Leserbrief zu »Computerepoche ab der Fünften« von Sven Saar

März 2012

Mit diesem Leserbrief möchte ich nicht nur auf den Artikel »Computerepoche ab der Fünften« eingehen, sondern auch einen praktischen Erfahrungsaustausch unter Eltern und Lehrern anregen. Wir sollten wirklich wissen, wie andere das Thema »Computer« angehen, um so vielleicht ein Stück weiterzukommen.

»Auch ist dies kein Artikel über das Internet ...«

Über Computer sprechen, ohne auf Internet, Facebook etc. einzugehen? Grundsätzlich finde ich die Trennung von Internet und Computer illusionär. Gerade das Internet weckt das Interesse der Kinder, und nicht etwa das Textverarbeitungs- oder Datenbankprogramm. Verlagern wir unsere Probleme auf die Kinder? Die haben selten Probleme, sich in kurzer Zeit auf dem Computer zurechtzufinden. Dafür brauchen sie keinen Unterricht. Wohl aber müssen sie lernen, kritische Distanz zu diesem Gerät zu halten.  Und ich als Mutter verkörpere diese Distanz im wahrsten Sinne des Wortes ...  

»Computer als Alltagsgegenstand«

Sieht der Alltag eines 11jährigen Kindes so aus, dass es unbedingt am Computer sitzen und mit zehn Fingern tippen können muss? Wenn es das »beherrscht«, ist es dann zufrieden, oder möchte es dann nicht erst recht mehr am Computer arbeiten, weil es das ja jetzt »kann«.

Und wie steht es mit der Kreativität, die – nicht nur bei Kindern - automatisch abnimmt, sobald man sich mehr um das »Wie« (Computer oder Heft) als um das »Was« Gedanken macht? Ganz abgesehen von Rechtschreibhilfen, die einem das Nachdenken über Fehler  größtenteils abnehmen.

Aus eigener  Erfahrung kann ich sagen, dass jedes Computerprogramm am Anfang interessant ist, aber Word oder Excel zumindest meinen elfjährigen Sohn nicht wirklich fesseln.  Das sind Dinge, die ich für meine Arbeit benötige, nicht mein Sohn.  Was ihn wirklich fesselt, sind natürlich Spiele. Und so haben wir angefangen, uns ein simples  Spiel in HTML-Format auszudenken. Zuerst haben wir eine HTML-Einführungsseite gestaltet und geplant. Jetzt brauche ich Hilfe von Kollegen, die sich mit einigen Funktionen auskennen. Ich meine nicht, dass dies  unbedingt ein  Beispiel für andere sein sollte. Ich meine vielmehr, dass man kreativ mit den Interessen der Kinder umgehen muss. Und dass das viel Arbeit für die Eltern ist. Die ein Lehrer  für eine ganze Klasse kaum leisten kann – und auch nicht muss.

Warum können wir nicht Elfjährigen das bieten, was für sie nachvollziehbar ist. Was ich an der Waldorfschule schätze, ist, dass formale Übungen immer auch einen Inhalt haben. Wenn zum Beispiel die Nacherzählung ein Geschichtsthema zum Inhalt hat, und Bestandteil des Geschichtsunterrichts ist. Was ist der Inhalt eines Computer-Unterrichts in der 5.? Das Tippen und der Umgang mit Programmen und Email ist kein Inhalt an sich.

Wenn der Unterricht in der  9. Klasse, wie auf den Internetseiten des Bundes Freier Waldorfschulen beschrieben, Textverarbeitung und Tabellenkalkulation zum Inhalt hat, dann ist das nachvollziehbar. Das ist die Zeit, in der die Schüler vielleicht den ersten Lebenslauf und ein Bewerbungsschreiben für ein Praktikum benötigen. Und weil die Jugendlichen den  arbeitsrelevanten Umgang mit dem Computer dann vielleicht sogar im einen oder anderen Praktikum benötigen.  Und wenn dem in der 10. Klasse das Programmieren folgt, dann möchte ich meinen, dass die Jugendlichen inzwischen einen großen Erfahrungsschatz besitzen, der es Ihnen erlaubt, dies für sich wirklich zu nutzen.

Kurz: Was meiner Meinung nach fehlt oder zu wenig angeboten wird,  ist nicht der frühe Computer-Unterricht, sondern Erfahrungsaustausch und Hilfestellungen für die Eltern.  An unserer Schule (Bonn)  gibt es in diesem  Jahr erste Ansätze dazu.

Stefanie Oppel-Jahangiri, 2 Söhne in der Waldorfschule, Technische Redakteurin für Software

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen