Drittklässler sind zu jung für Harry Potter

Von Elisabeth Platzer, November 2012

In manchen Schulpausen konnte ich verschiedentlich wahrnehmen, dass einige meiner SchülerInnen sich zusammentaten, um zu zaubern; es entstand daraus jedoch nicht, wie gewohnt, ein bewegtes Spiel, sondern die Situation hatte eher Konferenzcharakter mit Besprechungen und Niederschreiben bestimmter Inhalte.
Das ließ mich aufhorchen, denn wenn die Kinder das, was sie beschäftigt, nicht spielerisch umsetzen können, kann das bedeuten, dass es »zu schwer« ist.

Drittklässler sind zu jung für Harry Potter!

Ich konnte schon öfter erleben, was in Kinderseelen geschieht, wenn sie zu früh mit Inhalten konfrontiert werden, die sie noch nicht wirklich aufnehmen können. Unverdaute Inhalte liegen den Kindern schwer im »Magen« und können große Ängste verursachen.

Scheint die Geschichte von Harry Potter nach außen klar und stringent erzählt, so ist sie doch in ihren mannigfaltigen Bezügen in die Vergangenheit und in die verschiedenen Familiengeschichten außerordentlich vielschichtig.
Um das alles seelisch mitvollziehen zu können, muss man schon einigermaßen sicher auf der Erde stehen – Kinder zwischen 8 und 10 Jahren kommen gerade erst auf unserer Erde an! Um diesen Prozess zu begleiten, zu vertiefen und in den Seelen zu verankern, wird in der Waldorfschule ein Haus gebaut, werden Handwerker besucht, wird die Schöpfungsgeschichte erzählt ...

Der Autorin ist es hervorragend gelungen, sprachlich, inhaltlich und in dem, was die innere Entwicklung der Protagonisten angeht, altersmäßig mitzuwachsen; im ersten Band kommt Harry quasi ins Gymnasium – dieser Band ist geeignet für 11jährige, der zweite im Grunde für 12jährige usw.

Wer diese Bücher aufmerksam liest, kann bemerken, dass hier ein Weg beschrieben wird, sich mit dem Bösen auseinanderzusetzen. Auf diesem Weg passieren etliche Irrtümer und Missgeschicke, teils aus Unwissenheit, teils bedingt durch Vorurteile. Teils auch hier altersbedingt, denn der 11jährige nimmt seinen Lehrer noch so, wie er ist und fragt eben nicht nach den Hintergründen seines Handelns!

Noch nicht in der Lage, hier zu unterscheiden, wird ein Neunjähriger einfach Partei ergreifen für »das Gute« und kann ziemlich durcheinanderkommen, wenn sich das Schwarz-Weiß plötzlich auflöst, die Taten eines »Bösewichtes« als Folgen seiner Erlebnisse in einem anderen Licht dastehen; wenn Urteilsvermögen und Intellekt angesprochen werden, die in diesem Alter noch nicht ausgebildete Fähigkeiten sind. Er verliert die Sicherheit, die in einer altersgemäßen Geschichte gegeben ist und Verwirrung oder gar Ängste sind die Folge.

Ein ganz anderer Aspekt ist die mit dem Warten verbundene Spannung und Vorfreude:

Wenn ein Kind weiß, mit 11 darf ich den ersten Band lesen, kann es sich eine ganze Weile freuen...

In der Schule wollen die Kinder auch schon nach Schönau zu den olympischen Spielen – das aber kommt erst in der 5.Klasse; das ist vielleicht schade, aber die Kinder wissen: es wird ganz sicher kommen und es wird aufregend und schön sein! Und sie werden alt genug sein, wenn es soweit ist, auch durchzuhalten und die entsprechenden Übungen auszuführen, das Zeltleben zu genießen etc.

Ich möchte Sie daher bitten, die Lektüre Ihrer Kinder noch ein wenig kindlicher zu halten und stark zu bleiben, wenn sie betteln - die Bücher laufen ihnen nicht davon!

Mit freundlichen Grüßen,

Elisabeth Platzer

Kommentare

Caroline Dr. Sommerfeld-Lethen, Wien, 10.01.13 19:01

Ich bin Mutter von drei Söhnen, 14, 7 und 3 Jahre alt. Im Laufe des Lebens mit ihnen habe ich erfahren, dass es viel weniger vom Alter als vom Fassungsvermögen, von der Sensibilität, Wissbegierde und individuellen Begabung abhängt, welches Buch man als Eltern einem Kind wann vorliest.
Mein Ältester war jahrelang nur für Sachbücher zu haben, ich habe immer mal auch Märchen, Geschichten, Bilderbücher vorgelesen, doch bis auf das Märchen vom "Feuerzeug" von Andersen hat er nur für Sachbücher tiefe Begeisterung gezeigt. So ist er - intellektuell äußerst wach, sehr sozial zugewandt, ironisch, bewegungsfreudig. Das passt zu ihm, solche Bücher zu lieben.
Ganz anders mein Mittlerer: er erlebt Geschichten, Märchen, Sagen sehr tief, und war deswegen schon viel früher als andere Kinder, die ich kenne, auch bereit für komplexere Märchen wie "Die unendliche Geschichte" oder "Narnia" oder nacherzählte Klassiker wie "Robinson Crusoe" oder "Tom Sawyer". Ich merke als Vorlesende sehr klar, wann etwas zu viel wäre, wenn das Kind Desinteresse zeigt, Angst hat oder ständig zwischenfragt. Nichts von dem bei meinem Geschichtenliebhaber - er lauscht ergriffen, spielt oder erzählt die Geschichten nach und erinnert sich oft an Formulierungen oder Details und nutzt sie für eigene sprachliche Vergleiche.
Mein Jüngster ist ein Freund der Wiederholung. So oft muss ein und dasselbe einfache Bilderbuch gelesen werden, dass es mir auffällt, wie sehr er sich von seinen Brüdern unterscheidet in der Auffassungsgabe, Nähebedürfnis und Liebe zu bestimmten Tiergestalten oder Figuren, die er auch immer selber "ist". In unserem Kinderbücherschrank wartet noch viel, viel mehr auf ihn, als auf seine Brüder im gleichen Alter ...
Mithin: Bücher spiegeln die Entwicklung von Kindern ganz individuell wider, denke ich.

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