Meine »Tour de France«. Mit dem Fahrrad von Ostwestfalen in die Bretagne und zurück

Von Nathan Niedermeier, Februar 2016

Nach der Zusage, als Delegierter der BUND-Jugend an einem Sommercamp der europäischen Jugend-Umweltorganisation in der Bretagne teilnehmen zu können, beschloss ich, zu dem kleinen Ort im äußersten Westen Frankreichs nahe der Stadt Douarnenez mit dem Fahrrad zu reisen.

Der Autor in der Bretagne.

Ich wollte nicht nur an dem Camp teilnehmen und mit 100 jungen Leuten aus 20 verschiedenen europäischen Staaten über Klimaschutz, Klimagerechtigkeit und die Weltklimakonferenz in Paris im Dezember 2015 diskutieren, sondern auch möglichst klimaneutral und umweltverträglich reisen und leben.

Ende Juni: Alles ist gepackt und vorbereitet. In aller Frühe stehe ich auf, belade mein Fahrrad und auf gehts. Bei kühler frischer Morgenluft erreiche ich fix das Wiehengebirge und treffe dort auf meinen Bruder. Zusammen geht es zunächst nach Bünde, wo wir bei unserem Großvater eine gemütliche Mittagspause unter Bäumen einlegen. Danach trennen wir uns und ab jetzt geht meine Tour so richtig los. In Münster übernachte ich bei Freunden, genauso wie am nächsten Tag in Duisburg, nachdem ich den Ruhrpott bei sehr heißem Wetter entlang der Emscher und einigen Kanälen durchquert habe. Am dritten Tag erreiche ich das kleine aber feine Venlo an der Maas in den Niederlanden, folge dem Fluss aufwärts und verbringe meine erste Nacht im Freien in meiner Hängematte an einem See. Abends gibts Essen mit den Füßen im Wasser und einer erfrischenden Schwimmrunde . Morgens koche ich mir zum ersten Mal Tee auf meinem Raketenofen, ein tolles Gefühl.

Weiter gehts entlang der Maas nach Maastricht und durch Belgien, wo ich mir mein Abendbrot durch Ukulele spielen verdiene, vorher aber bei über vierzig Grad leider viel durch Industriegebiete fahre, die mir einiges an Motivation rauben. Am sechsten Tag erreiche ich Frankreich und verlasse nachmittags die Maas. Nachdem ich an dem Tag bereits gut 100 Kilometer gefahren war, musste ich nochmal viel Energie und Durchhaltekraft aufbringen, um mich bei beginnendem Regen die Berge der Ardennen hochzukämpfen. In strömendem Regen schaffe ich es noch, vor Einbruch der Dunkelheit den Bauernhof zu erreichen, zu dem ich wollte. Am nächsten Morgen fahre erst mittags los. Weiter gehts durch die Picardie, dann durch das wunderschöne Tal der Seine bis zum Atlantik, den ich nach zwölf Tagen und rund 1.200 Kilometern erreiche, ein erstes richtig großes Erfolgserlebnis!

In Le Havre treffe ich junge Leute, die mich spontan in ihrer Wohnung übernachten lassen. Von dort aus folge ich die meiste Zeit der Küste bis zu den Stränden des Jour-J: ein besonderes Gefühl, 71 Jahre nach der Invasion jetzt hier zu stehen mit all dem Wissen aus den Geschichtskursen. Ab Caen fahre ich auf einer ehemaligen Bahntrasse bis zur Normannischen Schweiz, die ich schwitzend durchquere. Ich schlafe in meinem Schlafsack in einem verwunschenen Wald und genieße das Blätterdach und die Sterne über mir. Ab und an blökt ein Schaf, ein Hund bellt in der Ferne, es ist richtig gemütlich. Wunderschön ist mein nächster Schlafplatz an einem Aussichtspunkt mit Blick auf den Mont-Saint-Michel.

Ich folge weiter der Küste und verweile lange an wunderschönen Caps, die mich mit ihren schroffen Felsen und der kargen Vegetation in ihren Bann ziehen. Ich sitze einfach da und gucke zu, wie die geballte Macht des Ozeans hier gegen die Felsen prallt und die schwarzen Steine schäumend umspült. Dieser Anblick, vermischt mit dem Gefühl, mit eigener Kraft bis hier hin gekommen zu sein, ist einfach unbeschreiblich, atemberaubend und schön.

Etwas später stehe ich dann zwischen den Felsen und lasse die Brandung gegen meine Brust klatschen, ein irres Gefühl, das mich mit tiefer Freude erfüllt.

Nach vielen schönen weiteren Erlebnissen und einer wunderschönen Nacht in einer Meereslagune, biege ich in St. Brieux von der Küste ab und durchquere die Bretagne entlang des Nantes-Brest-Kanals. Nach 19 Reisetagen erreiche ich Douarnenez. Mit Schwung geht es hinunter in die Stadt. Noch nie in meinem Leben hatte ich ein derartiges Gefühl, etwas geschafft zu haben. Es war einfach unglaublich.

Eine Woche verbringe ich nun im Dorf Beuzec-Cap-Sizun, nahe des westlichsten Punktes Frankreichs, des Point du Raz, im Sommer-Camp der Umweltorganisation Young Friends of the Earth Europe (YFoEE). Es gibt viele Workshops und das weitere Vorgehen sowie konkrete nächste Schritte von YFoEE werden besprochen und geplant.

Auch eine Demo sowie eine Exkursion mit erfolgreichen einheimischen Anti-Atom Aktivisten gehört zum Programm. Hintergrund der Demo war, dass eine nahegelegene Insel (Île de Seine) versucht, sich zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien zu versorgen, der staatliche Stromkonzern EDF dies jedoch mit allen Mittel zu verhindern sucht.

Mich hat in diesen sieben Tagen besonders beeindruckt, wie vielfältig und unterschiedlich sich Menschen in Europa und der ganzen Welt für eine lebenswertere Zukunft auf diesem Planeten einsetzen. Das macht Mut, gibt Kraft und zeigt, wie viele Menschen in unserer Zeit mit dem Bewusstsein, dass unsere Zukunft sich gestalten lässt, sich aktiv auf dem Weg machen, um genau dies zu tun.

Ende Juli ging es dann erneut auf Tour, zurück mit dem Fahrrad nach Hause. Ich bin dankbar und glücklich für die unglaubliche Zeit, die hinter mir liegt.

Die Reise war für mich eine kraftspendende, aber auch reinigende Zeit, denn ich konnte nach dem Abi in meinem Kopf alles gut sortieren und aufräumen. Außerdem habe ich mich sehr gefreut, so viele wunderbare, hilfsbereite Menschen getroffen zu haben: Menschen, die mir meine Wasserflaschen aufgefüllt und den Weg erklärt haben, die Umwege fuhren, um mich auf den richtigen Weg zu bringen, die mir Karten schenkten, damit ich mich besser orientieren konnte, die mich auf ihre Terrasse einluden, um mit mir eine Tasse Kaffee zu trinken, die mich spontan oder vorher abgesprochen bei sich übernachten ließen und mir oft sogar eine warme Mahlzeit bescherten; Menschen die mich anfeuerten, mir eine gute Tour wünschten, mit mir ins Gespräch kamen oder mich einfach anlächelten.

Zum Autor: Nach dem Abitur der FWS Minden befindet sich Nathan Niedermeier in einer Orientierungsphase. Die Fahrradtour war ein Teil davon. Er arbeitete auf einem Demeter-Weingut, hielt Vorträge an Universitäten zur UN-Klimarahmenkonvention und der UN-Klimakonferenz und fuhr mit dem Fahrrad zum Weltklimagipfel nach Paris.

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