Ich habe einen Traum ...

Von A. Bossenmaier, Februar 2011

Leserbrief zum Editorial 2/2011.

Sehr geehrter Herr Maurer,

Ihren Traum von der freien Universität in Dornach ist der Fingerzeig in das Fortschreiben der Anthroposophie, diese von Ihnen geschilderte Entwicklung war vorauszusehen und unsere Generation muss hier reagieren, wenn die Anthroposophie weiter bestehen soll.

Ihre Erkenntnis hatte zuvor ein Zeitgenosse R. Steiners genaustens beschrieben, namentlich Hermann Hesse.

Im Glasperlenspiel wird eine Romanfigur Josef Knecht durch zahlreiche geisteswissenschaftliche Studien angeregt durch seinen Mentor und Musiklehrer jene Erkenntnis erringen, die der Anthroposophie heute wohl das Leben rettet.

Er, der suchende, erringt eine schier allumfassende Erkenntnis durch das Auseinandersetzen mit Fundamentalisten, Veränderer und der zunächst dem Glasperlenspiel entgegengesetzte Kirche. Er wird, gleich dem Evangelist Johannes, durch diese Anhäufung von Meinungen und Erfahrungen, auf seinen gesammelten Berg der Erkenntnisse gesetzt, auf dem er einen Überblick über die Täler erhält.

Dort sieht er sein Kastililen, nun zum Magister Ludi ernannt, dem höchsten Glasperlenspielmeister und dem geisteswissenschaftlichen Leiter der Gemeinde. Er sieht, anders als die andren, dass das Glasperlensiel und deren Gemeinschaft einzig und allein vom Wohlwollen der andren abhängt. Wird dieses Wohlwollen entzogen, so stirbt das Glasperlenspiel, aus Geld-und Interessenmangel, da beiderseits kein Nachschub mehr eintrifft.

Seine Lösung ist dass das Glasperlenspiel und dessen geistiger Hintergrund in die Welt getragen werden muss und hier auf nahrhaften Boden jene Menschen erreichen kann, die manigfaltig diese Erkenntnis in die Welt tragen. Das Glasperlenspiel wird geistiger Hintergrund der Menschheit und bleibt nicht abgekapselt in einem Land. Josef Knecht beschreitet diesen Weg zunächst als Hauslehrer. »Die Gottheit ist in dir, nicht in den Begriffen und Büchern. Die Wahrheit wird gelebt, nicht doziert.« (Glasperlenspiel)

Hermann Hesse war meiner Meinung nach auch ein Geisteswissenschaftler. Liest man seine Schriften mit dem Hintergrund der Geisteswissenschaft, so findet man in Siddartha und Narziss und Goldmund, jene suchenden die auch Steiner beschreibt. Im »Unterm Rad« zeigt Hesse mit der ganzen Wucht eines schrecklichen Endes, was in einem Kind passiert wenn man es zu früh in die »intelligente Entwicklung« schickt, eine Homage an die Waldorfschule. Übrigens ist Hesse auch ein Kenner Goethes.

Und so sollte Ihr Traum schnellstens Wirklichkeit werden. Ein Medizinstudium am Goetheanum schulmedizinisch mit geisteswissenschaftlichen Hintergrund und die eingeflochtene Lehre Steiners lässt Ärzte entstehen die in aller Welt ihre Kollegen von der Richtigkeit und der Wichtigkeit überzeugen. Richter und Rechtsanwälte, die mit anthroposophischen Hintergrund und Grundkenntnisse der Dreigliederung endlich Recht sprechen und praktizieren. Wirtschaftswissenschaftler, die eine Ahnung vom »rechten Weg« haben und Ihr Unternehmen oder gar die Politik menschlich führen. Dies ist der Weg, ein erster Schritt ins Paradies.

Dies alles gilt auch für die Waldorfschule. Eine Abkapselung und Rückzug auf das Ruhekissen der alt hergebrachten Wege scheint nicht mehr angebracht. Das Fundament wurde von Steiner gebaut, das Haus von der Waldorfschulbewegung, wenn wir nicht an den Balkonen nach draußen arbeiten so kommen die Abrissbagger, die uns im Moment nur dulden und nicht brauchen. Die Bildungspolitik muss einsehen, dass einzig und allein die Interessen der Kinder zählen und nicht der Wirtschaft.

So möchte ich am Schluss nochmals Hesse zitieren, mag dieses Gedicht eine Anleitung für die Verwirklichung Ihres, und unsern Traumes sein:

STUFEN

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Mit freundlichen Grüßen  A. Bossenmaier

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