Verbotene Lebensrealität

Von Achim Ranz, September 2013

Leserbrief zu dem Beitrag »Fußball unser« von Michael Birnthaler in »Erziehungskunst«, Juni 2013.

Der Beitrag »Fußball unser« ist für mich eine herbe Enttäuschung. Ich hätte mir eine inhaltliche und fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema Fußball & Waldorfschule gewünscht. Stattdessen wird das Phänomen Fußball mit Religion gleichgesetzt und verglichen: Papst versus Fußballpäpste, vier Millionen Gottesdienstbesucher versus sechs Millionen Fußballer auf dem Rasen. Ohne Beleg sind diese Zahlen nicht nachvollziehbar. Stimmt es denn, dass es nirgends mehr Gewalt gibt als im Dunstkreis des Fußballs? Was ist dann mit Kriegen und Terrorismus? »Extreme Fußballfans, Hooligans und Ultras gelten als die gewalttätigste menschliche Spezies« – auch von solchen Absolutismen halte ich gar nichts.

Ihrer Analyse des Ist-Zustandes von Fußball stimme ich zu. Aber eben gerade, weil es eine Rassismus- und Gewaltproblematik und Homophobie gibt, bei gleichzeitig hoher Attraktivität des Berufes Fußballer bei den Zwölfjährigen, genügt es doch nicht, zu sagen, Fußball zu verbieten sei weltfremd.

Sie schreiben: »Nichts hat je so viel Identität gestiftet, wie das Fußballspiel«. Die Identität, die bei einem Fußballfan durch seine Anhängerschaft für sein Team entsteht, und die eines Christen, der Jesus nachfolgt, unterscheiden sich doch erheblich. Ich wünschte mir Hinweise, wie man das Thema Fußball entwicklungsfördernd und zur Bildung einer ganzheitlichen, autonomen Identität in den Umkreis von Familie und Alltag an der Waldorfschule einbeziehen kann und was beim Fußballspiel beachtet werden muss. Wie sieht denn die aktuelle Situation in Bezug auf Fußball an den Waldorfschulen tatsächlich aus? Gibt es Richtlinien, Empfehlungen des Bundes der Freien Waldorfschulen diesbezüglich?

An der Benefelder Waldorfschule war zu meiner Schulzeit (Abitur 1992), das Fußballspielen verboten. Die Begründung, an die ich mich vage erinnere, war in etwa: Der Fußball sei rundlich wie ein Schädel und es sei nicht gut, wenn man mit den Füßen gegen einen symbolischen Kopf trete. Leider erfahre ich nicht, aus welchen genauen Quellen die Fußballgegner ihr Verbot gespeist sehen. Damals gab es aber auch Lehrer, die um die Lebensrealität ihrer Schüler wussten und das Thema praktisch und theoretisch aufgriffen. An der Waldorfschule meiner Kinder hier in Gröbenzell wird im Pausenhof Fußball gespielt. Ich kenne allerdings auch aus beruflichen Zusammenhängen eine Münchner Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe, die angibt, nach waldorfpädagogischen Prämissen zu arbeiten und ein totales Fußballverbot in ihrer Einrichtung durchzusetzen versucht – mit in meinen Augen negativen Folgen. Die Kinder fühlen sich missverstanden und in ihren Interessen nicht ernst genommen.

Zum Autor: Achim Ranz ist Mitglied im Elternforum Waldorfpädagogik in Gröbenzell

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