Historisch oder geistig? Der Zukunftsimpuls in Raffaels Sixtinischer Madonna

Von Fabrizio Venturini, Mai 2015

Leserbrief zum Artikel »Die Madonna der Kindergärten. Ist Raffaels Sixtina zeitgemäß?« von Ulrike Richter in Erziehungskunst, Mai 2015.

Man kann die Ausführungen nur ergänzen. Die Kinder sehen das in dem Bild, was die Erwachsenen in ihrer Umgebung darüber denken. Gerade deshalb kommt es auf eine dem Bild voll entsprechende Betrachtung an. Ein nur distanziert-intellektuelles Draufblicken macht das Bild den Kindern gleichgültig, zu leicht; eine übertriebene religiöse Verehrung schließt es zu, macht es zu schwer. Am förderlichsten wäre, wenn man das Bild für den Kindergarten nutzen will, eine authentische Haltung im Gleichgewicht. Wie findet man zu einer solchen? Man muss sich die Zeit nehmen, sich auf die Bildinhalte und die Wirkung der künstlerischen Gestaltung einzulassen.

Zur Komposition: Bilden die Figurengruppen eine Vierheit, wie die Autorin des Artikels meint? Oder eine Dreiheit, wie es die drei dem Zeitlichen entsprechenden Ebenen des Bildes nahelegen? Warum kann man nicht beide Ordnungshilfen für das Sehen gelten lassen und für die Aufschlüsselung des Verständnisses nutzen? Man spürt, dass diese Zahlenqualitäten der Drei und der Vier, aber auch die von Polarität und Steigerung, in dem Bild eine große Rolle spielen, sich begegnen. Im mittleren Feld stehen sich Sixtus II. und die Heilige Barbara gegenüber, über ihnen ragen im oberen Zentrum des Bildes die Madonna mit dem Kind als die erkennbar wichtigsten Figuren des Bildes hervor, und von unten her weisen, das ganze Gewicht dieses klassischen Figurendreiecks erleichternd, die zwei Putten den Betrachter auf das Geschehen hin, das sich wie oberhalb ihres Bewusstseins abzuspielen scheint. Auf dem Bild begegnen sich das noch Ungeborene, das von der Madonna hereingetragen wird, und die Verstorbenen, also (ankommende) Zukunft und (weiterwirkende) Vergangenheit. Und das dritte, die (reale) Gegenwart, wird von der künstlerischen Komposition raffiniert hineingezaubert durch die Vermittlung der beiden (irrealen) Putten: Es ist die immerwährende Gegenwart des Betrachters, der die Madonna ihr Kind entgegenträgt. Das Ankommen des Kindes in der Gegenwart scheint das Hauptanliegen dieses zu Recht immerfort seit nun fünf Jahrhunderten gewürdigten Gemäldes zu sein.

Für die Kinder im Kindergarten ist die Geste der beschützend-freilassenden »Urmutter« das Wichtigste. Für den erwachsenen Betrachter stellt sich die Frage, wer das gezeigte Kind ist: Ist es das Jesuskind der Maria – also Vergangenheit? Oder wird hier der Christus als zu realisierende Gegenwart vermittelt – somit als das »Kind im Seelenschoß« aller Menschen, die das für denkbar halten? Handelt es sich um ein Weihnachtsbild oder um ein Pfingstbild? Meint Raffael gemäß der ersten Ansicht, die von der Kirche für die einzig mögliche gehalten wird, die historische Maria von Bethlehem? (Das wird, um ja nicht darüber reden zu müssen, von den meisten Kunstbetrachtern immer noch stillschweigend geduldet.) Oder zeigt er die geistige Maria, die die Wirklichkeit des Auferstandenen für alle vergegenwärtigen will?

Ich glaube, nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit dem Bild klar zu erkennen, dass das Letztere der Fall ist. Für mich ist die Sixtina sozusagen überkonfessionell spirituell (der Kenner des Taoismus entdeckt darin ein Bild der eigentlich nicht für darstellbar gehaltenen »Seelenmutter« Dao). Damit erweist sie sich als nicht weniger, sondern eher mehr zeitgemäß. Daher gehört es für mich auch eher in die »Zukunft bereitenden Werkstätten«, die pädagogische Einrichtungen immer sein sollten, statt in ein Museum. Die Sixtina wirkt in den Kindergärten, wenn richtig mit ihr umgegangen wird, mehr als in der Galerie in Dresden. Ein Gang dorthin mit kleinen Kindern ist unnötig. Im Kindergarten stellt das Bild für die dort tätigen Erwachsenen eine Aufforderung dar, den Umgang mit den Kindern in allem Tun so zu gestalten, dass ein beschützt getragenes Ankommen der Kräfte des Zukunft gestaltenden »Menschheitskindes« sowohl in der Gemeinschaft wie in jedem individuellen Menschen möglich wird. Den Kindern braucht man aber keine Bilderklärungen zu geben.

(Eine ausführliche Betrachtung der Sixtinischen Madonna im Hinblick auf ihre Bedeutung für den Waldorfkindergarten kann beim Verfasser dieses Leserbriefes angefordert werden.)

Zum Autor: Fabrizio Venturini ist selbstständiger Dozent und tätig für das Waldorferzieherseminar Stuttgart

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