Kein ruhiges Gewissen

Von Daniel Häfke, November 2016

Leserbrief zu »Sind wir Rabeneltern?« Ein Plädoyer für den Hort« von Heiko Heybey, in »Erziehungskunst«, Juli/August 2016.

Heybey versammelt einige populäre Gedanken zum Thema schulische Nachmittagsbetreuung. Auch ich ziehe den Hort einer verlängerten Beschulung vor. Warum man sein Kind abgeben darf und möchte, sagt er uns auch: »Damit wir arbeiten dürfen! Denn unsere Arbeit ist für uns ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens, eine Erfahrung, die wir nicht missen möchten, und der Hort ermöglicht es uns, die ›Selbstverwirklichung‹ beizubehalten, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben oder sogar als ›Rabeneltern‹ zu gelten.«

Das Plädoyer als solches ist nur symptomatisch, verheerender ist seine begriffliche Unterlage. Dass Kinder der eigenen Selbstverwirklichung Zeit rauben, sie beschneiden könnten, wird als lösbares Problem betrachtet. Das geht aber nur, unterscheidet man in keiner Weise zwischen institutionalisiertem Lebensraum und wirklicher Freiheit! Der Hort tut, was er kann für die Kinder, er bietet wertvolle Erfahrungen, aber er nimmt der Gesellschaft auch etwas ab: Niemand muss sich darum kümmern, dass Arbeits- und Lebenswelt sich in einer Weise gestalten, dass Kinder in ihr Platz fänden. Stattdessen wird »das Kind« zum Sorgenfall der automatisierten Betriebsabläufe, des hektischen Alltags. Es muss auf Oasen inmitten der »erwachsenen« Lebenswelt verfrachtet werden, damit man es mit ruhigem Gewissen sich selbst überlassen kann. Ivan Illich hat in seiner »Entschulung der Gesellschaft« bereits in den 1970er Jahren darauf hingewiesen, wie in den westlichen Industrienationen die Kindheit auf Kosten eines gemeinsamen Lebens von Kindern und Erwachsenen zu einer Institution mit eigenen Ritualen und dazugehörigen Einrichtungen, also vor allem Schulen, stilisiert und inthronisiert wurde. Und natürlich verwaltet der Staat so etwas am besten, deshalb fordert man sogleich eine unentgeltliche Betreuung und freut sich, dass wieder ein paar Pädagogen endlich Arbeit gefunden haben. Wir werden die Welt weiter verschulen, ihr die Kinder, die den Vormittag in den Schulen verbringen, auch am Nachmittag entziehen, und, wie Herr Heybey, ein ruhiges Gewissen haben. Nur: wird die Welt lebenswerter ohne Kinder? Noch vor 15 Jahren ging ich selbst ohne Fremdbetreuung durch die Straßen, auf der so viel weniger Autos nicht fuhren. Es war kein Klischee, es war die pure Freiheit, die Schule konnte mir mit all ihren schönen Angeboten so manches Mal gestohlen bleiben. Und eines genoss ich nach den länger werdenden Schultagen immer mehr: das Einsamsein. Wer behauptet, dass sich das einzelne Kind durch permanenten Kontakt mit anderen Kindern stärker sozialisiert, unterschätzt die Bedeutung von Muße, Abkehr und dem Glück, mit sich selbst oder einem einzigen Menschen allein zu sein.

Unbezahlte Arbeit und geschenkte Zeit

Wenn unsere Arbeitsverhältnisse und die veränderten Familienverhältnisse Kinder in Freiheit nicht mehr zulassen, ist das unser Werk. Kinder brauchen mehr als zwei Stunden am Tag einen Raum ohne institutionelle Zwänge und Rahmenbedingungen. Wenn die Welt uns unvollkommen erscheint, dann sollten wir sie verändern – denn ist sie so kinderfeindlich, wie man behauptet, dann haben wir das Lebenswerte entweder privatisiert oder externalisiert. Und nebenbei gibt es eine Form der Selbstverwirklichung, die gerade Kinder einen lehren können: selbstlos zu sein, aus Liebe und Aufmerksamkeit für einen anderen Menschen.

Ob wir arbeiten dürfen? Es gibt eben auch Arbeit, die niemand bezahlt, es gibt ein Leben ohne Arbeit – und es gibt Zeit, die man geschenkt bekommen muss, sonst wird man mit der betriebsamen Logik und Effizienz einer Maschine in die moderne (schöne neue) Arbeitswelt gezogen. Mit naiver Arbeitslust sich in dieselbe zu werfen ist mehr und mehr Privileg einer bürgerlichen Elite, die die zynischen Kehrseiten des Kapitalismus zwar kennt, aber nicht täglich durchlebt. Das Bürgertum gewährt sich selbst die erfüllende Arbeit, die man in anderen Kreisen als Zwang für Mindestlohn erlebt, und freut sich über ihre wohlverwahrten Kinder, die Bögen schnitzen dürfen. Ein so ruhiges Gewissen ist nicht jedem gegeben.

Zum Autor: Daniel Häfke arbeitet in Halle mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, ist beteiligt an der Gründung einer Solidarischen Gärtnerei und Vater von zwei Kindern.

Sind wir Rabeneltern?

Kommentare

jula jo, 01.12.16 20:12

Danke für diesen Leserbrief der mir aus der Seele spricht!
Ich finde Waldorfschulen wie auch Waldorfkindergärten sollten sich klarer positionieren und zum Thema Fremdbetreuung deutlich Stellung nehmen.
Waldorfkindergärten mit Öffnungszeiten bis 18:00 Uhr sind für mich keine Waldorfkindergärten mehr.
Geld verdienen müssen wir alle ...wir aber schränken uns finanziell sehr stark ein um genug Zeit für unsere Kinder zu haben. So sind eben auch gemeinsame Mittagessen möglich und ruhige Nachmittage in der Familie....
Ich würde es vermissen, da würde auch kein volleres Konto einen Ausgleich schaffen...
Selbstverwirklichung .... Trotz Kinder???
Gerade wegen der Kinder !!! Und der wertvollen gemeinsamen Zeit!!!

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