Mehr als ein Körper

Von Philip Kovce, Dezember 2012

»Turns« bezeichnen das gestiegene gesellschaftliche Interesse an einem Gegenstand und seiner wissenschaftlichen Untersuchung. Das galt beim »linguistic turn« für die Sprache, beim »iconic turn« für die Bilder und es gilt beim »body turn« für den Körper. Mit ihm haben sich Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaftler zuletzt vermehrt befasst. Wer allerdings, wie die Philosophie-Professoren Emmanuel Alloa, Thomas Bedorf, Christian Grüny und Tobias Nikolaus Klass, ein »Handbuch« zur Leiblichkeit ediert, der sollte »keinen Anspruch erheben, Teil oder gar Speerspitze des genannten ›turns‹ zu sein; schon der erste Schritt, den Begriff ›Leib‹ in eine griffige englische Formel zu übersetzen, würde sich dem widersetzen«.

Nichtsdestoweniger haben die Herausgeber 22 Autoren vereint, die den Leibbegriff in drei Schritten fachkundig umkreisen: Zuerst wird er in der Phänomenologie aufgespürt, ausgehend von Husserl über Merleau-Ponty, Heidegger und Levinas bis hin zu Bernhard Waldenfels und Hermann Schmitz; darauf folgt eine allgemeine Geschichte des Leibbegriffs, die grundverschiedene Gestalten wie Nietzsche, Freud, Cassirer und Aby Warburg, aber auch Vertreter der organismischen Biologie und der philosophischen Anthropologie versammelt; und schließlich formulieren Adorno, Foucault, Ricœur, Deleuze und andere Grenzen und Kritik des Begriffs. Abgerundet wird der Band durch eine umfängliche Arbeitsbibliografie und ein hilfreiches Sachregister.

Warum es sich lohnt, nicht nur dem Körper-, sondern gerade dem Leibbegriff eine solche Wertschätzung entgegenzubringen, verdeutlicht das Editoren-Quartett in der Einleitung: »Mit dem Leibbegriff wird eine Dimension körperlichen Daseins benannt, die nicht in einem objektivistischen oder materialistischen Körperverständnis aufgeht, sondern aufs engste mit der Kategorie der Erfahrung verknüpft ist. Gerade hierin steht er zu jeder Reduktion der Leiblichkeit auf die Ausdehnung eines Körpers bzw. die Idee einer Körpermaschine quer.« Gemeint ist mit dem Leib also weder ein christlich noch ein naturalistisch verklärter Körper, sondern ein »philosophischer Begriff«, der auf ein Wahrnehmungsorgan, eine Weise des Weltzugangs, ja einen »Nullpunkt aller Orientierungen« (Husserl) bezogen ist.

Einen Körper habe ich, aber mein Leib bin ich – dieses auf Helmuth Plessner zurückgehende Diktum verdeutlicht ein einfaches Beispiel. Wenn meine rechte Hand die linke berührt, nimmt sie nicht nur ein äußerliches Ding mit bestimmter Oberflächenqualität wahr, sondern »im selben Augenblick tritt, wenn ich will, ein außerordentliches Ereignis ein: Auch meine linke Hand beginnt, meine rechte zu empfinden« (Merlau-Ponty). Das bloße Ding verändert sich, »es wird Leib, es empfindet« (Husserl). Dieses Irreduzible des Leibes in seinen vielfältigsten Konsequenzen anzusprechen und geistesgeschichtlich zu fundieren, das verdankt man diesem »Handbuch«, das im Grunde weit mehr ist: ein gelungenes Denkbuch.

Emmanuel Alloa, Thomas Bedorf, Christian Grüny, Tobias Nikolaus Klass (Hrsg.): Leiblichkeit. Geschichte und Aktualität eines Konzepts, 412 S., krt., EUR 20,99. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2012.

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