Nehmen wir Steiner Ernst genug?

Von Thomas Marti, März 2014

Leserbrief zum Artikel von Christoph Hueck »Sind ehemalige Waldorfschüler gesünder?«, »Erziehungskunst«, Januar 2014.

Die Schlussfolgerungen, die von den Autoren der neuesten Gesundheitsstudie an ehemaligen Waldorfschülern gezogen werden, wecken grundlegende Fragen, besonders hinsichtlich des Besuchs einer Waldorfschule und des späteren Auftretens bestimmter Krankheiten. Christoph Hueck vermutet, dass der bessere Gesundheitsstatus ehemaliger Waldorfschüler im Stoffwechsel und Bewegungsapparat mit Anregungen Rudolf Steiners zusammenhängen könnte, das Kind »nicht zuviel denken zu lassen« und den Unterricht nicht zu früh zu »intellektualisieren«.

Was ist aber mit dem Rhythmischen System, das sich vor allem im zweiten Jahrsiebt (»Klassenlehrerzeit«) in einem sensiblen Reifeprozess befindet? Auffallend an den adjustierten Ergebnissen der Studie ist, dass Atem- und Herzbeschwerden und Bluthochdruck nach dem Besuch einer Waldorfschule nicht weniger häufig auftreten als bei Nicht-Waldorfschülern (Abb. 3B), was aber gerade durch einen langjährigen rhythmisch-künstlerischen Unterricht, wie er spezifisch zur Methodik-Didaktik von Waldorfschulen gehört, zu erwarten wäre. Könnte es sein, dass Steiners »allerwichtigste« Aufgabenstellung: das »Lehren des richtigen Atmens«, in der pädagogischen Praxis nicht Ernst genug genommen wird? Dass Steiner hier nicht irgendwelche Atemübungen, sondern den atmenden Rhythmus in allen Tätigkeiten mit den Kindern meint, kommt im Kontext seiner Vorträge vielfältig zum Ausdruck. Die umgekehrte Annahme, dass an Steiners Aufgabenstellung nichts dran ist, ist angesichts der eindeutig zivilisationsbedingten Zunahme von Herz-/Kreislauferkrankungen eher unwahrscheinlich und widerspräche auch vielen Erkenntnissen aus der Chronomedizin, die nach 1919 bis heute gewonnen wurden. So ist etwa bekannt, dass chronischer Stress oder depressive Störungen das Risiko für einen Herzinfarkt um das 1,7- bis 2,1-fache erhöhen; umgekehrt führen künstlerische Tätigkeiten wie Sprachgestaltung, Eurythmie oder Singen zu einer unmittelbaren gesundenden Funktionsordnung des Rhythmischen Systems.

In einer eigenen (noch nicht veröffentlichten) Studie mit Langzeit-EKG-Aufzeichnungen an Kindern der 1. bis 3 Klasse von Waldorfschulen zeigen sich im Vergleich von Rhythmischem Teil, Hauptunterricht und den späteren Vormittagsstunden keine signifikanten Unterschiede der Leistungsbelastung, gemessen z.B. an der Pulsfrequenz, der Herzfrequenzvariabilität oder der vegetativen Balance von Leistung und Erholung. Deutliche Unterschiede aber gibt es im Vergleich der Unterrichtszeiten mit den schulfreien Nachmittagen und dem freien Samstag! Weiter zeigen sich bei diesen Parametern nachts zwischen den Schultagen und dem Wochenende keine Unterschiede. Zusammengefasst bedeutet dies, dass die Unterrichtszeiten im Vergleich zu den Freizeiten bei den Kindern deutlich leistungs- (oder stress-) orientiert sind, wohingegen sich die Nächte nach den Schultagen nicht von der Nacht am Wochenende unterscheiden.

Da uns Vergleichsmessungen an Nicht-Waldorfschulen bisher fehlen, stehen Rückschlüsse auf die waldorfpädagogische Praxis noch auf wackligen Füßen. Im Hinblick auf die jüngste Gesundheitsstudie und deren Ergebnisse im rhythmischen Organbereich kann die Vermutung, dass das »Lehren des richtigen Atmens« in der Unterrichtspraxis nicht gründlich und ernsthaft genug angegangen wird, noch nicht ausgeräumt werden.

Link: www.projektart-berne.de

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