Eklatant unwissenschaftlich

Von Thorben Korn, Juli 2019

Leserzuschrift zu dem Beitrag von Martin Zabel »Krasse Eurythmie« in Erziehungskunst, Heft 4/2019.

Aus meiner eigenen Geschichte sind mir die angesprochenen Vorurteile zum Thema Eurythmie und ihrer Wirksamkeit bestens bekannt, sie werden im weiteren Text – entgegen der offensichtlichen Intention – jedoch mitnichten beseitigt, vielmehr taugt der Artikel als (eurythmisch unbehandeltes) Wasser auf den Mühlen jener Menschen, die der Waldorfpädagogik ohnehin kritisch gegenüberstehen. Es ist weder nötig noch sinnvoll, diese zum Teil eklatant unwissenschaftliche Versuchsauswertung im Internet, dem Medium mit der denkbar größten Reichweite, zu veröffentlichen. Darüber hinaus bezweifle ich auch, dass der beschriebene Versuch dem Bildungsauftrag entspricht, den eine allgemeinbildende Schule gegenüber einer 12. Klasse zu erfüllen hat. Der schlussfolgernde Satz: »Die Schüler konnten erleben, dass die gemeinsame Eurythmie […] Einfluss auf das Wachstum hatte«, behauptet eine valide Kausalität zwischen eurythmischen Gesten und dem Wachstum von Kresse, ohne irgendwelche (geschweige denn bewiesene) Prämissen oder Hypothesen zu den einzelnen eurythmischen Gesten und deren Wirkungen sowie zu den Wachstumsbedingungen von Kresse darzulegen. Weder Martin Zabel noch Tanja Baumgartner, auf die sich Zabel beruft, machen sich die Mühe, die Gesten von der Eurythmie zu lösen und sie beispielsweise als physikalische Bewegungen mit einer bestimmten (möglichen) Wirkung zu betrachten. Baumgartner nennt für ihre Studie drei Quellen, wovon eine von ihr selbst stammt. Andere denkbare Ursachen für das bessere Wachstum der behandelten Pflanzen werden gar nicht in Betracht gezogen. Stattdessen legen die Ausführungen beider Autoren nahe, dass sie – ohne es konkret zu benennen – von geistigen Kräften ausgehen, an die man aber glauben muss, womit sich die Theorien jenseits der Falsifizierbarkeit und damit auch jenseits der Wissenschaftlichkeit bewegen.

Dass diese Versuche derart wissenschaftlich verkleidet und zum Unterrichtsinhalt von 12.-Klässlern gemacht werden, ohne dabei explizit auf die nötigen, nicht beweisbaren esoterischen Hintergrundannahmen hinzuweisen, sehe ich sehr kritisch. Dass dies auch noch in einem so großen Rahmen veröffentlicht wird – bei Martin Zabel sogar mit der Absicht, den Ruf von Eurythmie aufzubessern –, halte ich geradezu für gefährlich.

Das größte Problem besteht aber meiner Meinung nach in der Tatsache, dass die vielfachen positiven Wirkfaktoren, die man der Eurythmie vermutlich durchaus attestieren könnte (im Bereich des sozialen Lernens, der Raum- und Körperwahrnehmung, der Konzentration und Achtsamkeit), hier leider zugunsten einer pseudowissenschaftlichen Untersuchung angenommener esoterischer Wirkungen ausgeklammert werden. Den Einfluss auf oben genannte Bereiche gälte es, soweit noch nicht geschehen, zu evaluieren. Auch wenn die »Erziehungskunst« keine Wissenschaftszeitschrift im engeren Sinne ist, wäre es wünschenswert, Beiträge zur Pädagogik mit einem Mindeststandard hinsichtlich Nachvollziehbarkeit, überprüfbaren Behauptungen und Bezügen zu wissenschaftlichen Grundannahmen zu veröffentlichen. Alles andere schadet der Waldorfpädagogik mehr, als dass es ihr nützt.

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