Gehetzte Mütter, verstörte Kinder

Von Petra Eggershausen, September 2015

Leserbrief zu dem Artikel »Geborgenheitsprämie« von Henning Kullak-Ublick in »Erziehungskunst«, Juni 2015.

Mit großem Interesse habe ich den Artikel »Geborgenheitsprämie« gelesen. Ich kann den Einwänden und Gedanken zu diesem Thema voll zustimmen. Vor einiger Zeit habe ich den Artikel »Kinderkrippe-Sorgenkrippe« von Holger B. Flöttmann (Wilhelm-Giesinger-Institut) gelesen und dieser hat mich in meinen Ansichten bezüglich der Krippensituation weiter wachgerüttelt und bestätigt. In diesem Artikel ist zu erfahren, wie wichtig die Beziehung des Kindes zur Mutter in den ersten drei Lebensjahren ist. Allein durch die Liebe der Mutter ist das kleine Kind in der Lage, Selbstliebe zu entwickeln. Viele Krippenkinder aus der ehemaligen DDR leiden unter fehlender Selbstliebe und den daraus entstehenden seelischen Folgeerkrankungen. Nur mit Mutterliebe ist den hilflosen, wärme- und liebesuchenden Kindern geholfen. Das heißt laut Flöttmann nicht, als Mutter zurück zum Herd, sondern hin zur Liebe, zur Wärme, Zuwendung und Besinnlichkeit.

Da ich selber Mutter und Waldorferzieherin bin und vier Jahre eine Waldorfkrippengruppe geleitet habe, kann ich nur bestätigen, wie schwierig es für die kleinen Kinder in der Krippe ist, egal wie schön und wertvoll, wie liebevoll die Arbeit dort gemacht wird. Der dauernde Wechsel der Bezugspersonen ist Gift für die Kleinen! Verlassenheitsängste und Existenzängste sind nur einige der späteren Folgen. Und auch Burnout bei Kindern ist leider kein Einzelfall mehr. Dazu kommt ein zerstörtes Mutter- und Vaterbild in der heutigen Gesellschaft. Die Frau und Mutter lebt heute in einem unauflösbaren, familiären Zwiespalt: Auf der einen Seite steht der Wunsch nach Muttersein und Kindern, auf der anderen Seite der Druck, Leistung zu zeigen und einem hochgestylten Frauenbild zu entsprechen. Mütter sind gehetzt, überlastet, lassen ihre Kinder krank zu Hause und haben ein ewig schlechtes Gewissen. Die heutige Frau quält und überfordert sich, kann nicht mehr genießen. Dabei verliert sie sich selber, kann sich selber nicht durch das Eigentliche ihres Lebens entwickeln, nicht zu sich selber als Frau und Mutter finden und stehen. Burnout bei Müttern ist ein großes Thema. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir als Waldorfpädagogen wieder mehr an unseren »Ursprung« zurückkehren und das kleine Kind und das Muttersein wieder in den Vordergrund stellen und unsere Anpassung an die gesellschaftliche Entwicklung mit dementsprechenden Einrichtungen neu betrachten.

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