Bauernhof statt Streichelzoo. Sinnstiftendes Arbeiten mit Tieren

Von Thomas van Elsen, März 2013

Was können Schüler an Tieren lernen? Welche Gesichtspunkte gibt es, Kinder mit Tieren arbeiten zu lassen? Thomas van Elsen gibt Einblicke in unterschiedliche Konzepte.

© Charlotte Fischer

Schulbauernhöfe als Pioniere 

In Deutschland gibt es immer mehr »Schulbauernhöfe«, die Tages- oder auch Wochenaufenthalte für Schulklassen anbieten. Für manche Kinder ist ein Schulbauernhof-Besuch der erste hautnahe Kontakt zu vielen Tieren. Es überrascht sie, dass Kühe warme Milch geben und nicht lila sind! Die Kinder werden in die täglichen Arbeiten eingebunden. Sie helfen beim Ausmisten der Ställe, beim Eiersammeln, beim Tränken der Kälber und beim Melken der Ziegen und Kühe. Sie erleben, wie die Tiere zu ihrer Weidefläche getrieben, wie Zäune umgesetzt und Futterrationen gemischt werden. Beim Umgang mit Gänsen oder beim Imkern müssen sie ihre Angst überwinden.

Wie selbstverständlich werden ökologische Zusammenhänge und Kreisläufe erlebbar: Woher kommt das Futter? Was passiert mit dem Mist der Tiere? Wie werden Tiere geboren? Wie sterben sie. Was passiert beim Schlachten?

Am Beispiel der Milchverarbeitung erfahren die Kinder, wie aus Milch Quark, Joghurt, Butter und Käse entstehen. Eine neue Wertschätzung von Lebensmitteln ist die Folge. Mancher Schulbauernhofaufenthalt war Anlass zur Umstellung der Ernährungsgewohnheiten ganzer Familien.

»Tiergestützte Intervention« und Pädagogik

Ein Institut an der Norwegischen Landwirtschaftsuniversität bei Oslo untersucht seit Jahren die Wirksamkeit therapeutischer Maßnahmen mit landwirtschaftlichen Nutztieren in der Arbeit mit Menschen, die unter Verhaltensstörungen leiden. Man beobachtet wachsendes Selbstvertrauen und zunehmende Fähigkeiten in der Bewältigung des Alltags. In Deutschland propagiert die »Sinn-Stiftung« Alm-Aufenthalte für Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom; sie hat ein Netz von »Aktiv-Höfen« gegründet (www.sinn-stiftung.eu). Die Versorgung auf Höfen hilft Suchtkranken, die Fixierung auf die Befriedigung der eigenen Sucht zu überwinden. Obdachlose Menschen gewinnen neues Vertrauen zu ihrer Mitwelt, denn Tiere öffnen sich dem betreuenden Menschen unabhängig von dessen sozialer Herkunft.

Der Übergang von der Therapie zur Pädagogik ist fließend. Oft geht es auch darum, die soziale Entwicklung zu fördern oder eine pädagogischen Beziehung mit Hilfe des Tieres aufzubauen. Der Verein »Menschen-Schafe-Landschaften« integriert bis zu sieben sozial-emotional benachteiligte Jugendliche in eine 300 Schafe umfassende Wanderschäferei. Zusammen mit dem Schäfer als Bindungs- und Identifikationsperson begleiten die Jugendlichen die Herde während des ganzen Jahres. Die Schafe mit ihren Eigenschaften »klein, friedlich, ruhig und weich« erweisen sich als ideal. Schäfer und Pädagoge Markus Steffen beobachtet die Wirkungen der Herde auf »seine Jungs«, die, wenn sie ankommen, meist weder das eigene noch das fremde Fürsorgebedürfnis abschätzen können. »Sie bekommen plötzlich ein Gespür dafür, was zu tun ist, wenn hintendran ein Lamm ist, das hinkt oder nicht nachkommt«, sagt er.

Schule auf dem Bauernhof als Perspektive

Die Heilpädagogische Hofschule Wendisch-Evern ist als »integrative Schule« ein Förderschulzweig der Rudolf Steiner Schule Lüneburg. Eine Initiative zum Aufbau einer integrativen Waldorfschule kam zusammen mit dem Ehepaar Andrea und Jürgen Schlüter, die ihren Hof auf biologisch-dynamische Landwirtschaft umstellten. Derzeit arbeiten dort Pädagogen, Klassen- und Fachlehrer, der Hofschulbauer sowie ein Hausmeister und eine Schulsekretärin.

Der Hof umfasst 70 Hektar Acker und 40 Hektar Wald und kooperiert mit einem anderen Demeter-Betrieb, für den er Jungrinder aufzieht. Für Schul- und Therapiezwecke werden außerdem Pferde, Schafe und Hühner gehalten. Familie Schlüter berichtet von Kindern, denen der Kontakt mit Tieren leichter fällt als mit Menschen, die in der Begegnung mit Tieren plötzlich sprechen oder Nähe zulassen können, etwa ein autistisches Mädchen: »Beim Striegeln der Tiere, gerade der Kühe, blüht sie auf.« Die Tiere können nicht nur psychische Wunden versorgen, sie können auch körperliche Entwicklungen anstoßen.

Das Konzept der Schule erlaubt, flexibel zu reagieren: »Wir haben einen Jungen in der 6. Klasse, der nach zwei Fachstunden im Raum schon überfordert sein kann. Ich gehe dann mit ihm zu ›Herrn Schlüter‹ und wir fragen, ob er nicht eine Arbeit für ihn hat. Meistens hat Herr Schlüter Arbeit und wir verabreden mit dem Jungen, dass, wenn die Arbeit getan ist, er wieder in die Klasse kommen soll, was er dann auch tut. Dann ist es diesem Jungen wieder möglich, in der Klasse am Unterricht teilzunehmen«, sagt eine Lehrerin auf dem Hof. Der Charakter unterschiedlicher Tiere ist individuell einsetzbar, berichtet Bauer Schlüter: »Alle Tiere haben ihre Besonderheit und es ist schön zu sehen, welche Kinder auf welche Tiere zugehen. Braucht ein Kind mit Trisomie 21 ein bestimmtes Tier? Oder braucht ein hyperaktives Kind ein Schwein als Gegenüber? Da haben wir eher festgestellt, ein Rind ist da ganz gut, während ein sehr ruhiges Kind ein lebendigeres Tier braucht.«

Ein Lämmchen gegen die Verlust-Angst

Andrea Schlüter berichtet von einem »hochhysterischen Mädchen, das tiefe Verlust-Ängste hat. Und wenn es sich an jemanden bindet, dann so, dass demjenigen wirklich keine Luft mehr bleibt … Dann wurde unser Lämmchen geboren. Sie hat dann das Lämmchen zur Betreuung bekommen, durfte ihm einen Namen geben. Sie hat zwar immer noch die Tendenz zu klammern, aber sie ist jetzt nicht mehr so stark fixiert. Wenn dieses Mädchen manchmal aus Angst heraus in Wut gerät, geht es aus eigenen Stücken zu seinem Lämmchen, streichelt es und kann sich entspannen.«

Geschützte Räume und bauliche Vorkehrungen, die Einzeltierkontakt ermöglichen und sowohl Tiere als auch Kinder in der Begegnung schützen, sind förderlich. Bauer Schlüter beobachtet, dass auch die Tiere den Kontakt mit den Kindern genießen: »Gerade unsere Kuh Marion hat sich so darüber gefreut, dass unsere Schüler nach den Osterferien wieder da waren. Ich hätte nie gedacht, dass Kühe unsere umtriebigen Kinder vermissen.« Dies betrifft auch weitere Tiere auf dem Hof: »Wirklich bilderbuchmäßig, wie auf Knopfdruck, wenn wir angefangen haben zu singen, haben die Schwalben gezwitschert, aber wie. Und man kann sich gar nicht vorstellen, wie die Kinder sich freuen, wenn die Schwalben mitsingen.« Jürgen Schlüter betont die zentrale Bedeutung des Bauern und dessen unmittelbare Präsenz: »Der Bauer ist in der Hofstunde präsent und er arbeitet mit den Kindern. Die Arbeit ist nicht ausgedacht, verursacht keine Blockaden und wird einfach getan.« Seine Person verkörpert Glaubhaftigkeit und Authentizität. Wichtig ist, dass auf dem Hof gearbeitet wird und der Hof »echt« ist, im Gegensatz zur Inszenierung von Landwirtschaft: »Ich will keinen Spielbauernhof. Wir wollen eine Schule sein, wo es ums Tun geht, wo die Kinder die Welt erfahren durch ihr eigenes Tun, wo sie die Ärmel hochkrempeln und sagen: ›Ich bin der Bauer‹«.

Zum Autor: Dr. Thomas van Elsen ist Biologe; mehrere Forschungsprojekte zu den Themen Kulturlandschafts- und Naturentwicklung und Ökolandbau am Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel; Verfasser einer Studie zu ökologischen Gesichtspunkten im Vortragswerk Rudolf Steiners. Aktuell baut er die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Soziale Landwirtschaft auf.

Literatur: B. Berget, B.O. Braastad, Ø. Ekeberg: Animal assisted therapy for persons with psychiatric disorders: effects on self-efficacy, coping ability and quality of life, a randomized controlled trial. Norwegian University of Life Science, Ås/Norwegen 2008; A. Klein, T. van Elsen: Soziale Schäferei – Perspektiven für den Schäferberuf. – Beitr. 12. Wiss.-Tagung Ökol. Landbau, Bonn 2013 (i. Druck); A. Ebinghaus, T. van Elsen, U. Knierin: Tiergestützte Interventionen in der sozialen Landwirtschaft aus Sicht der Tierethologie und -haltung. Beitr. 12. Wiss.-Tagung Ökol. Landbau, Bonn 2013 (i. Druck).

Link: www.soziale-landwirtschaft.de

Folgen