Aufstieg zum Mythos

Von Michael Birnthaler, März 2010

Mythen und Mythologien feiern in der Gegenwart eine fröhliche Renaissance. Harry Potter, Herr der Ringe, Eragon, Artus, Atlantis sind unübersehbare Beispiele für die ungestillte Sehnsucht des Menschen nach einer Wiederverzauberung der Welt durch alte und moderne Mythen und Märchen. Umso erstaunlicher mutet es dagegen an, dass fachlich anspruchsvolle Bücher, die die Hintergründe der Mythologien beleuchten, ausgesprochen rar sind. Mit dem Werk »Aufstieg zum Mythos« schließt sich endlich diese bislang schmerzliche Lücke.

Mit gedanklicher Stringenz werden die mythologischen Säulen, auf denen unsere Kultur ruht, aufgezeigt. Dabei spannt dieses Werk gewaltige literarische Bögen, die den Leser in die Welt der Geschichte und Geschichten lockt und ihn das eine Mal mit spannenden Erzählungen erbaut und das andere Mal mit scharfzüngigen Analysen der Zivilisationskrisen konfrontiert. Ganz nebenbei stellt sich dabei die frappierende Einsicht ein, dass die Ergebnisse der großen Mythenforscher wie Jean Gebser und Mircea Eliade und die geistigen Forschungen von Rudolf Steiner zu dieser Thematik durch geschickte Perspektivwechsel harmonisch zur Deckung kommen können.

Im Mittelpunkt der Studie stehen exemplarisch die faszinierenden Mythologien der Navaho-Indianer aus dem nordamerikanischen Canyonland. An der eindrucksvollen Schilderung ihres Weltbildes reift im Leser zunehmend eine beängstigende Gewissheit: die Grundlagen unserer abendländischen Kultur, unsere moderne Vorstellung von Raum und Zeit, von Schöpfung und dem Wirken des Göttlichen ist als beschränkt und verarmt anzusehen. Wie ein kümmerlicher ruinöser Rest einer vormals grandiosen spirituellen »Weltbild-Kathedrale« mutet unser heutiges mechanistisches Weltverständnis an.

Die besondere Leistung des Buches besteht darin, eine exakte Beschreibung zu geben, wie sich das Bewusstsein des Menschen im Laufe der Menschheitsgeschichte in bestimmten Stufen weiter- und höherentwickelt: vom archaischen, über das magische, mythische bis hin zum gegenwärtigen mental-rationalen Bewusstsein.

Die nächste Stufe, das integrale Bewusstsein, so der Autor, kann jedoch erst erreicht  werden, wenn konstruktiv auf der Stufe des Mythos aufgebaut wird. An dieser Stelle zeigt Ravagli in nachdrücklicher Weise, was wir von den sogenannten »Naturvölkern«, die gelegentlich noch als »primitive« Kulturen bezeichnet werden, zum eigenen Wohl lernen können.

In einer Zeit, in der die Anthroposophie in grober Weise rassistischer Denkweisen bezichtigt wird, sind die sensiblen, positiven und fundierten Darstellungen über die mythischen Kulturen (hier der Indianer) ein »Denk-mal« für eine antirassistische und tolerante Auseinandersetzung mit fremden Völkern. Bedauerlich ist einzig und alleine, dass es wohl vor allem diejenigen Leser erreichen wird, die sich mit Ravaglis anspruchsvoller Schreibweise und bewundernswertem Abstraktionsvermögen anfreunden können. Es hätte verdient, eine große Leserschaft zu finden, denn unsere Zeit braucht mehr denn je eine Wiederverzauberung durch die Mythen.

Lorenzo Ravagli: Aufstieg zum Mythos. Ein Weg zur Heilung der Seele in apokalyptischer Zeit. 180 S., geb. EUR 17,90. Urachhaus Verlag, Stuttgart 2009.

Die Website des rezensierten Autors.

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