»Mein« Rudolf Steiner

Von Henning Kullak-Ublick, März 2011

Meine Schulzeit endete mit einer Flasche Rotwein im Londoner Holland Park, wo ich allen Passanten mit Alice Coopers Lied »School’s out forever!« zuprostete. Es folgten einige Wander- und Straucheljahre, die mich irgendwann in ein Herdecker Krankenhausbett führten. Dort fischte mir eines Morgens eine reizende alte Dame Rudolf Steiners Theosophie von einem Teewagen und empfahl sie mir zur Lektüre.

Beim Lesen tauchte ich in ein gefühltes Gespräch mit dem Autor ein, bei dem sich alle paar Seiten ein Schleier zu heben schien, indem sich meine Aufmerksamkeit auf Erfahrungen richtete, die zwar immer in mir vorhanden waren, denen ich aber bisher keine Beachtung geschenkt hatte. Einem Lehrgebäude – von denen ich bereits einige kannte – fühlte ich mich in keinem Moment ausgesetzt; stattdessen ging es immer darum, selbst nachzugucken, was passiert, wenn ich mich auf die angeführten Gesichtspunkte einließ. Das funktionierte allerdings nur, wenn ich die Kraft aufbrachte, den Schleier nicht wieder fallen zu lassen, bevor es weiterging. Viele Jahre später ging mir auf, dass diese Vorgehensweise einer Ur-Meditation entspricht, die nicht auf einer Herabdämpfung der eigenen Urteilskraft beruht, sondern auf ihrer Steigerung: Ich übte, die Gedanken, die mir beim Lesen ins Bewusstsein kamen, schon bei ihrem Zustandekommen zu beobachten und dadurch Kräfte in meiner Seele zu entdecken, die vorher geschlummert hatten. Anthroposophen kannte ich damals kaum, allerdings stieß ich bei den GRÜNEN bald auf Joseph Beuys und lernte Steiners Ideen zur Dreigliederung des sozialen Organismus kennen. In dieser Zeit gab es den Nato-Doppelbeschluss, die ökologische Weltkrise trat mit voller Wucht vor das Bewusstsein einer ganzen Generation. Merkwürdigerweise begegneten mir immer wieder Waldorfschüler, die sich zwar für alles interessierten, was damals die Gemüter bewegte, sich aber eine spürbare Unabhängigkeit gegenüber den zahllosen politischen und sonstigen Gruppenzwängen bewahrten. Außerdem machten sie die besten Feten. Eine von ihnen – inzwischen meine Frau – führte mich an ihre Schule, wo ich das Waldorfurgestein Werner Rauer traf, dem ich an das Waldorflehrerseminar in Witten-Annen folgte. Die völlig andere Art, wie Schule dort gedacht, gefühlt, geübt wurde, entzündete in mir ein ganzes Feuerwerk von Fragen. Schon auf einem Demeter-Hof hatte ich die Erfahrung gemacht, dass die Welt sich vollständig anders anfühlt, wenn man sie aus zweifelnder Distanz beobachtet oder an und mit (!) ihr arbeitet. Jetzt lernte ich pädagogische Gedanken kennen, die nicht fragen: »Was soll ... «, sondern »Was will mal aus dir werden?« Die oben beschriebene meditative Urgeste ist auch die pädagogische Urgeste schlechthin, indem sie einen Freiraum für den anderen schafft, in welchem er sich zeigen und in dem er wachsen kann. Und mein Lied vom Holland Park? Muss man es nicht immer singen, wenn die Ordnungshüter in den Schulen das Kommando übernehmen wollen? »Mein« Steiner wollte, dass Schule sich mit und durch die handelnden Menschen lebendig wandelt. Statt »School’s out forever« eben »Come together« – von den ... 

Henning Kullak-Ublick, Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen und bei den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, seit 1984 Klassenlehrer in Flensburg, Aktion mündige Schule (www.freie-schule.de)

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