Inklusion kann gelingen

Von Matthias Braselmann, Februar 2013

Leserbrief zum Beitrag »Erzwungene Inklusion« von Alf Behlert (Erziehungskunst, Heft November 2012)

… egal, wo man hinschaut: In der FAZ (Artikel Stein/Ellinger am 8.11.2012 »Über Effekte und Nebenwirkungen herrscht Unklarheit«) oder in der Erziehungskunst: Erst einmal gibt es Artikel und Leserbriefe, die belegen sollen, dass »Inklusion nicht geht«. 

Auf der anderen Seite gibt es eine Fülle von Material (Filme, Bücher, Darstellungen), die gelingende Inklusion belegen. Und es gibt Menschen, die darüber berichten können, dass Inklusion auch gelingen kann.

Warum haben es die Waldorfs so schwer damit, der These, dass die erste Waldorfschule in Stuttgart eine durch und durch inklusive Schule war, etwas abzugewinnen? Man lese nur die »Konferenzen«, die das damalige Kollegium hielt, mit forschendem Blick durch.

Da ist im pädagogischen Raum eine Idee entstanden, von der anerkannte, hochgeschätzte Menschen – die bislang immer gehört wurden und deren Urteilsfähigkeit man vertraut – sagen, dass sie einen epochalen Paradigmenwechsel im Hinblick auf die Zukunft von Pädagogik darstellt. Doch an allen Orten tauchen Mahner, Ideologen, Skeptiker auf und verbreiten ihre Thesen …

Keiner – auch nicht die am Entstehungsprozess der UN-Konvention über die Menschen mit Behinderung Beteiligten – hat gewollt, dass Inklusion nicht gelingt. Doch allüberall ist von den »inklusionsgeschädigten Kindern« die Rede, die in unsere heilpädagogischen Einrichtungen wieder zurückkehren.

Seien wir doch ehrlich: In der Mehrzahl der »großen« Waldorfschulen ist man der Auffassung, dass das Thema Inklusion keine Rolle spielt: »Können wir eh nicht … Wir haben genug Probleme mit unserer eigenen Klientel … Wir sind Schulen in freier Trägerschaft – unsere Schüler suchen wir aus, basta …«. Und die Waldorf-Förderschulen haben Angst, dass sie irgendwann einmal überflüssig werden.

Dass aber gerade jetzt die großartige Chance besteht, dass die »Allgemeine Menschenkunde« und der »Heilpädagogische Kurs« in ein fruchtbares Gespräch kommen und dass die doch auch tragische historische Trennung von »allgemeiner Waldorfpädagogik« und »Heilpädagogik« überwunden werden kann, wird nicht gesehen oder nicht ernst genommen.

Kommentare

Martin Cuno, Siegen, 01.02.13 00:02

Lieber Herr Braselmann,
Ihr Beitrag versucht offenbar Mitleid zu erwecken für die armen Aktiven, die sich im Waldorfbereich für "Inklusion" einsetzen – bzw. für das, was sie sich darunter vorstellen. Dies ist unangebracht, bekommen doch gerade diese Aktiven und Aktivisten die dicksten Sprachrohre in die Hand gedrückt. Der Arbeitskreis Inklusion etwa, dem Sie angehören, lässt sich durch Kritik seitens der Basis nicht darin beirren, wiederholt Stellungnahmen abzugeben, in denen Förderschulen, weil aussondernd, als nicht im Sinne der UN-Konvention dargestellt werden. Auf die Bitten unseres Kollegiums (Johanna-Ruß-Schule, Siegen), diese Diffamierungen zu unterlassen und die positive Leistung von Förderschulen zur bisherigen und zukünftigen Verwirklichung von Art. 24 BRK öffentlich stärker oder überhaupt erst zur Geltung zu bringen, reagieren die Vorstände von Verband und Bund nicht.
Ich teile Ihre Einschätzung, dass an der "Basis" die Intentionen der "Funktionäre" in punkto "Inklusion" nicht mitvollzogen werden. Diesbezüglich ist der Waldorfbereich ein getreues Abbild des staatlich-politischen Schulwesens. Leider aber auch in Bezug auf die Angst, sich öffentlich zu artikulieren und gegen den Strom zu schwimmen. Ein trauriges Zeichen für eine Bewegung, die so viel von "Freiheit" sprach.
Aber auch aus Ihrem Beitrag spricht die Heteronomie eines von außen gelenkten Schulwesens, nicht die Autonomie einer Pädagogik vom Kind aus. Filme, Bücher, Thesen sollen uns von einer "Idee" und deren "gelingender Umsetzung", von einem "epochalen Paradigmenwechsel" überzeugen. Wer sind denn diese "anerkannten, hochgeschätzten Menschen, die bislang immer gehört wurden und deren Urteilsfähigkeit man vertraut"? Mir ist diese Gläubigkeit ganz fremd. Ich dachte bisher, wir bemühen uns alle, im Vertrauen auf die Kinder, Eltern, Kollegen, auf die Gemeinschaft und auf den epochalen Rudolf Steiner täglich die "richtigen" pädagogischen Griffe zu erwischen – oder auch: das "richtige" Schulkonzept zu stricken und zu verwirklichen.
Denn eins verstehe ich nicht: Seit vielen Jahren betreiben Sie eine innovative, eigenständige Form von Waldorfschule, und man darf doch hoffentlich davon ausgehen, dass Ihnen von der Waldorf-Gemeinschaft hierbei keine Stöcke zwischen die Beine geworfen wurden, sondern alles wohlwollend begleitet wurde. Denn wie heißt es? "Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnis des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen." Kaum aber dreht sich der ideologische Wind (woran das Menschenrechtsdokument UN-BRK keine Schuld hat!), erübrigt sich offenbar das "Verständnis des fremden Wollens"…
Die erste Waldorfschule als Kronzeugin für "Inklusion" im heteronomen Sinn? Unmöglich. Was aus den Konferenzen spricht, ist die Flexibilität dieses Kollegiums unter der Leitung eines unübertroffenen Praktikers der Pädagogik, der seine "Ideen" den konkreten Kindern zur Verfügung stellte. Heute so, morgen (z.B. im heilpädagogischen Kurs) anders. "Tragische historische Trennung von allgemeiner Waldorfpädagogik und Heilpädagogik"? Bei uns in Siegen nicht.
Beste Grüße!
Martin Cuno

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen