Ohne Bekenntnis zu Gott gibt es keine Religion

Von Martin Wittchow, Juni 2016

Leserbrief zu »Religion in der Schule – Wozu Religion?«, erziehungskunst, April 2016.

Es war gut, dass Religion als Schwerpunktthema einmal behandelt wurde. Die Durchführung hat mich allerdings auf weiten Strecken mit Unbehagen und Traurigkeit erfüllt. Dies betrifft hauptsächlich den ängstlichen, weithin sogar ablehnenden Umgang mit den Worten »Christentum« und »Bekenntnis«. Die Autoren scheinen zu meinen, es könne eine Religion bzw. einen Religionsunterricht ohne positives Bekenntnis geben und es sei erstrebenswert, einen solchen bekenntnisfreien Unterricht anzubieten. Außerdem wird nahegelegt, die Waldorfschule und der Freie christliche Religionsunterricht hätten nicht wirklich mit einem Bekenntnis zum Christentum zu tun, weil sie vielmehr offen seien für alle Religionen.

Religion ist nicht Erkenntnis Gottes (oder gar der Religionssysteme), sondern die aktive Hinwendung zu Wesen einer höheren, übermenschlichen Welt: in Verehrung, in Andacht, im Gebet, im Opfer. Zuwenden kann man sich nur konkretem Wesen, das man insofern anerkennt und zu dessen wie auch immer vage vorgestellten Wesenszügen man sich bekennt. Ohne Bekenntnis zu »Gott« gibt es keine Religion, nur ein bloßes Reden über Religion. Religion ist praktiziertes Bekenntnis und der Religionsunterricht ist dazu da, dieses Bekenntnis mit Inhalt zu erfüllen.

Die Waldorfschule ist deshalb bekenntnisfreie Schule, weil sie nicht nur eine Religion, sondern verschiedene Religionsbekenntnisse der Elternhäuser ihrer Schüler zulässt und den Vertretern der Religionen den entsprechenden Unterricht einräumt. Der von Rudolf Steiner eingerichtete »Freichristliche Religionsunterricht« für die »Dissidentenkinder« ist demzufolge ebenso Bekenntnisunterricht, hier aufgrund der christlichen Weltanschauung der Anthroposophie, und wird im Namen und Auftrag der Anthroposophischen Gesellschaft im Grunde auch als externer Unterricht in die Waldorfschule hineingetragen. Er ist auch darin Bekenntnisunterricht, dass er in der »dritten Religionsstunde« am Sonntag zur real ausgeübten Religion im Kultus der »Sonntagshandlung für die Kinder« führt. »Frei« ist dieser Religionsunterricht nicht mangels Bekenntnisses, sondern weil er sich zu einer Auffassung des Christentums bekennt, welche die ganze Weltgeschichte, und damit auch alle Religionen, auf Christus hingeordnet versteht und somit positiv zu würdigen vermag. Dies war und ist bei den verfassten Kirchen bislang nicht unbedingt der Fall. Das Christentum im Sinne der Anthroposophie ist »größer als alle Religionen«, auch als die im bisherigen engen Sinne »christlichen«. Es ist das menschheitlich Umfassende, in das alle Religionen münden können. Dass in diesem Heft an keiner Stelle auf die ebenfalls aus der Anthroposophie herausgewachsene religiöse Erneuerungsbewegung »Die Christengemeinschaft« hingewiesen wurde, die in fast allen Waldorfschulen Deutschlands ganz im Sinne der anthroposophisch erweiterten »freien« Auffassung des Christentums in eigenen Gruppen Religionsunterricht erteilt, hat mich verwundert. Dies um so mehr, als der Propagierung eines religionslosen Ethikunterrichtes, der in seiner intellektuellen Distanziertheit allenfalls in der Oberstufe seinen Platz finden könnte, unkommentiert so großzügig Raum gegeben wurde. In einer säkularen bürgerlichen Gesellschaft ist die Verständigung über gemeinsam zu pflegende Werte und Begrenzungen des Handelns (Ethik) sicher nötig. Das reale Vorhandensein von höheren Werten in der menschlichen Seele erwächst aber nahezu ausschließlich aus in der Kindheit lebendig geübter Religion.

Zum Autor: Martin Wittchow ist Pfarrer der Christengemeinschaft in Leipzig

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