Durch Liebe wird die Welt verwandelt

Von Lorenzo Ravagli, Dezember 2009

Edward Burne-Jones: Der Schicksalsfelsen, 1885–88, Öl auf Leinwand, 155 x 130 cm, Staatsgalerie Stuttgart

Einen der großen Visionäre des 19. Jahrhunderts, Edward Burne-Jones, würdigt die Staatsgalerie Stuttgart derzeit mit einer umfassenden monografischen Ausstellung unter dem Titel »Das irdische Paradies«. Inmitten rauchender Fabrikschlote und wachsenden Massenelends aufgewachsen, suchte der Maler aus Birmingham nach einer Wiederverzauberung der Welt. Was die Industrialisierung in seiner Umwelt zerstörte, bemühte er sich durch die Kunst neu zu erschaffen. Der Nüchternheit und Trostlosigkeit des viktorianischen Kapitalismus setzte er nicht die Utopie einer proletarischen Revolution entgegen, sondern einen Kosmos von Bildern, der die verelendeten Seelen durch Schönheit erlösen sollte. Kardinal Newman lehrte den 16-Jährigen »auf das nicht Greifbare zu setzen«.

Sein Leben und Schaffen verstand er als Pilgerschaft auf dem Weg zur Schönheit. Zusammen mit seinem kongenialen Freund, dem Dichter und Designer William Morris, begründete er das »Arts and Crafts-Movement«, das versuchte, der industriellen Zerstückelung der Arbeit und der Zerstörung der sozialen Bindungen entgegenzuwirken. Seine Schöpfungen kreisen um wenige, urbildliche mythische und ideelle Motive, mit denen er sein Leben lang in immer neuen Anläufen gerungen hat: den Perseus-Mythos, die Gralssage, den Minnedienst, Dornröschen, Eros und Psyche, den Hl. Georg und Pygmalion. In den Entstehungsprozess seiner Werke gibt die Ausstellung faszinierenden Einblick, sie zeigt Skizzen, Gouachen, verschiedene Entwürfe neben den späteren Gemälden.

Für seinen Freund Morris schuf Burne-Jones nicht nur Buchillustrationen, sondern auch grandiose Entwürfe zu Wandteppichen. Sie gehören zu den eindrucksvollsten Stücken der Ausstellung. Burne-Jones ist bis heute einer der populärsten Künstler Großbritanniens. Im deutschen Sprachraum muss er erst noch entdeckt werden. Der Kurator der Ausstellung, Sean Rainbird, fragt im Vorwort zum Katalog, ob wir gegenwärtig eine Art Zeitenwende erlebten, an deren Ende unsere Wahrnehmung der Welt eine andere sein werde. Die Frage kann bejaht werden: Burne-Jones hat auf diese Zeitenwende schon Ende des 19. Jahrhunderts prophetisch vorausgewiesen. Dass wir ihn heute wieder entdecken, ist kein Zufall.

Edward Burne-Jones: »Das irdische Paradies«, Staatsgalerie Stuttgart, 24.10.2009-7.2.2010. Die Ausstellung ist danach im Kunstmuseum Bern zu sehen. Katalog mit Beiträgen diverser Autoren: 232 S., 274 Abb., Verlag Hatje Cantz Ostfildern. 29,80 Euro im Museumsshop.

Die Stuttgarter Staatsgalerie im Internet: www.staatsgalerie.de. Die Ausstellung im Internet.

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