zu wecken, geschweige denn die Sprache nicht nur als Schulfach zu sehen, in dem man schöne Lückentexte ausfüllt, aber auch kein einziges Wort frei sprechen kann. Manche dieser Bücher sind verwirrend und unübersichtlich. Bilderflut ist für manche anregend für andere ablenkend.

Ich denke, es gibt nicht umsonst unterschiedliche Schulen und Schulsysteme und auch Lehrer. Unsere Vorstellungen, was im Sprachunterricht erreicht werden sollte, haben sich grundlegend weg vom korrekten Wiedergeben hin zum freien Sprechen entwickelt. Um frei sprechen zu können, müssen wir erst einmal imitieren, dann verstehen und wiedergeben, dann selber Sätze bilden, um uns dann idealerweise differenziert ausdrücken zu können. Ich nehme mir die Zeit, um hier zu antworten, da ich den Frust und das Unverständnis verstehen kann. Die Unsicherheit der Eltern, ob sie den Kindern die Zukunft vermasseln oder die richtige Wahl getroffen haben.

Es wäre interessant zu erfahren, was die nächsten Schritte waren und wie die Söhne jetzt da stehen.
Am Schlimmsten an dieser ganzen Sache finde ich den mangelnden Austausch. Insofern bin ich für diesen Impuls dankbar, weil er mich noch einmal über mich als Sprachlehrerin hat nachdenken lassen. Dies ist natürlich meine persönliche, rein subjektive Meinung.

Herzliche Grüße

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